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Reif für die Insel - Tag 17

Donnerstag, 08.09.2011: Wenn uns die letzten drei Tage bewusst nicht mit Terminen vollgestopft wurden, dann geht der „Stress“ aber heute wieder so richtig los. Mein Vormittag ist komplett verplant. Los geht es um viertel vor neun mit Thai-Chi bei Herrn Le. Während wir auf den guten Mann warten, stöber ich die Listen an der Rezeption durch, um zu gucken, ob es was neues gibt. Die Liste für´s abendliche Jazz-Dance bei Frau Birnbaum liegt aus. Juchhu! Schnell trage ich mich ein, bevor die letzten Plätze vergeben sind. Den Spaß lasse ich mir nicht entgehen. Die „wer-geht-am-Freitag-mit-auf-die-Rolle“-Liste platzt erwartungsgemäß aus allen Nähten. Es scheint keine Mutter zu geben, die sich nicht für einen vergnüglichen Abend eingetragen hat.  Als Herr Le die Halle betritt, sagte er: „Guten morgen, die Damen! Es ist kalt und windig, aber trocken. Strand oder Foyer?“ „Strand!“ lautet die einstimmige Antwort. Die Antwort war leider falsch. Als wir nämlich am Strand ankommen, ist gerade Flut und bei der Windstärke nichts mehr vom Strand zu sehen. Kurz beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. In meinem Buch kam das Wasser auch erst ein Stück näher, bevor es sich ganz zurückzog und dann der Tsunami kam. Aber was soll´s. Wenn das Letzte, was ich in diesem Leben tue, Thai-Chi bei Herrn Le ist, dann kann ich mir durchaus schlimmere Arten des Ablebens vorstellen. Heute weichen wir also auf die Wiese an der Promenade aus und turnen dort lustig vor uns hin. Als wir uns am Ende der Stunde in unseren obligatorischen Abschluss-Kreis stellen, sollen wir die Oberschenkel anspannen und unsere Hände darauf legen. „Fühlt ihr wie krrrrrrrrrrrrrräftig eure Muskulatur geworden ist?“ fragt Herr Le mit rrrrrrrollendem Rrrrrrrrrrr. Und ich dachte die ganze Zeit, er könnte gar kein R aussprechen. Wieder im Kurhaus angekommen, steht meine ärztliche Abschlussuntersuchung auf dem Programm. Vorher muss ich, wie beim ersten Termin auch schon, auf die Waage. Ein Kilo hat sich zu meinem Ausgangsgewicht dazu gemogelt – bestimmt rrrrrrreine Muskelmasse!!! Frau Doktor hat an meiner körperlichen Verfassung nichts auszusetzen. Super Blutdruck, lockere Rückenmuskulatur, entspannter Gesichtsausdruck. Als ich ihr erzähle, dass ich eine Woche lang ordentlich erkältet war, erklärt sie mir, dass mein Immunsystem jetzt für alles gewappnet sei und prognostiziert mir einen erkältungsfreien Herbst. Jetzt geht´s zum allerletzten mal zu Schlick und Massage. Anstatt mich schweigend durchzukneten, ist Anke heute in Plauderlaune und klärt mich darüber auf, von wann bis wann die Norderneyer Saison geht, warum es sich auf der Insel nicht lohnt, sich ein nagelneues Fahrrad zu kaufen (das Salz in der Luft frisst den Lack förmlich auf, und die Räder rosten innerhalb kürzester Zeit durch) und wieviel ein Kellner in der „Oase“ so ungefähr verdient. Nach dem Mittagessen steht „Beckenbodentraining“ auf meinem Plan. Klar ist regelmäßiges Beckenbodentraining für Frauen, die ihrem Mann eine Freude machen wollen, nicht zu verachten, aber heute geht es vordergründig um unsere Kinder. In dieser Stunde machen wir Übungen mit wohlklingenden Namen wie „Kaugummi“, „Muschel“ oder „pinkelnder Hund“, um zu lernen, wie wir zu Hause spielerische Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur mit den Kindern machen können, ohne dass sie sich dabei zu Tode langweilen. Legt euch mal auf den Boden und stellt euch vor, ihr würdest dort festkleben wie ein Kaugummi. Jetzt darf es niemand mehr schaffen, eure Arme oder Beine vom Boden wegzubekommen – bei dieser Übung spannt man wirklich fast alles an Muskeln an, was man so hat. Nach der Stunde muss ich mich erstmal bei einer Tasse Kaffee und einem Pläuschchen mit Heike ausruhen. Den Rest des Nachmittags verbringen Fynn und ich mit Extrem-Chilling. Beim Abendessen muss ich mich dann schonmal mental auf die nächste Jazz-Dance-Stunde bei Frau Birnbaum vorbereiten. Um viertel vor sieben geht es los. Einige der Mütter haben ihre Kinder mitgebracht, die jetzt zum Zugucken und Stillsein auf eine Matte in die Ecke des Raumes verbannt werden. Da sich vor dem Bewegungsraum die Spieleecke befindet, in der sich die Kleinkinder nach dem Abendessen tummeln sollen, deren Muttis noch essen, flitzen noch ein paar übriggebliebene mütterlose kleine Monster wild zwischen uns hin und her. Der Geräuschpegel und das Kindergewusel sind immens. „Wo gehören die denn hin?“ fragt mich Ilka, die neben mir steht. „Haben die keine Muttis?“ „Ich hab keine Ahnung, hauptsache die verschwinden gleich. Ich hab doch ´ne Kinderallergie.“ ist meine Antwort. Als wir mit dem Warmmachen beginnen, reißen die kleinen Kröten ständig die Tür auf, kommen in den Raum gerannt und flitzen wieder raus. Als immer derselbe Junge mittlerweile zum dritten mal reinkommt, bittet Ilka ihn freundlich, vor die Tür zu gehen. Als er zum vierten mal grinsend rein kommt, funkel ich ihn wütend an und zische: „Raus jetzt Bursche, ABER SCHNELL!!!“ So ähnlich hab ich auf der Hochzeit meiner Cousine mal einen verwöhnten Vierjährigen zum Heulen gebracht, der meinte, durch seine nervige Nörgelei einen Vortrag stören zu müssen. Auch hier scheinen die Kombination aus Stimme und bösem Blick ihre Wirkung zu tun. Das Grinsen gefriert der kleinen Nervensäge auf dem Gesicht, er zieht den Kopf erschrocken zwischen die Schultern und wieselt raus. „So, jetzt können wir weitermachen, der kommt garantiert nicht mehr.“ Frau Birnbaum grinst mich an und fragt: „War das ihr Sohn?“ Ich: „Nee, mein eigenes Kind würde ich doch niemals so anschreien.“ Der Rest der Truppe brüllt vor Lachen. Jetzt drehe ich mich zu den anderen Kindern auf der Matte, strahle sie an und sage zuckersüß: „So, und ihr seid jetzt auch schön lieb, sonst müsst ihr draussen vor der Tür mit den bösen Kindern spielen.“ Als wir alle fertig gelacht haben, machen wir mit der Schrittfolge von letzter Woche weiter, bei der nicht sonderlich viel passiert, ausser dass Frau Birnbaum zwischendurch die einzelnen Schritte entfallen, sie mal links und rechts verwechselt oder die Achten gegen den Takt vergewaltigt. Dann will sie die Schrittfolge von letzter Woche erweitern und sagt: „Wir lernen heute einen Kick Ball Dschäjjjjn.“ Erst denke ich, ich hätte mich verhört, aber als sie den Begriff mehrfach wiederholt, muss ich mich echt anstrengen, nicht laut loszulachen.  Ich kenne eigentlich nur einen Kick Ball Change, was im Prinzip ja auch schon den Ablauf des Schrittes erklärt, aber bei Frau Birnbaum sieht es eh eher aus wie Kick Ball Djäjjjjn, wenn sie den Schritt macht. Jetzt kombinieren wir zu einem Lied, das taktmässig nicht ansatzweise zu den Schritten passt, den Kick Ball Dschäjjjn, ein paar Wechselschritte, den Mambo-Schritt und wildes Schwingen unserer Arme. Mittlerweile komplett aus meinem Körper ausgetreten, tanze ich zusammen mit den anderen summend und armschwingend durch den Bewegungsraum. Wenn ich aus der Kur zurück bin, muss ich erstmal wieder in Therapie. Irgendwann erlöst Frau Birnbaum uns von unserem Elend und zeigt uns nun wie versprochen die beiden ersten Teile der Flashmob-Choreo vom Eurovision-Song-Contest. Sie macht uns die erste Acht vor und erklärt uns, dass sie die zwar zählen könnte (sehr sinnvoll, wenn mal alles zuerst trocken ohne Musik macht), dass sie das aber nicht so gerne, sondern lieber auf ihre Art und Weise macht. Also tanzen wir nicht auf 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, sondern auf wusch, wusch, wusch, wusch, Hüfte, schubi-dubi-duh. Bei Teil 2 angekommen sagt sie: „An dieser Stelle boxen wir mit den Fäusten diagonal nach links und rechts und stellen dabei eigentlich die Beine nach aussen. Aber für die Beine haben wir einfach nicht genügend Zeit, die lassen wir einfach weg. Da das die einzige Stelle ist, an der ich mal ansatzweise ins schwitzen komme, bin ich jetzt einfach ungehorsam und mach die Beine mit. Während die anderen noch über der Reihenfolge der Schritte brüten, stelle ich mir vor, wie ich unserer Tanzlehrerin übernächsten Dienstag bei der Black Eyed Peas-Choreo sagen, dass ich für die Beine einfach nicht genügend Zeit habe, und die einfach weglasse. Die letzte Viertelstunde sind wir mal total verrückt und tanzen die beiden Teile der Choreo dreimal hintereinander. Frau Birnbaum ist total stolz auf uns und legt uns ans Herz, die neuen Schritte doch direkt morgen abend mal in der Inseldisco auszuprobieren. Zumindest hätten wir den Laden dann innerhalb weniger Minuten für uns ganz alleine. Nach dem Birnbaum-Danceworkout erwartet mich Heike im Aufenthaltsraum zu einer Rummi Cup-Revanche. Nach drei Runden stösst Fynn dazu, der sich noch eine Runde Mensch-ärger-dich-nicht wünscht. Wir starten eine lustige Runde mit rasenden Verfolgungsmanövern, gnadenlosen Schmeißattacken und einem haarsträubenden Foto-Finish. Um uns rum sitzen grenzdebil dreinblickende Kinder authistisch über ihren Nintendos, während wir bei diesem guten, alten Brettspiel wild jubeln und Tränen lachen. Ein schöner Abend geht zuende. Gute Nacht!

 

 

9.9.11 19:21
 
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