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Reif für die Insel - Tag 18

Freitag, 09.09.2011: Als ich heute zum Frühstück lächelnd den Essensraum betrete, weil ich mich gerade einfach freue, dass wir bisher eine so schöne Zeit hatten, schallt mir ein herrisches: „FELIX, SO NICHT!!! Das ist eine UNVERSCHÄMTHEIT!!!“ von Misses Wichtig entgegen. Also wenn sie, die ihre Kinder ja nicht schlecht, sondern schlicht und ergreifend gar nicht erzieht, tatsächlich mal irgendwas unverschämt findet, muss ihr Sohn ja einen ziemlichen Bock geschossen haben. Der Geräuschpegel im Essensraum ist heute – nicht nur wegen Misses Wichtig - mal wieder ohrenbetäubend. „Haaach, wie werde ich das alles vermissen, wenn ich ab Mittwoch wieder zu Hause am Frühstückstisch sitze und einfach nur wohltuende Stille herrscht!“ Gemeinsam mit Suna, Claudia und Monika überlege ich, ob man den allmorgendlichen Frühstücks-Wahnsinn nicht aufnehmen, auf CD brennen und an die Mütter verteilen könnte, um etwaigen Entzugserscheinungen vorzubeugen. Um neun Uhr habe ich mein Kur-Abschlussgespräch, in dem ich nicht viel anderes sagen kann, als dass ich mit allem superzufrieden und einfach nur total gut erholt bin. Meine Erwartungen (wenn ich denn überhaupt welche hatte) wurden übertroffen. Um zehn gibt´s heute zum letzten mal Aerobic. In der ersten Hälfte der Stunde ist Kondition und Arm-Bein-Koordination gefragt, was mir überhaupt keine Probleme bereitet. Als es dann im zweiten Teil der Stunde um Gelenkigkeit und Muskelkraft geht, bin ich raus aus der Nummer. Heute sollen wir uns zum Abschluss der Stunde auf unsere Ellenbogen stützen und den ganzen Körper in einer Geraden auf unseren Ellenbogen und Zehenspitzen halten. Bei dieser Übung bin ich diejenige, die wie ein nasser Sack auf die Matte klatscht und unter dem Gelächter der anderen stolz: „ERSTER!!!“ ruft. Nach der Stunde mache ich mich auf den Weg zur Rezeption, um zu gucken, wer sich alles in die „E-Mail-Liste“ eingetragen hat. In der Vorstellwoche vor fast drei Wochen sollte jeder etwas über sich und seine Hobbies erzählen. Als ich erwähnte, dass ich einmal im Monat eine Radiosendung mache, hatte ich nicht damit gerechnet, dass diese Info so viele Fragen nach sich ziehen würde. Nach und nach wurde ich im Laufe der folgenden Tag immer wieder angesprochen, was genau ich denn da machen würde und ob man denn auch mal eine meiner Sendungen hören könnte. Also kam ich auf die Idee, einen E-Mail-Verteiler anzulegen, um darüber allen interessierten Damen vor der nächsten Sendung den RadioKW-Weblink zuzuschicken. An der Rezeption angekommen stelle ich fest, dass sich wirklich fast alle in die E-Mail-Liste eingetragen haben, so dass wir nun einen 1a-Kur-Email-Verteiler haben, über den ich jetzt nicht nur meine Sendung ankündigen, sondern man im Nachhinein immer noch Kontakt untereinander pflegen und sich weiter austauschen kann. Beim Mittagessen überreiche ich meinem kleinen Kumpel Jonas heute schonmal mein Abschiedsgeschenk: ein Sandmännchen Pixi-Buch von Pitti Platsch mit einer Widmung als Dankeschön für soviele unterhaltsame Mittagessen mit ihm. Jonas ist entzückt und sagt gleich dreimal danke. Als ich nach dem Mittagessen durch´s Foyer laufe, fällt mir auf, dass schon die ersten gepackten Koffer an der Tür stehen. Einige der Mütter reisen schon am Wochenende ab, da ihre Kinder Anfang der Woche ihren ersten Schultag in der weiterführenden Schule haben. So langsam neigen sich die drei Wochen tatsächlich dem Ende zu. Auch unser autogenes Training bei Frau Loyal findet heute zum letzten mal statt. Während wir darauf warten, dass alle eintrudeln, planen wir schonmal den heutigen Abend. Mit Bollerwagen und reichlich Alkohol erst zur Milchbar (zumal sich der Bollerwagen dann ja auch gut für diejenigen eignet, die zu später Stunde nicht mehr selber laufen können) oder direkt zum Abtanzen ins Städtchen? Zudem wird nochmal über die Lage des nächstgelegenen Altglascontainers diskutiert, weil sich im Laufe dieser Kur wohl jede Menge „verbotenes“ Altglas angesammelt zu haben scheint, das nicht so einfach im Kurmülleimer entsorgt werden kann. „Sosoooo, Heike, was hast du denn so zu entsorgen???“ ruft Petra quer durch den Raum. „Naja, Rotkohl- und Gewürzgurkengläser halt. Eben, was man in so einer Kur alles auf dem Zimmer verzehrt.“ Petra erzählt uns grinsend, dass sie sich beim Entsorgen ihrer letzten verdächtigen Glasabfälle erst dreimal paranoid umgeguckt hätte, bevor sie die Beweisstücke im Container hätte verschwinden lassen. Jetzt ist aber nicht saufen, sondern erstmal entspannen angesagt. Als ich Fynn anschließend von der Betreuung abhole, kommt tatsächlich mal wieder die Sonne raus. Das ist doch irgendwie ungerecht: die ganze Woche herrscht Sturm und Regen, und sobald am Wochenende die „Ballermann“-Touris kommen, wird das Wetter wieder schön. Fynn und ich nutzen die Gunst der Stunde und machen uns auf den Weg zum Strand. Heute ist es fast windstill und dadurch angenehm warm. Wir ziehen die Schuhe aus, stapfen durch´s Wasser und entdecken bei Ebbe jede Menge Tiere: eine dicke, fette Qualle, einen riesigen Krebs, der die Flucht ergreift, als Fynn ihn mit einer Muschel anstubst (ich glaub, Fynn hat sich mehr erschreckt, als der Krebs) und eine Schnecke, die ihre Schleimspur durch den platten Sand zieht. Als wir ein paar Minuten unterwegs sind, entdecken wir eine sehr sonderbare, sich vermehrt am Wochenende auf Norderney ausbreitende Spezies: Perückenschafe. Perückenschafe haben alle denselben Friseur und dadurch bedingt die gleiche blondgefärbte Pissel-Dauerwelle mit dunklem Ansatz. Zudem ist ihre Hautfarbe ebenfalls gleich, weil sie fünfmal die Woche in Rudeln dieselbe Sonnenbank aufsuchen. Perückenschafe bewegen sich dümmlich kichernd gruppenweise (hier waren es fünf an der Zahl) fort und tragen vorzugsweise Glitzeroberteile, knatschenge Hosen und völlig unpraktikable hochhackige Schuhe. Der Großteil der Perückenschafe hat ein unsichtbares, aber für alle männlichen Pendants zu erkennendes ich-hab-nicht-viel-im-Kopf-und-möchte-abgeschleppt-werden-Schild auf der Stirn. Bei einigen ist zusätzlich noch das Adjektiv „dankbar“ angefügt. Am Strandspielplatz angekommen flitzt Fynn direkt zu den Trampolinen. Weil es heute nicht so voll ist, darf er länger als sechs Minuten springen und hüpft lustig vor sich hin. Ich setze mich auf eine Bank am Strand und genieße die traumhafte Aussicht. Die Sonne lässt das Meer funkeln, Segelschiffe schippern durch´s Wasser, Möwen lassen sich träge im Wind treiben. Die Sonne ist angenehm warm, es geht ein leichter Wind, die Luft riecht salzig. Ich sauge den Moment förmlich in mich ein, schließe die Augen und versuche ihn ganz tief in mir drin abzuspeichern, um ihn dann, wenn der Alltag mich wieder einzuholen droht, wieder abrufen zu können. Gleichzeitig weiß ich, dass das nicht funktionieren wird. Die ganz intensiven Momente des Glücks sind genauso flüchtig, wie jeder andere Moment auch. Es gibt keinen Glücksakku, den man in solchen Augenblicken aufladen und ihn mit den glücklichen Momenten füllen kann, um ihn bei Bedarf anzuzapfen und davon zu zehren, wenn es gerade mal nicht so gut läuft. Jeder glückliche Moment ist da, und gleich auch schon wieder weg, ohne dass man ihn festhalten kann. Man kann ihn nur ganz intensiv genießen und dankbar dafür sein, dass er gerade da ist. Man kann sich später zwar an diesen Moment zurück erinnern, aber es wird sich niemehr so anfühlen, wie es in diesem Augenblick war. Vielleicht ist die Tatsache, dass man Glücksgefühle nicht „sammeln“ kann,  auch ganz gut so, damit man einfach immer wieder versucht, jeden neuen Moment zu einem ebenso glücklichen zu machen. Unser Glück um 16 Uhr heißt „Kinderarzt Dr. Wehner“, bei dem Fynn sich zur Abschlussuntersuchung einfinden soll. Also machen wir uns schweren Herzens auf den Rückweg. Bei Dr. Wehner angekommen wird Fynn wieder gewogen und gemessen. Der kleine Fress-Sack hat 700 Gramm zugenommen (auch wenn man es dem dünnen Hemd nicht ansieht) und ist 6 Millimeter geschrumpft. Ich sage Dr. Wehner, dass ich zukünftig darauf achten werde, Fynn nicht immer auf den Kopf zu hauen, wenn ich ihn schlage. Ansonsten hat Dr. Wehner nichts zu meckern. Er hat eine Beurteilung über Fynn vorliegen, die darauf basiert, dass jedes Kind innerhalb der Betreuung an einem Tag für mehrere Stunden beobachtet wurde. „Mit versteckten Kameras?“ fragt Fynn. „Ja klar Fynn, Kurt Felix war extra dafür hier.“ erkläre ich meinem Sohn. Kurt Felix hat laut Bericht beobachtet, dass es sich bei Fynn um ein sehr ausgeglichenes, ruhiges, lustiges und angenehmes Kind handelt. Dem kann ich nur zustimmen und für mich selber wieder einmal feststellen, dass Fynns Auggelichenheit seit Mai letzten Jahres immer weiter gewachsen ist und ich somit beziehungstechnisch erst recht alles richtig gemacht habe. Ansonsten ist abschließend festzustellen, dass Fynns nächtliches Problem seit einer Woche komplett behoben ist, weil er es unter der liebevollen und ganzheitlichen Betreuung des Enuresis-Teams mit banalen Dingen wie Beckenbodentraining und Umstellung des Trinkverhaltens geschafft hat, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Damit ist er das einzige von fünfzehn betroffenen Kindern in dieser Kur, bei dem das Problem komplett abgestellt zu sein scheint. Wir werden von Dr. Wehner und Schwester Maike gebeten, sie über den weiteren Verlauf nach der Kur auf dem Laufenden zu halten und dann zum Abendessen entlassen. Fynn pfeift sich eben schnell drei Brote rein und macht sich dann auf den Weg zu einer weiteren Schnitzeljagd. In der Stunde kann Mami jetzt in Ruhe duschen und sich ausgehfein machen. Als Fynn von der Schnitzeljagd zurückkommt, wird er ins Bett verfrachtet, bekommt noch einen Film angemacht und die Anweisung, anschließend die Döppen zuzumachen und zu schlafen. Auf jedem Flur sitzt jetzt bis zwölf Uhr ein Babysitter mit den einzelnen Handy-Nummern der Mütter bewaffnet, um die Teufelsbrut zu hüten und möglichst NICHT anzurufen. Mit zehn Frauen machen wir uns auf den Weg in die Stadt, um irgendeinen Laden zu finden, in dem man abtanzen kann. Vor der Fischerkate steht eine kleine Schlange, in die wir uns einreihen. Sobald fünf Leute rauskommen, dürfen wieder fünf rein, was nichts Gutes verheißt. Drinnen angekommen, drehen wir uns auch direkt auf dem Absatz wieder um (was gar nicht so einfach ist, denn es ist so voll, dass man sich kaum  umdrehen kann). Die Musik ist zwar klasse, aber man kann maximal noch die Augenlider rauf und runter bewegen, und das haben wir uns nicht unter Abtanzen vorgestellt. Also hilft es alles nix: wir müssen in den Inselkeller. Hier ist noch angenehm wenig los, und die Tanzfläche noch komplett leer. JUCHHU! Die erste Runde Wodka-Lemon und Bacardi-Cola wird gebracht, und der Raum füllt sich langsam. Die Stimmung ist gut, wir plaudern nett und lachen viel. Als nach einer Viertelstunde das erste tanzbare Lied aufgelegt wird, passiert etwas, das ich wohl meinen Lebtag nicht vergessen werde: alle Mädels (auch die, die sonst total ruhig, zurückhaltend und ganz verantwortungsvolle, ernsthafte Mutti sind) stürzen auf die Tanzfläche und rocken - quasi noch stocknüchtern - wie entfesselt den Inselkeller. Es scheint so, als würden gerade die, die sonst zur ruhigen Fraktion gehören, förmlich explodieren. In den nächsten Stunden gröhlen wir jedes Lied mit, fabrizieren die beklopptesten Tanz-Moves, die uns irgendwie einfallen und halten uns die Bäuche vor Lachen. Alle Männlein und Weiblein, die sich gegenseitig taxierend und abscannend als Vorbereitung zum späteren Austausch von Körperflüssigkeiten möglichst cool auf der Tanzfläche bewegen, wirken völlig irritiert. Da feiert ein wild abtanzender, sich totlachender Haufen Frauen schwitzend auf der Tanzfläche ab, ohne sich auch nur ansatzweise darum zu kümmern, wie er gerade auf das andere Geschlecht wirkt und setzt somit die ungeschriebenen Gesetze des als Abschleppschuppen bekannten Inselkellers völlig ausser Kraft. Obwohl wir uns gerade mal drei Wochen kennen, haben wir soviel Spaß, als würden wir regelmäßig miteinander rausgehen. Wir sind in der kurzen Zeit richtig zusammen gewachsen. Die Tatsache, dass wir auf unsere Außenwirkung pfeifen, scheint die Männerwelt im Inselkeller scheinbar mehr zu interessieren, als das langweilig-aufgesetzte Verhalten der in mehreren Schichten geschminkten restlichen Damenwelt. Die ersten Interessenten kreisen uns langsam ein. Im Endeffekt läuft es im Inselkeller nicht anders, als im Meer: erst krabbeln sie huschend wie die Krebse heran und saugen sich dann wie die Quallen fest. Wenn man hier nicht der Illusion erliegt, etwas zu finden, das über Belanglosigkeiten und den aktuellen Abend hinausgeht, kann man im Inselkeller sehr amüsante Stunden verbringen. Meine Qualle für den heutigen Abend kommt aus Hamburg und heißt Klaus. Um kurz vor zwölf brechen die ersten Damen auf, der nächste Rutsch folgt um viertel nach zwölf. Martina, Ilka und ich bilden um eins die Nachhut. Die Hamburger Qualle möchte mich am nächsten Abend gerne wiedersehen, woraufhin ich ihm leider eine Absage erteilen muss. „Morgen abend um diese Zeit muss ich im Heim sein, wir hatten nur heute für ein paar Stunden Freigang.“ Meine Handy-Nummer erhellt sein trauriges Gesicht. Als wir den Inselkeller verlassen, stehen draussen mindestens noch zwanzig Leute, die jetzt erst rein wollen. Mir tun jetzt die Füße weh, und ich hab ein lautes Fiepen im Ohr. Links neben mir läuft Ilka, daneben Martina. Als Martina zu mir rüber guckt und von zwei Meter entfernt etwas sagt, schreie ich in die Stille hinein: „WAAAS HAST DU GESAAAGT, ICH KANN DICH NICHT HÖREEEEN!!!“ Als wir im Kurhaus ankommen, ist alles ruhig. Es gab keine Vorkommnisse, unsere Kinder schlafen wie die Engel. Völlig groggy falle ich in mein Bett. Danke Mädels für den superschönen Abend! Gute Nacht!

10.9.11 22:50
 
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