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Reif für die Insel - Tag 16

Mittwoch, 07.09.2011: Als Fynn und ich heute beim Frühstück eintrudeln, hat sich gerade der ganze Betreuerstab des Kurhauses versammelt. Einige der Damen sind auf die Idee gekommen zum Dank für die tolle Betreuung Geld bei den Müttern zu sammeln, eine liebe Karte zu schreiben und all das heute mit einem dicken Dankeschön zu überreichen. Eine nette Geste, die in mir die Frage aufwirft, warum mir eigentlich im Büro nicht mal jemand Geld zusteckt, schließlich bin ich auch eine sehr engagierte Arbeitnehmerin. Monika hat sich bereit erklärt, anlässlich der Geschenkübergabe ein paar Worte vorzutragen, die wohl auch aus ihrer Feder stammen. Zwischendurch reimt es sich aus Versehen mal, ein Metrum ist aber weit und breit nicht zu hören, ansonsten erinnert es in individueller Artikulation und Phonetik an eine Mischung aus Harald Juhnke und Udo Lindenberg – aber es ist ja lieb gemeint. Beim heutigen Frühstück einigen Fynn und ich uns endlich auf den zukünftigen Namen unseres Katzenmädchens: sie wird „Blue“ heißen. Nach dem Frühstück steht das nächste Highlight auf dem Programm: Strandgymnastik mit Frau Birnbaum. Frau Birnbaum ist die Dame, die letzte Woche Donnerstag neue Maßstäbe im Showtanz gesetzt hat. Ich sag nur: „Propellerarme.“ Jetzt, wo wir eigentlich raus an den Strand wollen, regnet es in Strömen. Als wir im zugigen Eingang stehen, um den „kurzen Schauer“ abzuwarten, beginnt Frau Birnbaum zur Überbrückung der Wartezeit Witze zu erzählen. Als der liebe Gott nach einer Viertelstunde wohl immer noch über Frau Birnbaums Witzerepertoire weint, gehen wir doch in den Bewegungsraum. Hier dürfen wir uns jetzt die Gymnastikbälle schnappen und alles nachmachen, was Frau Birnbaum so aus ihrem filigranen Bewegungs-Hut zaubert. In der nächsten Stunde kugelt, hüpft und rollt Frau Birnbaum samt Gymnastikball kichernd durch den Raum, wahrscheinlich, weil sie sich immer wieder auf´s Neue freut, wenn ihr eine Übung eingefallen ist, die es noch gar nicht gibt. Zwischendurch erweist sich die ein oder andere Phantasieübung auch mal als nicht so praktikabel, was darin ufert, dass Frau Birnbaums Arme und Beine sich lustig verknoten oder sie wahlweise quietschend vom Gymnastikball abstürzt. Als die Stunde rum ist, ist uns allen warm – vom vielen Lachen. Jetzt dauert es noch eine gute Stunde bis zum autogenen Training. Da ich heute mal keine Lust habe, auf meinem Zimmer zu lesen, verziehe ich mich in den gemütlichen Aufenthaltsraum auf eins der großen Sofas. Völlig entspannt und nichts böses ahnend bin ich Minuten später in mein Buch vertieft, als plötzlich die Tür aufgerissen wird und 15 kleine Monster in den Raum gestürzt kommen. Ich bin wohl zur falschen Zeit am falschen Ort, denn hier finden in der nächsten Stunde Meeres-Experimente für Kinder statt. Fluchtartig verlasse ich den viel zu lauten Ort des Geschehens und verziehe mich ins Foyer, wo noch zwei andere Mütter ganz verloren sitzen, weil sie eigentlich auch gerne in Ruhe was lesen wollten. Jetzt verbringen wir die nächste Stunde notgedrungen damit, alles und jeden zu kommentieren was/der sich durch´s Foyer bewegt. Als Ilka vom Einkaufen mit einer Tüte durch die Eingangstür kommt, muss sie die eben erstandene Jacke erstmal vorführen. Als wenige Minuten später der Paketbote mit einem riesen Paket das Foyer betritt, fragen wir ihn, ob er den von uns bestellten Stripper in der Torte bringen würde. Und als dann noch der Hausmeister reinkommt, sagt keine von uns mehr was - da wird nur noch geguckt und Speichel produziert. So vergeht die Zeit wie im Flug. Um viertel vor elf sind die kleinen Monster mit experimentieren fertig und räumen das Aufenthaltsraum-Feld. Schnell noch eine halbe Stunde auf die Couch gekuschelt und ´ne Runde gelesen. Die Handlung flaut einfach an keiner Stelle ab, sondern wird immer spannender. Um viertel nach elf steht Heike mit Fräulein-Rottenmeier-Blick grinsend im Foyer: „Miiiiiiriiiiiammmm, hast du nicht um viertel nach elf autogenes Training? Dann aber mal flott jetzt!!!“ Hoaaach, ich komm ja schon. Jetzt bin ich vom Lesen so tiefenentspannt, dass ich mich regelrecht zum autogenen Training hetzen muss. Als wir uns alle in unsere Wolldecken gekuschelt haben, prasselt der Regen auf die riesigen Dachfenster. Schööööön gemütlich! Mittlerweile braucht´s gerade mal fünf Minuten, bis ich um mich rum nichts mehr mitkriege und völlig abtauche. Nachdem wir uns nach einer dreiviertel Stunde alle wieder wachgereckt und –gestreckt haben, ist es Zeit für´s Mittagessen. Auch wenn´s draußen immer noch regnet, hab ich den kleinen Sonnenschein mit blonden Locken und blauen Augen mir gegenüber sitzen. Als Jonas zur Hälfte mit dem Essen fertig ist, schnappt er sich seinen Teller, steht auf und läuft mit nur einer Socke an Richtung Küche. „Jonas, was machst du denn?“ ruft ihm seine Mama hinterher. Der junge Mann dreht sich um und antwortet: „Will nur eben danke für das Essen sagen.“ Also wenn ich nicht eh schon Hals über Kopf verliebt in ihn wäre, wäre es spätestens jetzt um mich geschehen. Einsockig tapert er erst hinter das große Buffet, an dem das Essen ausgegeben wird. Als er merkt, dass die Damen ihn dahinter nicht sehen können, stiefelt der kleine Mann mutig durch die riesige Großküchentür, um seine herzallerliebste Mission zu erfüllen. Wir Mütter sind kollektiv gerührt. Und weil ihrem Rotzlöffel gerade niemand Beachtung schenkt, tischt meine Freundin Misses Wichtig ein Anekdötchen darüber auf, wie toll ihr jüngerer Sohn Bratwurst essen kann. Gut, dass ich momentan so tiefenentspannt bin, sonst hätte ich wahrscheinlich “Wenn man keine gut erzogenen, sympathischen Kinder hat – einfach mal Fresse halten.“ quer über den Tisch gerufen. Nach dem Mittagessen chille ich eine Runde und treffe Heike unten im Foyer, als ich Fynn um halb drei von der Betreuung abholen will. Heike fragt, ob wir im Speisesaal einen Kaffee trinken kommen (zwischen zwei und drei ist täglich Kaffe und Kuchen-Zeit). Heute hat mir mein Sohn ein total schönes Perlenarmband gebastelt, das er mir stolz überreicht und ich mir direkt umbinde. Im Speisesaal angekommen ergattert Fynn das letzte Stück Schokoladenkuchen, das er brüderlich mit mir teilt. Jetzt ist nur noch Bienenstich da, den ich nicht mag. Heike, die schon eine Viertelstunde länger im Speisesaal ist, verrät mir, dass der Schoko-Kuchen zwischendurch immer wieder nachgefüllt wird, dann aber auch jedes mal wieder ruckzuck leer ist. Ich hab eine gute Idee: „Fynn, stell dich doch mal neben die Küchentür, und wenn die Frau mit dem Tablett Schoko-Kuchen rauskommt, stellst du ihr einfach ein Beinchen und hälst den Kuchenteller unter´s rutschende Tablett.“ Ich hab den Satz gerade ausgesprochen, als die Küchenfee mit einem neuen Tablett Kuchen um die Ecke biegt. „RENN!“ rufe ich Fynn zu, der sich prompt auf Schoko-Kuchen-Jagd begibt und zwei Minuten später mit zwei erlegten Stücken wiederkommt. Eine Minute später liegen auf dem Tablett nur noch ein paar einsame Krümel. Heike und ich verabreden uns noch für nach dem Abendessen zu einem Spieleabend, dann machen Fynn und ich uns auf unsere tägliche Städtchenrunde: Postkarten zum Briefkasten bringen, ein bisschen im Spielzeugladen stöbern, im Conversationshaus im Internet surfen und heute noch ein paar Salzstangen und Chipse für den Spielebend kaufen. Auf dem Rückweg kommen uns Heike und ihre Tochter entgegen. „Ok, ihr habt Chipse und Salzstangen besorgt, dann kaufen wir noch ein paar Flipse. Magst du Krim-Sekt?“ fragt mich Heike. „Na klaaaar, aber wie wollen wir den denn im Aufenthaltsraum süppeln, ohne mit disziplinarischen Maßnahmen der Kurleitung belegt zu werden? Nachher kriegen wir Stubenarrest und Fernsehverbot.“ (Ach nee, Fernsehverbot geht ja gar nicht, wir sind ja schon seit zwei Wochen fernsehabstinent.) „Ach, den kippen wir uns einfach vorher in unsere Tassen, der ist so dunkel, dass er eh wie Cola aussieht.“ Aufgrund des im Kurhaus herrschenden Alkoholverbots entwickeln wir hier noch regelrechte kriminelle Energien. Nach dem Abendessen treffen wir uns mit Chipsen, Flipsen, Salzstangen und Spielen bepackt im Aufenthaltsraum. Heike hat sich selber übertroffen und den dunkelroten Sekt in eine Teekanne gefüllt. Fynn, der meiner Meinung nach viel zuviele Folgen der drei Fragezeichen liest und hört, ruft ganz Spürnase quer durch den Raum: „Mamaaa, euer Tee riecht irgendwie nach Schnaps!“ Kann gar nicht. Nach einer Runde Mensch-ärger-dich-nicht werden wir so langsam lustig. Jetzt schmeißt Heike auch noch die Ballermannhits auf ihrem Ipad an, und wir singen lustig „Eins kann mir keiner, eins kann mir keiner, eins kann mir keiner neeeehmen, und-das-ist-die-pure-Lust-am-Leben.“ Das passt doch gerade heute wie Arsch auf Eimer. Und als wär´s nicht schon lustig genug, kommt eine der Mädels herein gestürzt und ruft: „Leute, am Freitag haben wir alle kindfrei!!!“ An der Rezeption liegt zwischen den „wer-möchte-gerne-Armbänder-basteln-oder-am-Sandburgen-bauen-teilnehmen“-Aushängen ein ganz wichtiger: Am Freitagabend möchte die Kurleitung allen Müttern als Ausklang der Kur einen kinderfreien Abend spendieren. Von 20.00 Uhr bis 0.00 Uhr (so war es bei Aschenputtel auch, dann musste sie wieder zurück, weil sich ihre Kutsche sonst in einen Kürbis verwandelt hätte) stehen auf allen Etagen Babysitter bereit, so dass sich die Muttis ins Norderneyer Partygetümmel stürzen können. Darauf noch einen leckren Tee! Nach einer Runde Rummi Cup, bei der wir Damen mehr quatschen, als unsere Steine auszulegen, ist es plötzlich schon halb elf. Die nötige Bettschwere haben wir dank Tee allemal. Hicks! Gute Nacht!

8.9.11 22:07
 
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