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Reif für die Insel - Tag 21

Montag, 12.09.2011: Die Insel hat sich fest vorgenommen, mir den Abschied nicht allzu schwer zu machen. Als ich um halb acht die Vorhänge unseres Appartements aufziehe, ist der Himmel grau, und es regnet in Strömen. Unten beim Frühstück angekommen (wir gehören wie immer zu den Letzten, die eintrudeln) scheucht Claudia mich direkt wieder nach oben ins Foyer: Suna und Ece und die andere Monika mit ihren drei Kindern reisen gerade ab. Als wir ins Foyer stürzen, steigen gerade alle ins Taxi. David, einer von Monikas Söhnen, winkt Fynn zu. Die beiden haben in den drei Wochen viel Zeit miteinander verbracht und sind wohl auch wegen ihres gemeinsamen Problems sehr zusammen gewachsen. Suna drückt uns alle ganz herzlich und steigt dann ins Taxi. Mit einem lauten „Tschühüüüüss!!!“ winken wir Monika und Suna wild hinterher. Als wir wieder reingehen, tränen mir die Augen. Immer dieser Wind…. Nach dem Frühstück steht für alle Übriggebliebenen das letzte mal Thai-Chi auf dem Programm. Obwohl es stürmisch ist, sind wir uns alle einig, dass wir heute nochmal an den Strand wollen. Ich freue mich darauf, nochmal eine entspannte Stunde am Wasser genießen zu können. Aber da hab ich meine Rechnung ohne Herrn Lee gemacht. Weil wir heute einen großen Teil der Stunde Partnerübungen machen und wir eine ungerade Zahl Frauen sind, wählt er mich als seinen Partner aus. Natürlich ist es schön, mit jemandem die Übungen zu machen, der sie komplett richtig beherrscht, aber in dieser Stunde ist eben auch kein Fudeln angesagt, weil uns alle beim Vormachen der Übungen zugucken und Herr Lee gnadenlos durchzieht. Während andere in einer Übung mittendrin absetzen, weil ihnen die Puste ausgeht, muss ich heute die Zähne zusammen beißen und durchhalten. Damit ist es aber für heute noch nicht getan. Jetzt werde ich noch von Herrn Lee durch die Reihen geschickt, um zu kontrollieren, ob die anderen die Übungen richtig machen und sie zu korrigieren, wenn dem nicht so ist. Vielleicht sollte ich mich jedes Jahr für die Sommermonate als seine Assistentin bewerben.  Am Ende der Stunde strahlt er mich an und sagt: „Ich muss schon sagen, sie sind superrrr in Form!“ Jetzt neigt sich die Stunde dem Ende zu, und wir sollen unsere „strrrrrammen“ Oberschenkel ausklopfen. Ilka fragt Herrn Lee, ob er das R schon immer so gut rollen kann, oder ob er das irgendwo gelernt hätte. „Meine Frrrrrreundin kommt aus Polen, das habe ich von ihr gelernt.“ klärt er uns auf. Als wir uns im obligatorischen Abschlusskreis aneinander festhalten, uns zurücklehnen und in den Himmel schauen, ist (nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes) wieder so ein „Festhalte“-Moment gekommen. Wieder im Kurhaus angekommen, hat Herr Lee noch für diejenigen eine Thai-Chi-DVD mitgebracht, die zu Hause gerne unter seiner Anleitung (wenn auch nur vom Fernseher aus) weitermachen möchten. Für 17 stolze Euro gibt es dieses unvergessliche Unikat an Mann klein und kompakt zum Mitnehmen. Die 17 Euro sind es mir aber allein schon deswegen wert, weil die Thai-Chi-Stunden mit zu der großen Sammlung meiner schönen Kurerinnerungen gehören. Zum Abschied schüttelt Herr Lee allen die Hand. Als ich an der Reihe bin, fällt er mir um den Hals und sagt: „Tschüss, machen sie es gut. Sie waren die Talentierteste der ganzen Gruppe.“ Ich drücke meine Handflächen vor meiner Brust aneinander und verbeuge mich, wie wir es von ihm gelernt haben. Heike und ich machen uns jetzt auf den Weg in die Stadt, um am Altglascontainer unseren verbotenen Müll zu entsorgen. Anschließend möchte Heike noch zu Netto, um ein bisschen Reiseproviant zu kaufen. „Zu Netto? Wo ist denn hier ein Netto?“ Ich hab bisher immer bei Edeka eingekauft. In einer Nebenstraße, durch die ich schon mehrmals gelaufen bin, liegt der Netto seit drei Wochen ohne mein Wissen und sacht nix. Mit Getränken und Süßkram bepackt machen wir uns wieder auf den Rückweg. Im Foyer wimmelt es gerade von Leuten des Betreuerteams, so dass ich meine Kamera hole, um noch ein paar Schnappschüsse zu machen. Als der leckre Hausmeister kommt, wird er auch abgelichtet: „Wir brauchen unbedingt ein Foto von ihnen, weil wir daraus einen lebensgroßen Starschnitt wie früher in der Bravo machen wollen.“ Der Weiberpulk hinter mir gröhlt, der Hausmeister grinst über´s ganze Gesicht. Alles sich-mit-anderen-Dingen-beschäftigen hilft nix, ich muss jetzt mal langsam hoch und mit dem Koffer packen beginnen. Als ich in meinem Appartement stehe, scheint mir der Berg an Sachen, die wieder mit zurück müssen, unüberwindbar. Nach einer Viertelstunde ist der erste Koffer aber schon voll, und das Chaos lichtet sich langsam. Irgendwann halte ich meine blaue Regenjacke in der Hand und frage mich, wozu ich sie eigentlich eingepackt habe. Drei Wochen lang hat sie im Schrank gehangen, ohne dass ich sie auch nur einmal rausgeholt habe. Als es Zeit für´s Mittagessen ist, sieht es doch schon recht überschaubar aus. Als ich mich gegenüber von Jonas an den Tisch setze, sage ich theatralisch: „Haaach Jonaaas, das ist heute unser letztes gemeinsames Mittagessen!“ Jonas matscht ungerührt in seiner Lasagne rum und strahlt mich an. Is klar! Gerade mal zwei Jahre alt und schon das erste Frauenherz gebrochen! Ich bleibe nach dieser Kur trauernd zurück, und der sucht sich bestimmt direkt am Mittwoch im Kindergarten eine Neue, viiiiiel jüngere. Tz! Wenn man sich jetzt im Essens-Saal umguckt, hat man ein eigenartiges Bild vor Augen. Die Stellen, an denen die sassen, die bereits abgereist sind, sind verwaist, und dazwischen sitzt immer mal wieder jemand einsam und verlassen vor seinem Mittagessen. Steffi sitzt zum Beispiel alleine an einem Achtertisch, Claudia an dem anderen. Das ändern wir schnell, indem wir uns alle zusammenrotten und das letzte Mal gemütlich zusammen essen und anschließend noch eine Runde plaudern. Cécil bekommt gerade Bescheid, dass ihre Krankenkasse eine Woche Verlängerung genehmigt hat. So bleiben zusammen mit Kerstin zwei Mütter von uns noch sieben Tage länger und halten die Stellung. Ich freue mich für beide, weil sie sich die Verlängerung wirklich gewünscht haben, könnte mir persönlich aber nicht vorstellen, noch länger zu bleiben. Es war eine superschöne, unvergessliche Zeit, aber jetzt ist einfach der Punkt gekommen, wo ich satt bin an Erholung, Ruhe und soviel Gemeinsamkeit und einfach nach Hause möchte. „Ob es hier in jeder Kur so harmonisch und lustig zugeht, wie bei uns?“ fragt Steffi sich laut. Ilka weiß anderes zu berichten. Bei ihrem letzten Massagetermin hat die Physiotherapeutin berichtet, dass wir und die Gruppe vor uns positive Ausnahmeerscheinungen waren, und dass es schon Gruppen gab, bei denen einzelnen Müttern nahegelegt wurde, die Kur vorzeitig zu beenden, weil sie soviel Unfrieden gestiftet haben. Ich mache mich auf zur zweiten Pack-Etappe, bei der jetzt so ziemlich alles in den Taschen verschwindet, was wir morgen früh nicht noch benötigen. Um halb drei hole ich Fynn zu seiner letzten Ultraschall-Untersuchung ab. Mit Schwester Maike unterhalte ich mich darüber, wie erschreckend es ist, dass soviele Kinderärzte und Kinderurologen auf dem Gebiet der Enuresis so wenig geschult und nicht in der Lage sind, das Problem der Kinder nicht erstmal mit den banalsten und einfachsten Verhaltensweisen aus der Welt zu schaffen. Wir hätten uns fast zwei Jahre Ärzte-Odyssee inklusive medikamentöser Therapie und einer für Fynn schmerzhaften Blasenspiegelung unter Vollnarkose sparen können, wenn sein Kinderurologe in der Lage gewesen wäre, das geführte Blasentagebuch richtig zu deuten und als Konsequenz eine Umstellung seines Trinkverhaltens und Beckenbodentraining anzuordnen. Als ich mich von Schwester Maike verabschiede, kann ich das Gefühl der Dankbarkeit für das, was hier für uns getan wurde, nicht ansatzweise in Worte fassen. Denn für Fynn bedeutet die Lösung seines Problems eine völlig neue und nie dagewesene Lebensqualität. Schwester Maike drückt uns noch ihre Email-Adresse in die Hand und bitte uns, sie auf dem Laufenden zu halten. Jetzt wird es Zeit, sich für die anstehende Wattwanderung fertig zu machen. Damit die Regenjacke doch noch zum Einsatz kommt, ziehe ich sie jetzt einfach mal für die Wattwürmer an. Um viertel nach drei steht der Bus vor der Tür, um uns zum Hafen zu bringen. Als wir aus dem Bus aussteigen, fängt es an zu nieseln. Nun marschieren wir mit unserem Wattführer barfuss über matschige Wiesen Richtung Watt, während der Regen und der Wind von Minute zu Minute stärker werden. Im tiefsten Matsch angekommen machen wir jetzt alle paar Meter Halt, um etwas über Wattwürmer, Muscheln und die pflegende Wirkung von Algen erklärt zu bekommen. Das Problem ist, dass unsere Kapuzen bei dem mittlerweile orkanartigen Wind so laut an unseren Ohren flattern, dass man kein Wort versteht, falls man nicht Lippenlesen kann. Mittlerweile fangen die ersten jüngeren Kinder an zu nörgeln und zu heulen. Mein Sohn hält sich tapfer, hat aber jetzt ein ganz anderes Problem: er muss mal! Und um uns rum nur flaches Watt soweit das Auge reicht. Als er es nicht mehr aushalten kann, schlage ich ihm vor, sich so weit wie möglich von der Gruppe zu entfernen, um unerkannt pinkeln zu können. Als er losflitzt, rufe ich ihm noch hinterher, dass er am besten mit dem Wind und nicht dagegen pinkeln soll. Wobei: es schüttet eh gerade wie aus Eimern, da würde man den Unterschied eh nicht erkennen. Als Fynn nach kurzer Zeit wieder angerannt kommt, erzählt er mir ganz stolz, dass er sich seitlich zum Wind gestellt und um die Ecke gepinkelt hätte. Das ist doch mal lebensnahe Physik. Die Stimmung ist inzwischen bei den meisten auf dem Tiefpunkt angelangt. Der Wattführer fasst sich netterweise kurz, weil er wohl selber gerne wieder ins Trockene will. Als wir uns auf den Weg hinter den Deich Richtung Bus machen, sind wir alle total durchgefroren und pitschenass. War ´ne super Idee, die letzten Klamotten einen Tag vor Abfahrt nochmal richtig dreckig und nass werden zu lassen. Aaaaaber: Wattwanderung bei schönem Wetter kann ja jeder! Im Kurhaus angekommen, springen Fynn und ich erstmal unter die heiße Dusche. Anschließend beauftrage ich meinen Sohn mit dem Packen seiner Spielsachen, was sich als größere Herausforderung als das Packen der restlichen Sachen entpuppt. Alles, was der Kerl gemalt, gebastelt und geschrieben hat, muss mit zurück. Die Bilder sind pflegeleichtes Gepäck, aber die aus Papier gefaltete viereckige Katze nimmt nicht nur Platz weg, sondern muss auch noch so im Koffer positioniert werden, dass sie von nichts anderem platt gedrückt wird. Zur Krönung haben die Kinder drei Tage vor Abreise auch noch einen luftballongrossen Schweinchenkopf mit Zeitungspapier und Tapetenkleister gebastelt. Die verantwortlichen Erzieher sollen froh sein, dass ich den Kurfragebogen schon abgegeben und nur gutes rein geschrieben habe. Ich weiß, dass Fynn dieses pinkfarbene Ding zu Hause keine Blickes mehr würdigen wird, aber ES MUSS UNBEDINGT MIT!!! „Fynn, wo willst du das denn hin packen???“ „Ich kann das doch in der Hand halten.“ Weil mich nach diesen wunderschönen drei Wochen so schnell nichts aus der Ruhe bringt, einigen wir uns darauf, den Schweinchen-Kopf in eine Tüte zu packen und diese an Fynns Spielzeugkoffer zu binden. Mittlerweile ist es Zeit für´s Abendessen. Weil Monika und Luis schon abgereist sind, sitzen jetzt Cécile und Dario bei uns am Tisch. Im Gegensatz zur lustigen und hyperaktiven Hibbeligkeit, die Monika und Luis immer verbreiteten, herrscht heute die warme und positive Gelassenheit, die Cécile und Dario ausstrahlen. Während des Abendessens öffnet sich die Tür vom Speiseraum, und ein fremdes Gesicht erscheint: eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern. Wir tauschen verwunderte Blicke, weil doch eigentlich morgen erst die neue Gruppe anreist. Hinterher erfahren wir, dass sich hier wohl Krankenkasse oder Arzt der Frau mit dem Termin vertan und ihr somit einen Extra-Tag beschert hat. Mit fragendem Blick geht die Neue durch den Speisesaal, weil sie natürlich noch nicht weiß, wo alles steht. Ich muss lächeln, als ich drei Wochen zurück denke und mir vorstelle, wie hilflos wir am ersten Tag unterwegs waren. Und jetzt sitzen wir alle gemütlich zusammen und müssen uns morgen schon wieder voneinander verabschieden, weil die Zeit einfach rasend schnell vergangen ist. Die Frau wird jetzt von der Küchenfee Frau Gagelmann an unseren Tisch gesetzt und grüßt freundlich in die Runde. Sie macht einen sympathischen Eindruck, aber es hilft alles nix: sie kommt uns bei unserem letzten gemeinsamen Abendessen wie ein Fremdkörper vor, der nicht zu uns gehört. Nach dem Abendessen gehen einige der Mädels zum Abschluss noch ein Eis essen, wir anderen versammeln uns zum letzten mal im Aufenthaltsraum zum quatschen, Fotos und Email-Adressen austauschen und Rummi Cup zocken. Um neun Uhr bekommen Heike und ich plötzlich auch Lust auf ein Eis und schicken unsere Kinder zur nächsten Eisdiele. Die beiden kommen mit zwei riesigen Eisbechern zurück: ein Amarena-Becher für Heike, ein Bananensplit für mich. Heike hatte sich spezielle Eissorten für ihren Amarena-Becher gewünscht, ich wollte extra Amarena-Kirschen auf meinem Bananensplit. Kichernd erzählen Fynn und Alisha uns, dass die eh schon schielende Eisverkäuferin mit der Sonderbestellung so überfordert war, dass sie nur noch kreuz und quer zwischen den Eissorten hin und her geguckt hat. Mein Eisbecher ist der Hammer! Aber viiiiel zu groß. Nach einer dreiviertel Portion gebe ich mich geschlagen. Vollgefuttert spielen wir noch eine Abschlussrunde Rummi und verabschieden uns dann Richtung Bett. Morgen geht der Wecker schon um halb sieben. Mein Kopf hat gerade das Kopfkissen berührt, als ich auch schon eingeschlafen bin. Gute Nacht!

 

13.9.11 21:31
 
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