* Startseite     * Über...     * Archiv     * Kontakt     * Abonnieren








Reif für die Insel - Tag 10

Donnerstag, 01.09.2011: Mein Tag startet nach einem ausgiebigen Frühstück völlig tiefenentspannt: 20 Minuten Schlick-Wärmetherapie mit anschließender Massage bei Frau Völlmer. Während ich ordentlich durchgeknetet werde, bin ich wieder auf´s neue fasziniert, wieviel Kraft in einer solch zierlichen Person wie unserer Physiotherapeutin steckt. Heute steht nach dem Mittagessen ein zweites Gruppengespräch für alle Mütter auf dem Programm. Frau Loyal begrüßt uns mit den Worten: „Ich sag´s ja nur ungern, aber sie haben schon die Mitte ihrer Kur erreicht.“ Ich bin total überrascht und stelle fest, dass die Tage bisher einfach wie im Flug vergangen sind. Das heutige Gruppengespräch soll all das Positive, was wir bisher im Laufe der Kur in uns angesammelt haben, bestärken. Hierfür verteilen Frau Loyal und Frau Harms laminierte Fotos auf dem Boden, von dem sich jede von uns gedanklich das aussuchen soll, was die positivsten Gefühle in uns weckt. Reihum soll jede von uns das Foto benennen, das sie sich ausgesucht hat. Im Laufe der Runde stellt sich raus, dass einzelne Bilder von mehreren gleichzeitig ausgesucht wurden. Mein favorisiertes Bild (ein geflochtener Korb mit gelben Beeren auf einem sonnenbeschienenen Tisch) hab nur ich mir ausgesucht – ich tauge halt nicht zum Rudeldenken. Jetzt sollen wir reihum begründen, warum wir uns für „unser“ Bild entschieden haben bzw. was wir mit ihm positives in Verbindung bringen. Jetzt legt sich der Fokus in unserer Runde auf die Dame, die sich für ein Foto mit einem durchtrainierten Surfer entschieden hat und bei der Darlegung ihrer Beweggründe leicht ins Schleudern kommt. Die Damenrunde ist erheitert. Als jetzt auch noch Monika an die Reihe kommt und uns mitteilt, dass sie sich zwar für das Foto mit dem blühenden Baum entschieden hat, das schwarz-weiß-Bild mit dem tiefausgeschnittenen Damen-Dekolletée aber auch ganz scharf findet, kriegen wir uns alle nicht mehr ein. Monikas eh schon immer gerötetes Gesicht wird noch einen Ton dunkler, und sie gibt das Wort schnell an ihre Sitznachbarin weiter. Zum Abschluss dieser Runden sollen wir nun anhand unseres Fotos und dem, was wir damit in Verbindung bringen, ein Motto für unsere Kur und die Zeit danach formulieren. Wir verfallen minutenlang in angestrengtes Nachdenken. Als wir alle soweit sind, hört man jetzt reihum Sätze wie „Ich möchte mir mehr Zeit für mich nehmen.“, „Ich möchte lernen, mich besser zu entspannen.“, „Ich möchte lernen, besser „nein“ sagen zu können.“. Als die Dame an der Reihe ist, die sich das Surfer-Foto ausgesucht hat, braucht sie nur „Ich möchte…“ zu sagen, und alle liegen schon wieder auf dem Boden vor lachen. Die Runde geht weiter. „Ich will mehr an mich glauben.“, „Ich brauche Entschleunigung.“ „Ich möchte Energie tanken.“……..“Ich hatte Massage.“ Verwirrt starren wir Sabine an, die grinsend ohne Foto vor uns sitzt. Was ist das denn für ein komisches Motto? „Ich bin gerade erst dazu gekommen, weil ich gerade Massage hatte, deswegen konnte ich mir noch kein Motto ausdenken.“ Die Runde brüllt vor Lachen. „Ich hatte Massage“ ist bisher das beste Motto des Tages. Mit der Begründung, dass es für die Wahl meines Fotos keinen rationalen Grund gab und ich im Leben immer sehr gut damit fahre, lautet mein Motto: „Ich höre auf mein Bauchgefühl.“ Am Ende der Runde bekommen wir von Frau Loyal noch eine Geschichte über eine Frau vorgelesen, die zu Beginn eines Tages immer eine Handvoll Bohnen in die rechte Hosentasche steckt, um immer dann eine Bohne von der rechten in die linke Hosentasche wandern zu lassen, wenn sie einen glücklichen Moment erlebt. Am Ende des Tages zählt die Frau immer die Bohnen in ihrer linken Hosentasche und ist auch dann dankbar, wenn nur eine einzige den Weg von der rechten in die linke Tasche gefunden hat. Am Ende der Geschichte bekommt jede von uns ein kleines Säckchen mit Bohnen geschenkt, die ich direkt in meine rechte Hosentasche packe. Als ich fünf Minuten später mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse sitze und mir mit geschlossenen Augen die Sonne (die jetzt endlich mal so richtig rauskommt) ins Gesicht scheinen lasse, wandert die erste Bohne von der rechten in die linke Hosentasche. Um halb drei hole ich Fynn mit gepackter Strandtasche aus der Betreuung ab. Wir machen einen kurzen Abstecher in die Stadt, um meinem Sohn einen Ball zu kaufen und uns ein riesiges Eis (das erste in eineinhalb Wochen!) zu essen und machen uns dann auf den Weg zum Strand. Hier gibt es ein grosses „Hallo“, weil so ziemlich alle nach den letzten bewölkten und regnerischen Tagen die Gelegenheit nutzen wollen, ein paar Sonnenstrahlen zu tanken. Von Fynn sieht man nur noch eine große Sandwolke – der ist in Sekundenschnelle samt Ball mit den anderen Kindern Richtung Wasser verschwunden. Die Sonne strahlt, was das Zeug hält, und mit Helga, Silke und Heike hab ich alle meine Lieben um mich. Achja, Monika ist auch da. Nachdem Heike drei trockene Spüche gerissen hat (eine unter 40, die meinen schräg-schwarzen Humor teilt!), liege ich auf meinem Handtuch und kriege keine Luft mehr vor Lachen. Jetzt entdecken wir hundert Meter Luftlinie entfern einen Mann, der sich heroisch in die kalten Fluten stürzt  und sich dabei von seiner mit einer goldglitzernden Hose bekleideten Freundin photografieren lässt. Als er wieder aus dem Wasser kommt, stellen wir entsetzt fest, dass die gute Figur des Typen durch die Tatsache ruiniert wird, dass seine Schultern ziemlich tief runterhängen und seine Arme dadurch affenähnlich lang wirken. Heike beginnt darüber zu philosophieren, ob die hängende Länge seiner Arme mit seinen restlichen Extremitäten korrespondiert, woraufhin ich konstatiere, dass er sich für diese Beobachtung einfach noch zu weit weg befindet und Helga hektisch anfängt, nach ihrer Brille zu kramen. Neeee, wat hamm wir einen Spaß! „Mädels, was wäre das schön, wenn wir jetzt ´ne Pulle Sekt dabei hätten!“ juchzt Monika in die Runde. Bei jeder anderen hätte ich mir bei dieser Bemerkung nichts gedacht…. Jetzt ist erstmal Schluss mit lustig. Es ist halb fünf, Anke naht zur Klimatherapie. Heute dürfen die Kinder mit einem riesigen Kunststoffball Fussball am Strand spielen und zu guter Letzt wieder zweimal den Strandabschnitt rauf und runter rennen. Als alle warm und aus der Puste sind, soll jeder soweit ins Wasser, wie er sich traut. Ich kann gar nicht so schnell gucken, wie Fynn und sein Kumpel David komplett im Wasser sind. Nach zehn Minuten ist die Klimatherapie beendet, die Kinder wollen aber noch nicht aus dem Wasser. Mit Erlaubnis der Eltern und unter deren Aufsicht darf noch weiter im Wasser getobt werden. Da mittlerweile Flut ist und die Wellen eine ordentliche Höhe erreicht haben, bleibe ich am Wasser stehen, um Fynn im Auge zu behalten. Nach ein paar Minuten stelle ich fest, dass das Wasser gar nicht so kalt ist und traue mich heldenhaft immer weiter rein. Bei „kurz unter´m Bauchnabel“ ist meine Schmerzgrenze dann erreicht. Hier bleibe ich stehen, halte meinen Filius im Auge und springe bei jeder Welle hoch, die mir vor den Bauch zu klatschen droht. Fynn ist Feuer und Flamme. Er springt juchzend bei jeder Welle hoch und schmeißt sich übermütig in die von der Sonne glitzernden Fluten. Hätte ich jetzt Hosentaschen am Bikini und meine Bohnen dabei, würde ich wieder eine in die linke Tasche rüber packen. Wir reizen den Tag bis zum letzten Sonnenstrahl aus und machen uns dann auf den Rückweg zum Kurhaus zum Abendessen. Hier bietet sich mir, die ich nunmal genau in der Sichtschneise von Mrs. Wichtig samt Brut sitze, ein außerordentliches Spektakel. Während sich Mrs. Wichtig ausgiebig und minutenlang am abendlichen Buffet bedient, ohne ihre Kinder auch nur eines Blickes zu würdigen, wetzt ihr Vierjähriger Felix als erstes zum vom Mittag übrig gebliebenen Nachtisch und schnappt sich einen Pudding, in dem er schonmal rumrührt, während er noch auf den Tisch zuläuft. Am Tisch angekommen, zieht er sich kleckernd den Pudding rein, springt wieder auf und räumt erstmal ein paar Scheiben Wurst am Aufschnittbuffet ab, die er sich auf dem Rückweg zum Tisch in dem Mund stopft. Jetzt schnappt er sich eine Porzellan-Tasse (die Kinder benutzen normalerweise Kunststoff-Becher) und wetzt auf die Kanne mit heißem Tee zu. In letzter Sekunde springt eine andere Mutter am Tisch auf, läuft ihm nach und hilft ihm beim Einschütten, bevor sich das Kind mit heißer Flüssigkeit übergießt. Währenddessen hat sich Mrs. Wichtig gemütlich an den Tisch gesetzt und schaufelt genüsslich das Abendessen in sich rein. Felix ist jetzt zurück am Tisch, klettert auf seinen Stuhl und matscht auf dem Stuhl stehend mit seinem Löffel im heißen Tee rum. Jetzt springt er wieder auf, rennt zu den Besteckkästen, holt ein Messer raus und fuchtelt wie ein kleiner, wildgewordener Kampfturtle damit in der Gegend rum. Mrs. Wichtig sieht einfach nicht in seine Richtung, dann muss sie sich auch nicht damit auseinander setzen und kann lieber mit ihrer Tischnachbarin plaudern. Nachdem der Junge die komplette Salat-Deko am Aufschnittbuffet abgeräumt hat, holt er sich jetzt ein Brötchen aus dem Korb und rennt wieder zu seinem Platz. Dort angekommen, lässt er das Brötchen Brötchen sein und rennt erstmal um alle Tische, um die anderen Kinder beim Essen zu ärgern. Als er irgendwann wieder am Tisch sitzt, ist der junge Mann von Schokopudding, zahllosen Wurstscheiben und der Salat-Deko schon so satt, dass er sein Brötchen jetzt nur noch über den Tisch kullern lässt. Die erste Reaktion, die bei diesem Abendessen von Mrs. Wichtig kommt ist, dass sie nach dem trockenen Brötchen greift, es ihm wütend auf den Teller knallt und keift: „Essen!!!“ Felix denkt nicht im Traum draran. „E-S-S-E-N!!!“ schreit sie ihn jetzt noch einen Ton lauter an. In diesem Moment stupst Fynn mich an. „Mama, wir sind doch fertig mit Abendessen, können wir jetzt gehen.“ Ich wäre lieber mit ´ner Tüte Popcorn noch ein bisschen sitzen geblieben, aber das wäre dann vielleicht doch etwas zu auffällig gewesen. Nach dem Abendessen gibt es einen Film für Fynn, weil sich Mama zum abendlichen Jazz-Dance angemeldet hat. Voller Vorfreude darauf, mich nach drei Tagen Erkältungsabstinenz mal wieder ordentlich zu bewegen, mache ich mich auf den Weg in den Keller. Hier erwartet uns freudestrahlend Frau Birnbaum zur Tanzstunde…..Frau Birnbaum???.....Na, die sieht ja nun gar nicht nach Tanzen aus. Aber der Anblick unserer Aerobic-Lehrerin hat mich letzte Woche ja auch getäuscht, also: abwarten. Frau Birnbaum legt mit dem Aufwärmtraining los…..und scheitert kläglich an der Tatsache, uns die Bewegungen spiegelverkehrt in unsere Richtung blickend (die Grundkenntnis eines jeden Tanz- und Aerobic-Lehrers) vorzumachen. Sie dreht uns also den Rücken zu…..und muss jetzt erstmal überlegen, wie der Schritt nochmal richtig ging. Als ihr die Schritte wieder eingefallen sind, beginnen wir nun mit dem warm machen, indem wir lustig mitten innerhalb einer Acht von einer Übung zur nächsten wechseln, was mich völlig aus dem Rhythmus bringt. Nachdem wir uns „warm“ gemacht haben, bittet sie uns um äußerste Konzentration, um uns nun einen schwierigen Schritt zu zeigen. „Wir gehen mit rechts vor: rechts, links, rechts, tepp, und wieder zurück, rechts, links, rechts, tepp. Das üben wir jetzt erstmal emsig, damit der schwere Schritt gleich auch sitzt. Während wir die Schrittfolge gefühlte hundertmal wiederholen, wird die Sehnsucht nach meinem allwöchentlichen heimischen Tanztraining immer größer. Jetzt macht Frau Birnbaum mit ausgestreckten Propellerarmen eine gewagte Drehung zur Seite und endet in einer winkend-schwingenden Pose, die mich ein wenig an die 70iger und Woodstock erinnert. Keiiin Problem, machen wir alles locker-flockig-leicht-beschwingt mit. Nun drehen wir zurück, springen in der Mitte angekommen wie von der Tarantel gestochen hoch, um dann in die entgegengesetzte Richtung zu wirbeln. Fröhlich setzt Frau Birnbaum alle Gesetze von Rhythmus und Schrittfolge ausser Kraft und scheint förmlich durch den Raum zu fliegen. Wie hieß denn damals noch dieses völlig bekloppte Aerobic-Pop-Video, in dem die ganzen Irren in rosafarbenen Leggins und Stirnbändern quer durch´s Bild sprangen??? Keine Ahnung, wieso ich plötzlich daran denken muss. Nach einer Dreiviertelstunde ist das Spektakel beendet. Frau Birnbaum und die anderen Muttis sind schweißgebadet, während ich jetzt gerade warm genug bin, um ´ne Stunde joggen zu gehen. „Soooo, das war´s für heute. Nächste Woche studieren wir dann die Flashmob-Choreografie vom Eurovision-Songcontest ein. Es wird natürlich nicht die Original-Choreografie, sondern eine etwas abgewandelte Variante sein.“ Vor meinem inneren verzweifelten Auge sehe ich Frau Birnbaum in der nächsten Woche schon dieses so geniale Lied mit einer Blume-Bienchen-Hasch-mich-ich-bin-der-Frühling-Schrittfolge entweihen. Ich versuche ein hysterisches Kichern zu unterdrücken und verabschiede mich von den anderen. Im meinem Bett angekommen, hab ich immer noch die tanzende Frau Birnbaum vor Augen und komme erstmal vor Lachen nicht in den Schlaf. Neee, wat is dat schööön hier! Gute Nahaacht!

2.9.11 22:45
 
Letzte Einträge: Reif für die Insel - Tag 17, Reif für die Insel - Tag 18, Reif für die Insel - Tag 19, Reif für die Insel - Tag 20, Reif für die Insel - Tag 21, Reif für die Insel - der letzte Tag



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung