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Reif für die Insel - Tag 9

Mittwoch, 31.08.2011: Als ich meine Augen beim Weckerklingeln öffne, fühlt sich mein Hals an, als würde er jeden Moment explodieren. Jetzt ist er so richtig fett entzündet. Ich wanke ins Badezimmer, niese dreimal hintereinander und frage mich, wer die zerknittert aussehende Frau im Spiegel ist, der ich gerade die Zähne putze. Zu Fynns Schnupfen ist heute noch ein ordentlicher Husten dazu gekommen, er scheint aber nicht so angeschlagen wie ich, sondern recht fit zu sein. Zum Frühstück gibt´s erstmal ´ne große Portion Obstsalat. Looos, ihr Vitamine, scheucht die ganzen Bazillen mal aus meinem Körper! Nachdem ich Fynn in der Betreuung abgeliefert habe, statte ich nochmal der Ärztin einen Besuch ab, um mich ordnungsgemäß von der Strandgymnastik abzumelden, die ich mit meinem Achterbahn-Kreislauf heute auf keinen Fall schaffen würde. Ich bekomme noch ein paar Tabletten gegen Halsentzündung in die Hand gedrückt und werde ins Bett entlassen. Draussen sitzt die nächste Kranke. „Hast du auch ´nen dicken Hals?“ fragt sie mich grinsend. „Jo!“ Ich schleppe mich in den zweiten Stock und befinde mich Sekunden später in der Waagerechten. Um elf Uhr schaffe ich es, mich aufzuraffen und in den Bewegungsraum zu schleppen, um mich dort für´s autogene Training wie ein nasser Sack auf die Matte fallen zu lassen. Eine Dreiviertelstunde Entspannung beim Kranksein hat ja noch niemandem geschadet. Direkt im Ansc hluss mache ich mich auf den Weg zum Mittagessen, um mich dort wieder blendend von Mrs. Wichtig unterhalten zu fühlen, die mittags mit mir am selben Tisch sitzt, und deren Namen ich gar nicht kenne. Mrs. Wichtig hat uns allen am zweiten Tag in der Vorstellrunde schon erzählt, dass ihr niemand mehr etwas über die Insel erzählen müsste, da sie diese in- und auswendig kennen würde, schließliche mache sie mehrmals im Jahr Urlaub auf Norderney, hätte hier einen Wohnwagen und ein Haflingerpony stehen. Vor der Bimmelbahnfahrt nahm sie erstmal den Bahnfahrer in die Kneifzange, um ihn detailliert darüber auszufragen, ob denn die selbe Strecke wie „sonst auch immer“ gefahren werden würde – das dann in einer Lautstärke, dass auch bitteschön alle Mütter mibekamen, dass sie diese Fahrt schon zum wiederholten mal mitmacht. Während der Fahrt bemerkte sie dann ebenfalls lautstark, dass der Fahrer, der uns über Mikro über die interessanten Stellen der Insel informierte, eine Passage vergessen hätte, die er sonst IMMER sagen würde. Hinzu kommt, dass Mrs. Ich-kann-alles-und-hab-schon-alles-gemacht zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren hat, die tagtäglich durch ihr schlecht erzogenes Verhalten aus dem großen Pulk der fast hundert Kinder hervorstechen. Besonders Felix, der ältere von beiden, gehört zu der Sorte Kinder, die gerne mit den Händen mitten ins Wurstbuffet klatscht, den Salat ohne Besteck aus der großen Schüssel schaufelt oder anderen Kindern wahlweise mitten ins Gesicht oder auf den Kopf haut. Atze Schröder würde sagen: „Ein Arschlochkind.“ Heute sitzt Mrs. Wichtig also beim Mittagessen und tönt ganz laut: „Also wenn ich meinen Kindern Schokolade oder Schlangengurke zur Auswahl gebe, dann nehmen die lieber die Schlangengurke. Wir verbrauchen in der Woche soviel Gemüse, das ist der helle Waaaahnsinn.“ Tja, das scheint ein schlecht erzogenes Kind auch irgendwie nicht netter zu machen. Jetzt konzentriere ich mich lieber auf die netten Dinge an meinem Tisch. Denn jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich den Herren unter euch gestehen muss, dass mein Herz seit eineinhalb Wochen vergeben ist: an Jonas. Jonas hat strahlend blaue Augen, ein schelmisches Lächeln, blond gelockte Haare und sitzt mir beim Mittagessen gegenüber. Ok, er ist erst zwei, hat aber einen Charme, von dem sich so manch Großer eine Scheibe abschneiden könnte. Auch heute ist der junge Mann wieder voll auf Flirtkurs, zeigt mir seine beiden Piraten, erzählt mir, dass er gleich wieder Mittagschlaf machen muss und strahlt mich immer dann an, wenn er seinen Schnuller aus dem Mund zieht. Ich bin jeden Mittag auf´s neue ganz hingerissen. Die Zeit, bis ich Fynn aus der Betreuung abholen muss, verbringe ich mit ausgiebigem Chillen und nehme mir vor, heute den Rat von Frau Doktor zu berücksichtigen und ausgiebig direkt an der Wasserkante spazieren zu gehen, damit die beanspruchten Atemweg vom der salzigen Luft freigepustet werden. Um halb drei machen Fynn und ich uns also auf den Weg zum Weststrand und laufen Richtung Strandspielplatz. Zur Abwechslung lässt sich die Sonne mal wieder blicken, so dass wir einen wunderschönen Blick über das glitzernde Meer haben. Bis zum Spielplatz sammeln wir fleißig Muscheln, mit denen Fynn seine selbst gebastelte Schatzkiste verzieren möchte. Auf dem Spielplatz angekommen, lasse ich mich an einer windstillen Stelle in den Sand fallen, während mein Sohn die Spielgeräte testet. Ich fühle mich zwar immer noch wie ein Schluck Wasser in der Kurve, aber die Sonne und die klare Luft tun trotzdem gut. Irgendwann kommt Fynn angeflitzt, um sich 1,50 Euro für 6 Minuten Trampolinspringen abzuholen. Während mein Sohn lustig vor sich hinhüpft und einen Salto nach dem anderen dreht, rechne ich aus, dass es sich bei acht Trampolins mit 120 Euro in der Stunde als Trampolinbesitzer auf Norderney garantiert nicht schlecht leben lässt. Als Fynn ausgehüpft hat, gönnen wir uns noch eine Tüte Popcorn und machen uns langsam wieder auf den Rückweg. Auf halber Strecke kommen wir an einem Holzwohnwagen vorbei, der von fünf Strandkörben umstellt ist. Auf dem Wohnwagen steht „Standesamt“, und am Strand steht eine kleine Hochzeitsgesellschaft: der Bräutigam mit Smoking, die Anzughose bis zu den Knien hochgekrempelt und barfuss, die Braut mit langem weißen Kleid und Regenjacke. Ein Bild für die Götter. Auf Höhe der Milchbar angekommen, finde ich „meine Damen“ auf einer Decke am Strand. In einer Viertelstunde ist Klimatherapie bei Anke – die Wartezeit wird jetzt noch nett plaudernd überbrückt, während unsere Kinder den Strand umgraben. Klimatherapie heisst heute, dass jedes Kind ein Tuch bekommt, das es sich in den Bund seiner Hose steckt und nun versucht, den anderen Kindern das Tuch abzujagen, bzw. das eigene Tuch nicht zu verlieren. Unsere Kinder haben Spaß ohne Ende. Jetzt, wo alle richtig schön ins Schwitzen gekommen sind, sollen sie ein Teil (Hose oder Tshirt) ausziehen (mein Sohn zieht das T-shirt aus, O-Ton Fynn: „Ich renn doch hier nicht in Unterhose am Strand rum!" und zweimal den Strandabschnitt rauf und runter rennen. Die ersten Mutigen trauen sich anschließend ins Wasser. Das nimmt Fynn sich für morgen vor. Beim anschließenden Abendessen stelle ich fest, dass die Gemeinschaft zwischen den Muttis nach einer Woche Kur sehr angewachsen zu sein scheint: „Schatzi, gibst du mir mal die Butter?“ „Aber gerne doch, meine Allerliebste!“ tönt es quer über den Tisch. Jeder wie er mag, aber mir rollen sich an dieser Stelle die Fußnägel hoch. So extrovertiert ich durch meine Postings bei Facebook oder eben diesen Urlaubsblog erscheinen mag, alles was bei mir eine bestimmte Grenze zu meinem Inneren überschreitet, bleibt für den größten Teil aller tabu. Was wirklich in mir vorgeht, was mich beschäftigt, was ich empfinde, das teile ich nur mit ganz wenigen, mir nahe stehenden Menschen – und bevor ich eine Frau nach einer Woche am Abendbrottisch „Schatzi“ nenne, friert eher die Hölle zu. Es ist wie es ist: ich plaudere gerne unverbindlich mit den Müttern, die mir sympathisch sind, aber dann kommt auch wieder der Punkt, an dem ich mich zurückziehe und lieber für mich bin, weil das, was mein Inneres betrifft hier einfach niemanden was angeht. Nach einer erneuten Puzzlerunde verabschiede mich von meinem Sohn, der noch einen Film gucken darf: „Bis nachher, deine Mutter geht jetzt einen Teddy häkeln.“ Wieder über mich selber den Kopf schüttelnd, mache ich mich auf den Weg in den Gemeinschaftsraum und frage mich ein weiteres mal, was mich da geritten hat, als ich mich in die Tier-Häkel-Liste eintrug. Es muss an den süßen Knopfaugen gelegen haben, mit denen mich der Teddy von dem Foto angeblinkt hat. Im Raum angekommen lege ich der Kursleiterin die 3 Euro Materialkosten auf den Tisch. „Können sie häkeln?“ „Nee, ich glaub nicht.“ (Stand auch nicht auf dem Aushang, das Vorkenntnisse vorhanden sein müssen.) „Dann halten sie die 3 Euro lieber erstmal. Wenn´s nicht klappt, brauchen sie die nicht zu bezahlen.“ Na, das klingt doch schonmal total motivierend. Was die Kursleiterin meinte, zeigt sich dann zehn Minuten später, als wir mit dem Teddy beginnen. „Also sie schlingen erstmal den Wollfaden um den Daumen, zweimal um den Zeigefinger und ziehen ihn hier durch den Ringfinger, dann haken sie hier mit der Nadel in der Schlaufe am Zeigefinger ein und haben schon die erste Schlaufe. Jetzt machen sie zwei Luftmachen und dann in die hintere der beiden Luftmaschen sechs feste Maschen.“…………….Hääääääääääääääääh??? Luftmaschen??? Feste Maschen??? Als ich den Wollfaden so um die Finger gewickelt habe, wie uns vorgemacht wurde, hab ich schon meine erste Masche. Die ist aber irgendwie an meinem Zeigefinger und nicht an der Häkelnadel fest geknotet. Nachdem ich das zweite mal gescheitert und wieder total verheddert bin, hilft mir die Kursleiterin mit dem Anfang. Als ich dann alleine weitermachen soll, stellt sie stirnrunzelnd fest, dass sie mir als Linkshänderin gar nicht wirklich was zeigen kann, weil sie nicht weiß, wie das ganze spiegelverkehrt geht. Ich stochere noch zweimal in einer der Maschen herum, um nach den zwei Luftmaschen jetzt die sechs festen Maschen hinzukriegen, was zur Folge hat, dass mir der ganze Wollwust von der Häkelnadel springt und (wie es mir scheint) hämisch kichernd vor mir auf dem Tisch liegt. Um mich rum sitzen Muttis (ihres Zeichens Kindergärtnerin oder Handarbeitslehrerin) und häkeln, was das Zeug hält. Zwischendrin sitzen auch einige Damen, bei denen das Häkeln schon einige Zeit zurückliegt, und die man zwischendurch auch fluchen hört, weil sie bei dem ganzen Gequatsche nicht mehr wissen, in welcher Reihe sie gerade sind und wieviele Maschen sie in dieser Reihe noch häklen müssen. Ich führe mir jetzt ganz geknickt vor Augen, dass ich halt andere Sachen gut kann, und gebe auf. Die verbleibende halbe Stunde beschränke ich meine Anwesenheit darauf, mit den anderen Tränen zu lachen, weil einige Teddyköpfe doch reichlich deformiert oder vielmehr wie ein Topflappen aussehen. Monika ist auch mit von der Partie, gehört aber zu denen, die gut und sehr schnell häklen können. Zwischendurch hält sie inne und sagt: „Häh, was hab ich denn jetzt hier gehäkelt? Ich bin doch nicht betrunken!“ …………………………………………………………………..Zumindest müssen die Teddyköpfe im Kreis gehäkelt werden, was ihr ja vielleicht entgegen kommt…… „Soooo“, sagt die Kursleiterin irgendwann im Laufe des Abends, „ wenn sie die Reihen jetzt soweit fertig gehäkelt haben, können sie bei dem Teddykopf mit dem reduzieren beginnen.“ „Reduzieren“ ist mein Stichwort: „Mädels, ich reduzier mich jetzt auch mal, sonst wache ich heute nacht schweißgebadet auf und schreie: „Nein, der Teddy, die Wolle, die Häkelnadel, ich will niiiiicht!“ Die Damen liegen auf dem Boden vor Lachen und winken mir mitfühlend. Zum krönenden Abschluss kommt die Kursleiterin zu mir und sagt: „Welche Figur hätten sie denn gerne machen wollen?“ Ich: „Den Teddy, den fand ich so süss.“ Sie: „Also wenn sie mögen, kann ich ihnen gerne einen am Wochenende häkeln, dann können sie den käuflich erwerben.“ Ich: „Eeeecht? Das wäre ja voll lieb von ihnen, sehr gerne.“ Sie: „Ist überhaupt kein Problem, ich brauche für so ´nen Teddy ja nur ´ne Stunde.“ BOIIIINNNG!!! Das hab ich für mein angekratztes Selbstwertgefühl jetzt noch gebraucht! Auf dem Weg nach oben überlege ich, ob ich morgen nicht direkt einen Termin mit der Klinik-Psychologin machen und mit ihr mein Häkel-Teddy-Traum aufarbeiten soll. In der Hoffnung, dass ich nachts nicht schweißgebadet aufwache und laut „Neiiiin, Wolle, Teddy, Häkelnadel!!!“ schreie, gehe ich ins Bett. Gute Nacht! :-)

1.9.11 21:16
 
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