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Reif für die Insel - Tag 14

Montag, 05.09.2011: Als ich morgens um halb acht die Vorhänge zurückziehe, ist es fast noch dunkel, der Himmel ist grau, und es nieselt leicht – der Herbst steht vor der Tür. Ein wenig herbstlich ist meine Stimmung heute auch. Ich fühle mich müde und irgendwie unmotiviert. Fynns Laune beim Wecken ist ähnlich. Ich mache mir darüber aber keine weiteren Gedanken. Wer wie ich jahrelang als Gruppenkind bzw. Gruppenleiter mit ins Ferienlager gefahren ist, weiß, dass es kurz nach der Hälfte der Zeit etwas gibt, das man „Lagerkoller“ nennt. Dieses Gefühl vereint Langeweile, Heimweh und Gereiztheit miteinander, zeigt sich beim einen stärker, beim anderen schwächer und ist in der Regel nach zwei Tagen wieder verschwunden. An unserem Frühstückstisch herrscht wie immer gute Stimmung. Für meinen Geschmack heute ein wenig zu gut, weil meine Tischnachbarinnen mir gerne viele Dinge erzählen möchten und ich lieber nur in meinen Kaffee schweigen würde. Nach dem Frühstück steht Thai-Chi auf dem Programm. Selbst das kann mich heute irgendwie nicht so richtig aufheitern. Es ist ziemlich windig, aber trocken, so dass wir mit Gung (der in Wirklichkeit Herr Le heißt) zum Strand laufen.  Dort angekommen reißt, wie jedes Mal, der Himmel auf, und die Sonne kommt raus. So absolvieren wir unsere Übungen heute also bei strahlendem Sonnenschein und kräftigem Wind.  Das Stehen auf einem Bein erweist sich bei der Windstärke als etwas schwierig, alles andere klappt wie gewohnt. Es ist immer wieder faszinierend, wie schnell sich durch die fließenden Bewegungen und das ruhige, tiefe Atmen eine totale Ruhe in mir ausbreitet. Gleichzeitig scheinen sich alle noch schlafenden Lebensgeister in mir die Augen zu reiben und so langsam lebendig zu werden. Vielleicht sollte ich mir angewöhnen, ab übernächster Woche Thai-Chi im Büro zu machen, wenn mal wieder alles auf einmal zusammen kommt. Als ich am Ende der Stunde laut überlege, ob ich vielleicht einige Schuhe oder Klamotten hier lasse, um Herrn Le (der mir gerade mal bis zum Kinn geht) in den Koffer zu kriegen, sagt dieser mir grinsend, dass ich das einfacher haben und eine seiner DVD´s mitnehmen kann. Sehr praktisch. Auf dem Rückweg zum Kurhaus erzählt Heike mir, dass sie beim Frühstück mitgekriegt hätte, dass ein großer Teil der Mütter so langsam die Nase voll von der Kur hätte. Verwirrt sehe ich Heike an: „Wieso? Was stimmt denn hier nicht???“ „Die meinten halt, dass zwei Wochen auch reichen würden, und das Wetter wäre ja immer so wechselhaft, und die ganzen anderen Mütter und Kinder, das wäre immer so laut und überhaupt.“ Ich sag nur: „Lagerkoller.“ Gleichzeitig verstehe ich einfach nicht, wie man das, was man hier fast für umsonst geboten kriegt, nicht in vollen Zügen genießen kann. Der Tag, an dem wir alle wieder arbeitend und gleichzeitig unsere Kinder er-/großziehend in unserem Hamsterrädchen strampeln, kommt noch früh genug. Als Herr Le uns im Foyer angekommen verabschiedet, zeigt sich, was das Problem vieler Frauen ist. Für die meisten stand heute nur dieser eine Kurs auf dem Programm. Viele stehen unschlüssig herum, sehen sich ratlos an und fragen: „Ja, und was machen wir jetzt?“ Die Kinder sind in der Betreuung, es gibt keine Hausarbeit zu machen, das Essen wird gekocht und steht gleich wieder fertig auf dem Tisch – ein Alptraum für jemanden, der es nicht gewohnt ist, auf sich selbst zurück geworfen zu sein. Und genau dafür ist die dritte Woche der Kur gedacht – eben weil man die ersten zwei Wochen braucht, um erstmal von seinem gewohnten Rüsel-Level runter zu kommen. In der letzten Woche gibt es dann nur noch einen selbst und das eigene Innerste, das bei der überall herrschenden Ruhe so schön laut werden kann und gerne gehört werden möchte. Hier gibt es kein Weglaufen und sich ablenken von den Dingen, die auf der Seele lasten, denn bei den sehr begrenzten Möglichkeiten, eine alles überdeckende Zerstreuung zu finden, wird man immer wieder mit sich selbst konfrontiert. Wie sagt Tina Lund in „Der Schwarm“ von Frank Schätzing zu Sigur Johanson an seinem einsamen Holzhaus am See?  „Du musst ziemlich gut mit dir selber klar kommen, schätze ich. Wenn du hier niemanden findest, außer dich selber, muss dir deine Gesellschaft angenehm sein.“ Besser kann man´s wohl nicht auf den Punkt bringen. Und das können die allerwenigsten. Auch ich musste das in den letzten drei Jahren lernen und kann mir heute oft nichts Schöneres vorstellen, als einfach mit mir und meinen Gedanken ganz allein zu sein. Denn es gibt keine bessere Methode, um mal in Ruhe in sich rein zu horchen, was das Bauchgefühl gerade so sagt. Ich schnappe mir jetzt mein Buch und verziehe mich auf die Terrasse, um ein bisschen Sonne zu tanken – auf der Wetteranzeige stehen nämlich heute noch sechs Sonnenstunden, morgen und übermorgen klägliche null bis zwei. Kurze Zeit später stoßen Monika und die Kurleiterin dazu, um eine zu rauchen. Während die beiden paffend nebeneinander stehen, sagt die Kurleiterin zu Monika: „Also sie haben ja schon ordentlich Farbe gekriegt.“ „Ja“, antwortet Monika voller Inbrunst, „ich tanke hier ja auch jede Menge. Das tut einfach gut.“ Über mein Buch gebeugt grinse ich innerlich in mir rein und frage mich, ob Monika wirklich über die Norderneyer Sonne redet. Mein Buch ist so spannend, dass ich gar nicht merke, wie die Zeit vergeht. Ruckzuck ist es schon wieder Zeit für´s Mittagessen, während dem mein kleiner Freund Jonas mich mal wieder nach allen Regeln der Kunst bezirzt. Nach dem Mittagessen noch ein paar Kapitel gelesen, und schon ist es Zeit, Fynn aus der Betreuung zu holen und ihn zu seinem allwöchentlichen Beckenbodentraining zu bringen. Der junge Mann hat heute mehr Termine als ich. Als sein Terminplan für den heutigen Tag abgearbeitet ist, laufen wir nochmal ins Städtchen, stöbern ein bisschen im Spielzeugladen, surfen ´ne Runde im Internet und genehmigen uns auf dem Rückweg eine Kugel Eis (Norderney hat schließlich jede Menge Eisdielen, da müssen wir im Laufe von drei Wochen eben rausfinden, welche die beste ist). Trotz Eis verschlingt Fynn (bei dessen drahtiger Statur ich ständig gefragt werde, ob ich ihm überhaupt was zu essen gebe) beim anschließenden Abendessen soviel wie eine siebenköpfige Raupe. Nach dem Abendessen kuscheln wir uns gemütlich in mein Bett und lassen den Tag mit einem lustigen Film ausklingen. Gute Nacht!

6.9.11 21:43
 
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