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Reif für die Insel - der letzte Tag

Dienstag, 13.09.2011: Als ich heute die Augen aufschlage, sind meine Gefühle so gemischt, wie der Eisbecher von gestern. Einserseits kribbelt die Vorfreude auf zu Hause in meinem Bauch, andererseits scheint direkt daneben ein Stein zu liegen, der ordentlich drückt. Letztendlich fühle ich mich heute wie gestern nach Dreiviertel meines Bananensplits: es war ein Genuss, aber irgendwann ist man einfach übersättig von dem tollen Geschmack. So sehr ich mich auf zu Hause freue, ahne ich auch, dass der Vormittag heute nicht einfach werden wird. Als Fynn und ich den Frühstücksraum betreten, spüre ich, dass meine Befürchtungen wohl wahr werden. Die Stimmung ist gedämpft. Claudi und Steffi rufen ein wehmütig-lächelndes „Guten Morgen“ zu unserem Tisch rüber. Wir frühstücken und schmieren uns noch ein paar Brötchen als Reiseproviant. Da wir nur zu zweit und mit dreieinhalb Stunden am kürzesten von allen unterwegs sind, ist die Wegzehrung mit vier Brötchen überschaubar. Bei den Frauen ab drei Kindern aufwärts mit bis zu zehn Stunden Rückfahrt Richtung Süddeutschland biegen sich die Tische unter den Brötchen, Trinkflaschen, Äpfeln und Bananen. Als wir fertig gefrühstückt haben, setzen wir uns noch ein paar Minuten zu Heike an den Tisch. In einer Viertelstunde reist die erste Truppe Mädels ab. Da die Fähre von Norderney nach Norddeich stündlich geht, haben wir heute noch mehrere Abschiede vor der Brust. Fynn und ich gehören mit der Fähre um 11.45 Uhr mit zu den Letzten, die heute fahren. Im Foyer herrscht heilloses Chaos. Zwischen Taschen, Koffern, Keschern und Kinderwagen wuseln Mütter und Kinder wild herum. Der Kinderwagen von Steffis kleiner Tochter Ivaine ist so vollgepackt, dass man nur noch zwei wunderschöne, kullerrunde Babyaugen rausgucken sieht, der Rest vom Kind ist unter´m Gepäck verschwunden. Claudi und ich machen noch ein paar Fotos von der allgemeinen Abreisepanik und fangen dann, uns von den Mädels zu verabschieden, bevor der Bus kommt. Ich drücke Birgit und Olga und halte mich noch tapfer. „Tschüss Miriam, es war schön mit dir, bleibt so wie du bist, mach´s gut!“ „Tschüss Conni! Mach´s gut, Annette! Passt auf euch auf, Ilka!“ Als ich Steffi fest drücke, steigen die Tränen hoch, die ich tapfer wegdrücke. Und dann mache ich den Fehler, Claudi anzugucken, bei der ebenfalls Hochwasser herrscht. Wir zeigen beide drohend aufeinander und sagen wie aus einem  Munde: „HÖR AUF!“ Vorbei! Jetzt läuft´s und ist auch nicht mehr aufzuhalten. Die andere Claudia, die ich auch schon gedrückt habe, läuft an mir vorbei und schnell weiter. Sie ruft: „Meeensch, bis jetzt war ich sooo tapfer, jetzt heul ich auch gleich!“ Ich stell mich schnell nach draussen und wische fleißig die Tränen weg, damit ich nicht noch jemanden anstecke. Vergebens. Steffi steht jetzt mit ihrer ganzen Müller-Bande im Bus und lässt die Tränen kullern. Die Bustüren schließen sich, und wir winken uns alle die Seele aus dem Leib. „Tschüss, macht´s gut! Schön war´s!“ Als der Bus um die Ecke biegt, haben wir den ersten Abschied für heute geschafft. Eine Stunde später wird mir nochmal alles abverlangt. Jetzt gehen Claudi und Heike. Beim ersten Abschied der anderen hat sich Heike gut gehalten, als ich sie jetzt in den Arm nehme, weint sie auch. „Macht´s gut, ihr Lieben! Passt auf euch auf! Wir sehen uns ganz bestimmt wieder!“ Die Truppe, die jetzt gehen muss, ist zu klein, um mit dem Bus vor´m Haus abgeholt zu werden und macht sich jetzt mit Sack und Pack auf den Weg zur Bushaltestelle eine Straße weiter. Wir winken wie blöd, bis sie alle um die Ecke gebogen und nicht mehr zu sehen sind. Jetzt wird es echt Zeit, dass wir auch langsam fahren. Mehr Abschiede verkrafte ich heute nicht. Aber einen muss ich noch: Ilka hat ihr Auto fertig gepackt und ist auch startbereit. „Tschüss Miri, es war soooo ´ne tolle Zeit und hat soviel Spaß gemacht mit dir! Mach´s gut!“ „Tschüss Ilka! Wir lesen uns!“ Wir haben jetzt noch zwei Stunden, bis unser Taxi kommt, und ich muss nach all dem ganzen Herz-Schmerz dringend an die frische Luft. Fynn und ich drehen noch eine allerletzte Runde durch´s Städtchen. Mein Sohn hätte soooo gerne noch eine Plüschrobbe, aber sein Taschengeld ist leider alle. Da ich so stolz auf mein Kind bin, weil er sein nächtliches Problem ganz alleine in den Griff gekriegt und mir in den drei Wochen auch so nur Freude gemacht hat, lasse ich die 13 Euro springen und kaufe ihm die zugegebenermaßen total süße, flauschige Robbe. Jetzt geht´s noch in den Souvenirladen an der Ecke. Dort habe ich nämlich am ersten Tag eine Tasse entdeckt, die wie für mich gemacht zu sein scheint. Auf ihr steht: „Ich bin nicht gestört, sondern verhaltensoriginell.“ Jetzt gibt´s noch einen letzten Ballen Zitroneneis im Café Florian (der Sieger in unserem persönlichen Norderneyer Eisdielenwettbewerb) für Fynn, und dann machen wir uns wieder auf den Rückweg zum Kurhaus. Das Erdgeschoss wirkt jetzt wie ausgestorben, so dass ich noch ein paar letzte Bilder vom Foyer, vom Aufenthaltsraum, von der Sonnenterrasse und vom Kinderhaus mache. So langsam wird es Zeit das Taxi zu rufen. Christiane und ich nehmen die gleiche Fähre. Jetzt drücken wir noch Marion und Erika, die nun als Letzte übrig bleiben. Und jetzt heißt es auch Abschied nehmen von meinem kleinen Freund Jonas. „Tschüss Jonas, mach´s gut. Denk beim nächsten Mittagessen mal an mich, ok?“ „Jaa!“ bekomme ich mit dem strahlenden Jonas-Lächeln geantwortet. „Und wenn du zu Hause bist, schreibst du mir mal eine Email, ja?“ Auch hier ertönt ein lautstarkes „Jaaaa!“ Jonas ist zwei und ein Lehrerkind, da wird das mit dem Schreiben doch wohl kein Problem sein. Das Taxi ist da. Obwohl wir nur noch ein kleiner Rest sind, werden auch wir, so wie die anderen zuvor, persönlich vom ganzen Betreuerteam verabschiedet. Ich bedanke mich ein weiteres mal bei Frau Nord, die Fynn so toll mit ihrer liebevollen, warmherzigen und kompetenten Art bei seinem Problem unterstützt und zu der er direkt Vertrauen gefasst hat. Ich sage im wahrsten Sinne des Wortes „Auf Wiedersehen!“, denn ich werde der Einladung zu einem langen und kinderlosen Nachkurwochenende in eineinhalb Jahren garantiert folgen und wiederkommen. Die Taxitüren schließen sich, und los geht´s Richtung Hafen. Unsere Fähre ist schon da, so dass wir nach einigen Minuten Wartezeit direkt einsteigen können. Der Wind ist immer noch stark und ziemlich kalt, aber bis zur Abfahrt der Fähre wollen Fynn und ich den letzten Ausblick auf die Insel noch genießen. Wie auf der Hinfahrt reißt jetzt plötzlich der Himmel auf und schenkt uns zum Abschied einen wunderschönen Ausblick auf die in die Sonne getauchte Insel und das glitzernde Meer. Ein tiefer Atemzug. Aufsaugen. Festhalten. Abspeichern. Als die Motoren zu wummern beginnen und sich die Fähre langsam aus dem Hafen entfernt, sagt Fynn: „Los Mama, wir müssen Norderney noch winken.“ Ich lege meinen Arm ganz fest um ihn, wir winken, was das Zeug hält und rufen laut: „Tschüss Norderney!“ Der Wind ist jetzt noch stärker geworden, aber ich kann mich einfach noch nicht losreißen. Während Fynn schon ein Deck tiefer ist, werfe ich einen letzten Blick auf das unfassbar schöne Meer und die immer kleiner werdende Insel und sage „Danke“! Danke für wunderschöne Tage am Strand, für Zeit zum Lesen und Chillen, für Aerobic und Thai-Chi, für Massagen und autogenes Training, für ausgiebige Einkaufsbummel, für intensive und innige Zeit mit meinem Kind, für lustig-belanglose und auch tiefe und berührende Gespräche, für´s Lachen und Rumalbern, für´s Abfeiern im Inselkeller, für Zeit mit mir ganz allein, für Beratung, Stärkung und Unterstützung, für die Spieleabende und Ausflüge, für´s leckre Essen, für Freundschaften, für´s Entstauben meines Bauchgefühls und für das wiedererlangte Bewusstsein, dass nur ich allein bestimme, wo meine inneren Grenzen sind und was mir gut tut. Mach´s gut, Norderney, wir werden uns wiedersehen.

14.9.11 08:35
 
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