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Reif für die Insel - Tag 20

Sonntag, 11.09.2011: Beim heutigen Frühstück verabschieden sich die ersten zwei Frauen, die früher abreisen müssen. Da viele nur mit den Namen im E-Mail-Verteiler gar nichts anzufangen wissen, weil ihnen das passende Gesicht dazu fehlt, werden jetzt noch fleissig Fotos gemacht. Damit die Fotos nach der Kur nicht umständlich hin- und hergemailt werden müssen, kommt die Idee auf, ein für alle zugängliches Online-Fotoalbum zu erstellen, in das jede von uns Bilder hochladen kann. Ich verspreche, mich darum zu kümmern, sobald ich wieder zu Hause bin. Die Sonne scheint nach dem Frühstück zwar schon vielversprechend, aber für den Strand ist es einfach noch zu kühl. So verziehe ich mich mit meinem Buch auf den sonnigen Balkon, während Fynn mit Luis und Timo eine Runde Nintendo spielt. Nach einer Stunde klappe ich das Buch wieder zu, weil ich es ausgelesen habe. „Der Schwarm“ von Frank Schätzing ist ein aussergewöhnliches, fesselndes und sehr bewegendes Buch, das man so schnell nicht mehr vergisst. Es ist zwischendurch bei den Themen der Biochemie, Genetik und Evolution recht trocken und somit auch keine leichte Kost, hat meinen Nerv aber besonders getroffen, weil mich das Thema damals zu Abi-Zeiten schon sehr interessiert hat. Die ersten hundert Seiten lesen sich ein wenig zäh, wenn man die aber durchhält, wird mit man einer Geschichte belohnt, die einen nicht mehr loslässt. Mir ist es selten bei einem Buch so schwer gefallen, es zwischendurch wegzulegen, weil ich schlafen, essen oder zu irgendwelchen Anwendungen musste. Mit diesem Buch beende ich das zweite in drei Wochen und kann somit auf entspannte 1500 gelesene Seiten zurückblicken. Im Zuge der beginnenden Aufbruchstimmung macht sich ein Haufen gemischter Gefühle in mir breit. Ich freue mich wahnsinnig auf zu Hause: auf mein eigenes Bett, auf wohltuende Stille beim Essen, auf meinen Fernseher, auf Internet den ganzen Tag lang, auf meine Freunde, auf unsere zwei Kätzchen, auf´s Ausschlafen am Wochenende, auf meine Fussballkinder und das Training, auf meine drei liebsten Arbeitskollegen und auf die nächste Radiosendung. Andererseits merke ich jetzt schon, dass mir der Abschied wahnsinnig schwer fallen wird. Von all den lieben, lustigen Frauen und ihren Kindern, netten Gesprächen, Albereien, entspannten Nachmittagen und von dem supernetten, engagierten Betreuerteam. Ab Mittwoch wird kein Essen mehr fertig vor mir auf dem Tisch stehen, niemand putzt mehr mein Bad und keiner macht mir einen Tagesplan, in dem ich einfach nur vom Sport zur Massage und weiter zum Mittagessen gehen muss. Ab Mittwoch muss ich mich wieder um alles selber kümmern. Hier wurde sich um alles gekümmert, so dass ich mich ausschließlich auf mich und Fynn konzentrieren konnte. Mir wird das Meeresrauschen und das Kreischen der Möwen beim Aufwachen und Einschlafen fehlen, ich werde die klare, salzige Luft und vor allen Dingen den Blick auf´s Meer vermissen. Mir wird die Leichtigkeit fehlen, mit der man sich hier oft durch den Tag treiben lassen konnte, ohne von irgendwelchen Terminen und Verpflichtungen in einen festen Ablauf gepresst zu werden. Und mir wird die Zeit mit Fynn fehlen, in der ich mich ihm voller Energie und Muße widmen konnte, ohne zwischen Job und alltäglichen Pflichten oft gehetzt und auf dem Sprung zu sein. Eine Zeit, in der wir zwei - nach all den Höhen und Tiefen des letzten Jahres eh schon nah zusammen gerückt - noch mehr zusammen gewachsen sind. Wenn ich etwas mitnehmen will, dann die Fähigkeit, wieder meine eigene innere Grenze an dem Punkt zu ziehen, an dem mir etwas nicht mehr gut tut und mich nicht von den Forderungen und Erwartungen anderer überrollen oder gar auffressen zu lassen. Apropos „auffressen“: zum Mittagessen gibt es heute Kroketten, Erbsen und Möhren, Schnitzel mit Champignonrahmsosse und zum Nachtisch Eis. Deswegen war es klug, am gestrigen Suppentag und nicht heute das Mittagessen ausfallen zu lassen. Nach dem Essen packen wir unsere Strandtasche und machen uns zusammen mit Silke und ihren beiden Jungs auf den Weg zum Weststrand, um dort noch ein bisschen Sonne zu tanken. Dort angekommen schiebt sich eine dicke Wolke in dem Moment vor die Sonne, als wir unsere Handtücher auf dem Sand ausbreiten. Unseren Jungs ist das völlig egal. Die verabschieden sich Richtung Spielplatz und werden die nächsten zwei Stunden nicht mehr gesehen. Silke und ich verbringen die Zeit quatschend, häkelnd (also nicht ICH, sondern Silke!!!) und lesend. Die Sonne will aber irgendwie nicht mehr so richtig raus kommen. Als uns der Wind zu kühl wird, verziehen wir uns in die hinter uns aufgereihten Strandkörbe, für die heute irgendwie niemand Mietgebühr haben will. Als die Jungs sich mal wieder blicken lassen, schmeißt Silke eine Runde Apfelkuchen und Salzbrezeln, wir haben noch Maoam und rote Erdbeerschnüre dabei. Jetzt setzen sich die Jungs windgeschützt in die Mitte von drei Strandkörben, spielen Uno und veranstalten ein Picknick. Als ich mich um halb fünf mal kurz aus dem Strandkorb erhebe und Richtung Norden gucke, zieht eine riesige dunkle Wolke auf uns zu. „Silke, wenn wir jetzt zusammen packen und zügig gehen, schaffen wir es trocken bis zum Kurhaus.“ Gesagt, getan. Kurz bevor wir am Kurhaus ankommen, fallen die ersten Tropfen, zehn Minuten später regnet es in Strömen. Ich hab mich in den drei Wochen auf der Insel echt zum Wetterexperten entwickelt. Jetzt gibt´s für mich und Fynn erstmal eine schön heiße Dusche, und dann ist es auch schon Zeit für´s Abendessen. Nach dem Essen heißt es Abschied nehmen von Silke. Die warmherzige, liebe Frau, mit der ich viele schöne Gespräche hatte und die ähnliches erlebt hat wie ich, ist mir zusammen mit ihren zwei Söhnen Moritz und Felix richtig ans Herz gewachsen. Als wir uns feste drücken, muss ich erstmal ordentlich schlucken. Aber wir werden auf jeden Fall in Kontakt bleiben und uns vielleicht sogar mal wiedersehen. Als nächstes meldet Monika sich ab. Meine anfangs so traurig und erschöpft wirkende Tischnachbarin hat sich in den drei Wochen zur lustigen, total verrückten Nudel gewandelt, die immer für gute Stimmung und jede Menge Lacher gesorgt hat. „Ich werde dich vermissen“, sagt sie, als sie mich zum Abschied drückt, „Mittwochmorgen sitze ich zu Hause am Frühstückstisch, und keine Miriam sitzt mir gegenüber.“ Und schwupp, schon ist sie weitergeflitzt. Mach´s gut, Monika, dich wird ich auch nicht vergessen. Im Aufenthaltsraum wartet Heike, damit wir unsere mittlerweile obligatorische abendliche Mensch-ärger-dich-nicht-Runde einläuten können. Heike und Alisha bleiben Gott sei Dank wie wir bis Dienstag, so dass dieser Abschied noch ein bisschen Aufschub hat. Heute verabschieden Fynn und ich uns um neun Uhr Richtung Bett, schließlich muss der junge Mann so langsam aber sicher wieder in seinen Schul-Schlaf-und-Aufsteh-Rhythmus kommen. Ich weiß zwar nicht wovon, aber ich bin auch total groggy. Noch ein paar Seiten im nächsten Buch lesen, dann fallen mir die Augen zu. Gute Nacht!

 

13.9.11 10:36
 
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