* Startseite     * Über...     * Archiv     * Kontakt     * Abonnieren








Reif für die Insel - Tag 8

Dienstag, 30.08.2011: Als der Wecker geht und ich die Augen öffne, hab ich Halsschmerzen und die Nase zu. Da mich die Ärztin bei meiner Erstuntersuchung am Donnerstag schon darüber informiert hat, dass mein Hals leicht gerötet wäre, war das bei den derzeitigen Wetterverhältnissen nur eine Frage der Zeit. Da mir gesagt wurde, dass ich im Fall von Halsschmerzen/Schluckbeschwerden direkt zu ihr kommen soll, mache ich das doch heute einfach mal nach dem Frühstück und werde mit Meditonsin, Lutschtabletten und was zum Gurgeln ausgestattet. Für Fynns Rotznase gibt´s direkt noch ein Nasenspray dazu und für uns beide die Anweisung, bei verstopfter Nase/Erkältung direkt am Wasser spazieren zugehen. Stimmt, Sissi musste ja damals mit ihrer Lungenentzündung auch auf Elba den ganzen Tag draussen im Liegestuhl sitzen, dann werden wir das heute Nachmittag direkt mal in Angriff nehmen. Für mich ist laut meinem Plan der komplette Dienstag anwendungsfrei, so dass ich mich erstmal wieder mit meinem Krimi befasse, den ich kaum noch aus der Hand legen kann. Als ich zwischendurch unten im Foyer am Rechner meine Mails checke, treffe ich Silke, die mich angringst: „Hast du schon gehört? Monika war heute nicht beim Frühstück.“ Ich: „Ja, als wir um zehn nach acht kamen, sah die gegenüberliegende Seite unseres Tisches irgendwie unbenutzt aus.“ Silke: „Wir haben erst gedacht, es wäre was mit Luis, dass er vielleicht krank ist oder so. Aber dann hab ich die Sekretärin auf ihrem Zimmer anrufen lassen, und es stellte sich raus, dass Monika verschlafen hat.“ Kichernd verabschiedet sich Silke Richtung Fahrstuhl. Meine Zahnrädchen fangen wieder an, sich zu drehen….Die Zeit, bis ich Fynn von der Betreuung abhole, verbringe ich mit lesen, kreuzworträtseln und dösen. Ein besseres Wetter zum Kränkeln konnte ich mir nicht aussuchen, es regnet fast den ganzen Tag ununterbrochen. Nachdem ich Fynn von der Betreuung abgeholt habe, widmen wir uns wieder unserem 750-Teile-Puzzle. Als Fynn zu seinem nächsten Kurs (Kinderentspannung) muss, bin ich vom puzzeln so erschöpft, dass ich die nächste Stunde erstmal tief und fest schlafe.Den von der Ärztin empfohlenen Strandspaziergang verschiebe ich gedanklich auf morgen. Das anschließende Abendessen schaffe ich noch so gerade eben, dann bekommt Fynn einen Film angemacht, während ich total platt in mein Bett falle. Um neun Uhr geht heute das Licht aus. Gute Nacht!

31.8.11 19:36


Reif für die Insel - Tag 7

Montag, 29.08.2011: Als ich heute meine Augen öffne, höre ich es schon durch das gekippte Fenster: es regnet Bindfäden. Somit findet unser heutiges Thai-Chi leider nicht am Strand, sondern im Foyer der Kurklinik statt. „Gung“ ist trotzdem guter Dinge, und macht uns strahlend eine Übung nach der anderen vor. Bei einer der Hüftübungen erwischt es mich heute auf´s neue. Aus dem Haufen von zwanzig Frauen pickt „Gung“ mich heraus. „Sie hia mahe am besthe, komhe nahe voane füa alle.“ Als ich vor der versammelten Müttermannschaft stehe, sagt „Gung“: „Hia wia habe potenziehle Bauchtänsserin, habe geschmeidige Hüfde.“ Obwohl mein letzter Bauchtanzkurz schon ewig zurück liegt, scheine ich dann ja wohl doch nicht alles verlernt zu haben. Nach der Übung werde ich Gott sei Dank wieder in den entspannt ein- und ausatmenden Frauen-Pulk entlassen.“ Gung“ erklärt uns, dass er an Thai-Chi so liebt, dass sich die Elemente Kraft, Ausdauer, Entspannung, Tanz und Geschmeidigkeit innerhalb einer dreiviertel Stunde in so vielen Übungen miteinander vereinbaren lassen. Das geht mir nicht anders, denn die Übungen machen mir riesigen Spaß und sind anstrengend und schweißtreibend zugleich. Als die Stunde rum ist, hat es leider immer noch nicht aufgehört zu regnen, so dass ich meine geplante Joggingrunde nicht direkt anschließen kann. Als ich auf meinem Zimmer ankomme, ist die Putzfrau, die zweimal die Woche die Appartements reinigt, gerade weg. Ist das herrlich: alles frisch gewienert und neue Handtücher, ohne dass ich die alten waschen musste. Wie im Hotel! Eine halbe Stunde später scheint es nur noch zu nieseln. Ich nutze die Gelegenheit, setze mir die Musik auf die Ohren und laufe Richtung Strand. Als ich aus der Seitenstraße auf die Promenade biege, werde ich vom Wind fast weg geweht (und das soll bei meinem Gewicht schon was heißen). Also drehe ich direkt wieder um und setzte meine Joggingrunden durch die windstilleren Nebenstraßen von Norderney fort.  Mittendrin geht ein Schauer runter, der gerade mal eine halbe Minute dauert, mich aber klatschnass werden lässt. Wieder an der Kurklinik angekommen, springe ich unter die heiße Dusche und mache mich danach auf den Weg zum Mittagessen. Eine halbe Stunde lang essen und plaudern wir Mütter gemütlich, bis plötzlich eine ruft: „Oh jeh, die Kinder kommen!“ (Anmerkung der Autorin: Während es in unserer letzten Kur so war, dass Mütter und Kinder mittags zwar getrennt, aber zeitgleich in zwei unterschiedlichen Räumen gegessen haben, ist das hier aus Platzgründen nicht möglich. Die Mütter essen von 11.45 Uhr bis 12.30 Uhr (Altenheimzeiten!), die Kinder von 12.30 Uhr bis 13.15 Uhr. Heute sind die Kinder etwas früh dran und strömen um kurz vor halb in den Essens-Saal. Grinsend beobachte ich, wie die entspannten Mütter, die momentan die ruhigen und kinderlosen Mittagessen gründlich genießen, aufspringen und fluchtartig den Ort des Geschehens verlassen - ich sag nur: Tiefenentspannung! J Nach dem Mittagessen widme ich mich gemütlich eine Stunde meinem aktuellen Buch „Schändung“ von Juss Adler Olsen, dem zweiten Krimi über Ermittler Carl Morck und seinen Assistenten Assad vom Sonderderzernat Q in Kopenhagen. Eine Mischung aus fesselndem Thriller und intelligentem Krimi gewürzt mit jeder Menge Ironie, die mitten in mein Humorzentrum trifft. Um viertel nach eins bekomme ich dann Gelegenheit, mich vom ausgiebigen Lesen zu erholen: autogenes Training steht auf dem Programm. Fünf Minuten später liege ich in eine Decke gekuschelt auf einer großen Matte und beobachte fasziniert durch die riesigen Deckenfenster, wie schnell der Wind heute die Wolken über den Norderneyer Himmel pustet. Weitere fünf Minuten später erklingen die Stimme der Kursleiterin und die Entspannungsmusik, die mich innerhalb kürzester Zeit völlig wegtreten lassen. Nachdem mein Kurs zuende ist, statte ich der Rezeption im Foyer einen Besuch ab, um nachzugucken, was es so neues gibt. Hier liegen tagtäglich die aktuellen Wetterinformationen und das Programm aus, das ausserhalb der Anwendungen in der Kurklinik stattfindet. Bisher hatten sie Töpfern und Brotbacken im Angebot – zwei Veranstaltungen, bei denen mein Sohn und ich einvernehmlich dachten: „Neeee, geh mir wech damit!!!“. Heute liegt ein Angebot für die Mütter für Mittwochabend viertel nach acht aus: Figuren häkeln. Als ich „häkeln“ lese, schaltet mein Gehirn automatisch in den „Stand-by“-Modus. Doch dann fällt mein Blick auf das nebenliegende Foto, auf dem die kleinen Häkelfiguren abgebildet sind. Sie sehen herzallerliebst aus und erinnern mich irgendwie an meinen Mister-Bean-Teddy, der wohl auch gehäkelterweise das Licht der Welt erblickt zu haben scheint. Ob ich jetzt so entspannt vom autogenen Training war oder die gute Seeluft kurzzeitig mein Hirn vernebelt hat – ich nehme tatsächlich einen Stift und trage meinen Namen in die Häkelliste ein!!! Kopfschüttelnd verlasse ich das Foyer und denke: „Ok, wenn das Ding nix wird, bekommen es unsere beiden neuen Kätzchen zum spielen, aber wenn es mir wirklich gelingen sollte, bekommt es Angelas süße Louisa-Maus geschenkt.“ Jetzt hole ich Fynn aus der Betreuung ab, um ihn zu seinen beiden heutigen Kursen zu bringen. Beckenbodentraining und Wirbelsäulengymnastik. Speziell in erstem Kurs soll nicht nur das Bewusstsein der Kinder für den eigenen Körper geschult, sondern ihnen subtil klargemacht werden, dass alle Kinder, die diesen Kurs besuchen, das selbe Problem haben. Von dieser Erkenntnis versprechen sich die Therapeuten der Kurklinik eine erhebliche psychische Entlastung der betroffenen Kinder. Zum Abschluss des heutigen Tages steht noch die Klimatherapie mit Anke auf dem Programm. Ziel soll es sein, die Kinder häppchenweise an das böseböse Norderneyer Reizklima zu gewöhnen, was uns Müttern, nachdem unsere Kinder vor einigen Tagen bereits komplett im Wasser gewesen sind,  ziemlich witzlos erscheint. Die Klimatherapie ist in der ersten Woche aber Pflichtveranstaltung, so dass wir alle brav ins Foyer traben. „Sooo, jetzt gehen wir mal alle vor die Tür.“ flötet Anke. Auf der Straße angekommen, sollen wir nun eine Aufwärmübung machen. Feuer, Wasser, Sturm. Wir müssen so lange kreuz und quer über die verkehrsberuhigte Straße laufen, wie Anke auf zwei Holzstäbe schlägt und dann eines der drei Worte ruft. Bei Feuer müssen alle in die Hocke gehen, bei Wasser auf den Bürgersteig springen und bei Sturm eine der beiden Hauswände berühren. Unsere Kinder sind begeistert, wir Mütter werfen uns derweilen befremdete Blicke zu. Nach der Aufwärmübung sollen jetzt alle Kinder einmal die Straße hoch und wieder runter laufen.  Während der zappelnde Haufen die Straße entlang trabt, kommt ein mürrisch aussehender Mann auf einem Fahrrad mit Tempo angerauscht. Anstatt abzubremsen oder sogar abzusteigen, prescht er mitten durch die Leute und bringt ein kleines Kind zu Fall. Als die Mutter des Kindes ihn erbost fragt, ob er denn nicht aufpassen kann, schreit der Mann: „Das hier ist eine STRASSE!!!“ und will wieder auf sein Fahrrad steigen. Auf einen weiteren Kommentar der Mutter dreht er sich um und ruft drohend: „VORSICHT!!!“ Fassungslos beobachten wir anderen das Geschehen. Ich warte jeden Moment darauf, dass er von seinem Rad steigt, der Mutter eine scheuert und sich daraufhin 40 hysterische Furien auf ihn stürzen, um ihn zu teeren und zu federn. Das scheint der Mann wohl auch gerade abzuwägen, steigt schnell wieder auf sein Rad und fährt mit griesgrämigem Gesichtsausdruck unverrichteter Dinge weiter. Anke erzählt uns, dass es sich bei dem Mann um einen der vielen angenervten Kliniknachbarn handelt, die es nicht ertragen können, dass hier tagtäglich Kinder mit dem für sie typsichen Geräuschpegel ein und aus gehen. Gut, dass ich mir sein Gesicht gemerkt habe. Wenn ich sein Rad demnächst irgendwo unbeaufsichtigt stehen sehe, lasse ich erstmal die Luft aus den Reifen. Nachdem die Kinder jetzt einmal die Straße rauf und runter gelaufen sind, sollen sie nun ihre Jacken ausziehen, und die Straße noch zweimal rauf und runter laufen. Danach stehen alle vor Anke und sehen sie erwartungsfreudig an. „Soooo, das war´s für heute, wir sehen uns dann morgen wieder um 16.30 Uhr.“ Über allen Köpfen schweben riesige Fragezeichen. Jetzt, wo wir einmal an der frischen Luft sind, stiefeln Fynn und ich noch zum nächsten Briefkasten, um die Postkarten einzuwerfen und decken uns bei Edeka mit neuem Süßkram und Taschentüchern für meinen vor sich hinrotzenden Filius ein. An der Kasse ist Fynn mal wieder so lieb, unsere Einkäufe in die Tüte zu packen und den blauen Edeka-Einkaufskorb wegzubringen. Als ich gerade bezahlen will, grinst mich der Kassierer an: „Ich fass es nicht – der junge Mann ist der Erste, der den Korb heute an die richtige Stelle räumt.“ Ich drehe mich um, und sehe, dass Fynn den Korb in ein dafür vorgesehenes Rollwägelchen gestellt hat (ist doch logisch, oder?), während der Rest der blauen Körbe neben/hinter/auf den Packtischen rumfliegt. Was hab ich für einen schlauen Sohn! Jetzt muss ich doch tatsächlich mal ernsthaft überlegen, ob ich dieses Wunderkind nicht doch zum Gymnasium anmelde. Im Fach „wohin-gehört-der-blaue-Einkaufskorb“ wird er dann auf jeden Fall ´ne eins auf dem Zeugnis haben. Mittlerweile ist es so windig, dass man sich sogar in den geschützten Straßen komplett gegen den Wind lehnen kann, ohne dabei umzufallen. Zurück in der Kurklinik beginnen wir bis zum Abendessen das nächste Puzzle: 750 Teile. Wir steigern uns jetzt stetig. Als wir beim Abendessen sitzen, fragt Monika unvermittelt in die lustig plaudernde Runde: „War einer von euch schonmal beim Glascontainer und weiß, wo der ist?“ Verständnislose Stille am Tisch und anschließendes Kopfschütteln. Mir kommt es gerade so vor, als würden in meinem Kopf zwei Zahnrädchen ineinanderhaken, die sich langsam anfangen zu drehen: die unterlaufenen Augen, das immer rote Gesicht, der glasige Blick…Nachdem ich mir bei Edeka eine Flasche Wein gekauft, sie heimlich in die Klinik geschmuggelt habe und nun immer mal abends ein Gläschen trinke, habe ich natürlich auch überlegt, dass ich die irgendwann leere Flasche nicht in den normalen Müll der Kurklinik schmeißen kann, sondern sie irgendwo ausserhalb entsorgen muss. Mir wird klar, dass es sich bei Monika wohl nicht um eine Flasche handelt, die sie am Glascontainer entsorgen will. Nach dem Abendessen wird weiter gepuzzelt. Um halb neun muss ich mich schweren Herzens losreißen, weil auf alle Mütter ein ZWEISTÜNDIGER Klimavortrag wartet. Rasend schnell rechne ich mit meinen immensen mathematischen Fähigkeiten aus, dass wir also alle bis halb elf im Vortragsraum hocken müssen – und das, wo mein Körper und mein Gehirn hier in der Regel schon immer gegen halb zehn von Normalbetrieb auf den“ich-krieg-gerade-mal-noch-drei-Seiten-gelesen“-Modus umschalten. Aber: wir haben keine Wahl, der Klimavortrag ist Pflichtveranstaltung. Sogar die Mütter mit kleinen Kindern, die sich damit versuchen rauszureden, dass sie ihre Brut so spät nicht einfach alleine lassen können, haben keine Chance: auf jeder Etage wird ein Babysitter abgestellt. Als ich um halb neun in den Vortragsraum schlurfe, ist meine Laune nicht die allerbeste, und ich denke, dass es für heute nicht mehr schlimmer kommen kann. Aber es kann!!! Vor der versammelten, völlig demotivierten Mütterschar steht mein Lieblings-Kinderarzt in seiner vollen besserwisserischen Pracht und wird uns nun zwei Stunden lang über das Norderneyer Klima belehren. Der Beamer läuft, im Raum ist es dunkel, die ich-kann-alles-ich-weiß-alles-Stimme von Herrn Doktor erklingt, und ich versuche, für die nächsten zwei Stunden aus meinem Körper auszutreten. Weil es mir nicht vollständig gelingt, bekomme ich mit, dass Herr Doktor der einzige Kinderarzt weit und breit ist und somit mit seinem kleinen Privatflieger von Insel zu Insel fliegt, um die kranken Kinder und überhaupt den Rest der Welt zu retten. Jetzt, wo wir alle wissen, dass er die Lizenz zum Fliegen hat, bekommen wir auch noch angeboten, dass er uns gerne mal für einen privaten Rundflug über die Insel mitnehmen kann, es würden aber ausser ihm nur noch zwei Personen ins Flugzeug passen. Prinzipiell ein interessantes Angebot – die Frage ist nur, was er anschließend als Gegenleistung dafür haben möchte. Jetzt bekommen wir noch seinen beeindruckenden Werdegang auf´s Brot geschmiert, der mit Forschungen in der Asthma-Therapie auf Norderny endet und ihn seitdem auf der Insel hält. Sicherlich liebt der Mann seinen Job über alles, hat in der Medizin viel geleistet, so manchem schwer kranken Kind das Leben erleichtert und ihm somit wieder neue Hoffnung auf ein normales Leben gegeben – aber wenn man sich damit immer wieder vor versammelter Menge brüsten muss, kriegt´s doch irgendwie einen schalen Nachgeschmack. Irgendwie kommt es mir so vor, als würde die ganze Zeit „Muss nur noch kurz die Welt retten“ von Tim Bendzko im Hintergrund dudeln. Wenn Herr Doktor nicht gerade über sich selbst und seine Verdienste an der Menschheit redet, werden wir im Rahmen seines Vortrages zu den Themen „Erdkunde“ (wieviele ostfriesische Inseln gibt es?&ldquo,“ Chemie“ („wie hoch ist der Salzgehalt des Wassers auf Norderney?&ldquo und „Medizin“ („An welcher Stelle des Körpers misst man die Temperatur eines Kindes womit am besten, wenn man kein Fieberthermometer zur Hand hat?&ldquo abgefragt. Unter den 40 Muttis gibt es drei bis vier ganz Eifrige, die jede seiner Fragen mehr oder weniger gut versuchen zu beantworten und sich anschließend wahlweise ganz beifallheischend umsehen oder sich mit stolzem Gesichtsausdruck zufrieden in ihrem Sessel zurücklehnen. Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich überlege, ob´s für die Streberinnen unter uns am Ende der Veranstaltung einen schönen Sticker oder einen Stempel mit einem lachenden Gesicht auf ihren Therapieplan gibt. Oder aber, sie dürfen eine Runde mit dem Superdoktor über die Insel fliegen. Um Punkt halb elf haben wir es endlich geschafft. Entkräftet schleppe ich mich in den zweiten Stock, um in meinem Bett angekommen in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen. Gute Nacht!

30.8.11 18:33


Reif für die Insel - Tag 6

Sonntag, 28.08.2011: Unser Tag beginnt wie immer mit dem morgendlichen Frühstück – heute mit zwei sonntäglichen Highlights: Eier und Nutella. Zweiteres ist Fynn nach dem Frühstück auch deutlich anzusehen. Um halb zehn startet die einstündige Inselrundfahrt mit der Bimmelbahn. Bei Sonnenschein und ordentlichem Wind zuckeln zum Hafen, dann vorbei am Golfhotel Richtung Leuchtturm. Einige Minuten später machen wir Halt an einer Aussichtsplattform, auf der es zwar zieht wie Hechtsuppe, von der man aber einen traumhaften Ausblick über die ganze Insel hat. Auf dem Rückweg zur Bimmelbahnhaltestelle entdecken wir noch einen Minigolfplatz und eine Kinder-Indoorhalle, so dass das Programm für nächstes Wochenende schonmal halbwegs steht. Auf dem Rückweg zur Klinik jage ich mir eine Bild am Sonntag, deren Sportteil ich ausgiebig bis zum Mittagessen studiere. Nach dem Mittagessen reißt der inzwischen grau gewordene Himmel ein wenig auf, so dass Fynn und ich beschließen, eine Runde zum Strand zu gehen. Dort angekommen machen wir nach wenigen Minuten wieder kehrt, weil es heute so dermaßen windig ist, dass es am Wasser einfach nur ungemütlich ist. Stattdessen machen wir uns auf den Weg zum schnuckelig-kleinen Inselkino, in dem heute „Der Zoowärter“ läuft. Bewaffnet mit Sprite, M&M´s, Gummibärchen und Maoam genießen wir den superlustigen Film, der schon allein durch das von Mario Barth mit Berliner Akzent gesprochene Äffchen absolut sehenswert ist. Als wir aus dem Kino kommen, fängt es in der Ferne leise an zu grummeln. Zwei Minuten später ist das Gewitter über uns angekommen, und der Himmel öffnet seine Schleusen. Auf keiner anderen Insel schlägt das Wetter so schnell um, wie auf Norderney – nach sechs Tagen haben wir das sekundenschnelle Losrennen perfektionert. In unserem Appartement angekommen, legen wir uns erstmal trocken und fangen eins unserer mitgebrachten Puzzle an (500 Teile). Mein Sohn, der gestern schon in einer Tour geniest hat und sich heute im Laufe des Tages eine Rotznase zulegte, sitzt jetzt mit warmem Kopf vor dem Puzzle und sagt mir, dass er sehr müde sei. Die Klimatherapeutin prophezeite uns bereits am zweiten Tag, dass die ersten Infekte, besonders bei den Kindern, bei dem Norderneyer Reizklima nicht lange auf sich warten lassen würden. Nach dem Abendessen machen wir das Puzzle noch fertig und telefonieren kurz mit Oma Geli, die wissen möchte, ob es ihren Lieben gut geht.  Am Ende des Telefonats gibt sie mir noch mit auf den Weg, dass ich mein erkältetes Kind doch jetzt immer schön warm anziehen soll, wenn wir nach draussen gehen. Gut, dass sie das nochmal erwähnt hat, sonst hätte ich ihn morgen in Badehose zum Strandspaziergang geschickt. Nach dem Telefonat schicke ich den jungen Mann mit Nurofen-Fiebersaft, Erkältungsbalsam und Gute-Nacht-Geschichte in die Federn. Als ich mir gerade ein Gläschen Wein eingeschüttet habe, geht das Telefon: meine Freundin, mit der ich ausgiebig eineinhalb Stunden quatsche. Nette Mütter in der Kurklinik hin oder her – nach einer Woche merkt man schon, dass einem der regelmäßige Kontakt zu seinen Freunden fehlt und wie gut es tut, mit einem vertrauten Menschen über Gott und die Welt zu reden. Jetzt ist es Schlafenszeit. Der Wein tut seine Wirkung (bin ja nix mehr gewöhnt!), und ich schlafe sofort ein.

29.8.11 18:31


Reif für die Insel - Tag 5

Samstag, 27.08.2011: WOCHENENDE! Heute können wir eine halbe Stunde länger schlafen, denn samstags und sonntags gibt es bis neun Uhr Frühstück. Die Tatsache, dass länger gefrühstückt werden kann, erhöht die Wahrscheinlichkeit, unsere Tischnachbarn Monika mit ihrem Sohn ADHS-Luis nicht über den Weg zu laufen. Die Mütter unter Euch kennen das bestimmt: es gibt Kinder, die kann man einfach auf Anhieb nicht leiden. Luis gehört zu dieser Sorte. Entweder er sitzt am Tisch und prahlt mit irgendwelchen erfundenen „ich hab-dies-und-ich-kann-das“-Geschichten, kippelt mit dem Stuhl, tritt Fynn unter dem Tisch, spielt mit seinem Essen oder schmeißt seine kinnlangen, blonden Haare ruckartig hin und her, bis sie im Essen landen. Monika ist eine typische Spätgebärende:  47 Jahre alt (hat Luis also mit 39 bekommen) total inkonsequent und gleichzeitig überfordert mit der Erziehung ihres hyperaktiven Kindes. Sie hat tiefe Augenringe, ständig verschmierte Wimperntusche, einen müde-depressiven Basset-Blick und traurig hängende Mundwinkel. Wenn man jeden Tag auf´s neue die Machtkämpfe beobachtet, auf die sie sich mit ihrem gerissenen Sohn einlässt und sie immer wieder verliert, mag man sich gar nicht vorstellen, wie das Kräfteverhältnis zwischen Mutter und Sohn in drei oder vier Jahren aussehen wird. Irgendwie tut sie mir ein bisschen leid, aber wenn ich nicht so tiefenentspannt wäre, würde sie mich mit ihrer matten, total unmotivierten Ausstrahlung beim dreimal täglichen Gegenübersitzen echt runterziehen. Sicherlich gibt es auch Mütter, die mit Ende 30 ein Kind bekommen und die anstrengenden ersten Jahre trotz ihres Alters souverän meistern, aber Monika führt mir einfach tagtäglich vor Augen, dass ich dieses Risiko einfach nicht eingehen möchte und es gut ist, dass ich mit meiner Kinderplanung durch bin.
Nach dem Frühstück steht um zehn nach neun Fynns Kinderarzttermin auf dem Programm. Herr Doktor meint es mit den Kindern ganz besonders gut und ist um die Zeit, zu der wir vor seinem Behandlungsraum eintreffen, bereits 50 Minuten in Verzug. Als wir endlich dran sind, erklärt sich die Verzögerung von selbst, als er mitten in der Untersuchung von Fynn an sein Handy geht, das im Schrank in seiner Jacke klingelt (geht GAR NICHT!!!). Während der Untersuchung spricht er die meiste Zeit über Fynns Kopf hinweg in der dritten Person von ihm, was ich auf den Tod nicht ausstehen kann und logischerweise dazu führt, dass sich ein Kind überhaupt nicht einbezogen fühlt und gedanklich abschaltet. Als er Fynns Rücken untersucht, bemerkt er eine Schiefstellung. Ich erkläre ihm, dass das mit Fynns KISS-Vorgeschichte zusammenhängt, worauf er mir großkotzig zu verstehen gibt, dass das aber nicht unbedingt die Ursache für den schiefen Rücken sein muss, sondern dass meistens zwei unterschiedlich lange Beine der Grund für die Schiefstellung sind. Frei nach dem Motto: „Wenn mir eine Mutter eine Diagnose nennt, bin ich schonmal grundsätzlich dagegen.“ Er untersucht Fynn weiter: „Leicht asymetrisches Gesicht…hm, jaaa, könnte doch von KISS kommen, aber ich seh mir jetzt erstmal seine Beine an.“ Nachdem sich Fynn auf der Untersuchungsliege lang gemacht und Doktor Allwisser ihn untersucht hat, sagt er durch die Zähne zu seiner alles mitschreibenden Assistentin: „Ok, Beine sind gleichlang, Rückenfehlstellung kommt doch von KISS.“ Geht doch. Ich bin heilfroh, als wir nach zehn Minuten fertig sind. Gott sei Dank haben wir in den nächsten drei Wochen mit diesem pseudo-kompetenten Kinderarzt nichts mehr an der Mütze.
Durch die lange Wartezeit ist es ruckzuck schon wieder Zeit für´s Mittagessen. Und weil der Himmel heute einfach nicht aufreißen will, verabreden wir uns mit ein paar Müttern für nach dem Mittagessen zum schwimmen gehen im Meerwasser-Wellenbad. Dort angekommen, stürzen wir uns direkt in die Fluten und warten ungeduldig darauf, dass die Wellen kommen. Zehn Minuten später ist es soweit. Fynn steht einen halben Meter vor mir kurz vor dem roten Seil zum Schwimmerbereich und juchzt laut bei jeder Welle, die anrauscht. Wenn die Wellen zurückgehen, entsteht ein enormer Sog, von dem Fynn (seines Zeichens dünnes Hemd) einen halben Meter weiter vor gezogen wird, um dann die nächste Welle direkt über den Kopf zu kriegen und unterzutauchen. Schnell fische ich meinen nach Luft schnappenden Filius aus der salzigen Brühe, zitiere ihn zwei Meter weiter zurück und weiche ab jetzt nicht mehr von seiner Seite. Die beiden grimmig dreinblickenden Bademeister in allen Ehren – aber so schnell, wie ein Kind im Wellenbad absäuft, ohne dass man als Aussenstehender erkennen kann, ob es gerade Spaß oder Ernst ist, ist kein Bademeister im Wasser.  Als ich mich ein paar Minuten später mit Silke unterhalte, erzählt sie mir, dass ihr Sohn Moritz auch von einer Welle erwischt und von ihr hochgezogen werden musste. Unsere Kinder kennen halt nur die spiegelglatte Wasseroberfläche der stinknormalen Hallenbäder und können die Kraft der Wellen wohl überhaupt nicht abschätzen. Somit hat sich mein heutiges Fitnessprogramm auch schon automatisch ergeben. Während der halben Stunde, in der das Wasser glatt und friedlich ist, liege ich lesend auf meiner Liege, und sobald die Klingel zweimal ertönt, schieße ich hoch und begebe mich für eine Viertelstunde in die wogenden Fluten, um das Kostbarste, was ich habe, beim Wellenhüpfen im Auge zu behalten. Nach drei Stunden (das sind fünfmal fünfzehn Minuten Wellenwache) bin ich fix und foxi, Fynn würde am liebsten noch drei Stunden bleiben. Als wir gerade unsere Sachen zusammen packen, fängt es an zu schütten wie aus Eimern. Am Schwimmbadausgang angekommen, hat der Regen etwas nachgelassen, aber es hört immer noch nicht auf. Und weil wir nicht aus Zucker sind, stiefeln wir jetzt bei strömendem Regen quietschvergnügt durch die Norderneyer Innenstadt Richtung Kurklinik. In einer Kneipe machen wir einen kurzen Zwischenstopp um auf Sky live mitzukriegen, wie der HSV gegen Köln 3:2 in Führung geht. Den Rest des Weges setze ich (zumindest vorläufig) hämisch grinsend, mein Sohn missmutig vor sich hinmurmelnd zurück.
J Auf dem Zimmer angekommen, entledigen wir uns erstmal unserer nassen Klamotten und kuscheln uns in was bequemes, warmes. Während ich die letzten Postkarten schreibe, erklärt Fynn sich bereit, die Briefmarken anzulecken und aufzukleben. Nach der siebten Marke ist ihm schlecht, und er beschließt, einen Verbesserungsvorschlag an die Deutsche Post zu schicken: er fordert Briefmarken mit Kirschgeschmack! Über weitere Weltverbesserungen bleibt ihm jetzt keine Zeit mehr nachzudenken, es ist Zeit für´s Abendessen. Um sieben Uhr wieder auf unserem Zimmer angekommen, merke ich, dass wir beide hundemüde sind. Die drei Stunden im Meeres-Schwimmbad haben ihr übriges dazu getan. Eine Gute-Nacht-Geschichte für Fynn, eine für mich! Bis morgen!

28.8.11 20:12


Reif für die Insel - Tag 4

Freitag, 26.08.2011: Heute stehen vier Termine auf meinem Programm. Los geht´s direkt nach dem Frühstück mit Gymnasik im Sportraum. Als uns um viertel vor neun eine blonde, korpulente Frau Anfang 50 den Raum aufschließt, frage ich mich, welche Kurse sie wohl gibt. Ich tippe auf Handarbeiten. Als sie mit uns zusammen den Raum betritt, die Musik anschaltet und freundlich lächelnd vor uns stehen bleibt, wird mir klar, dass es sich wohl um unsere Gymnastiklehrerin handeln muss. Und die entpuppt sich innerhalb von wenigen Minuten mit ihrem gnadenlosen Kommando-Ton zum absoluten Feldwebel. Die erste Viertelstunde irritiert mich ihre üppige Achselbehaarung beim Vormachen der Übungen noch ein wenig – als ich dann aber kaum noch Luft kriege und mir der Schweiß nur so runter läuft, denke ich Gott sei Dank nicht weiter drüber nach. Im Anschluss steht autogenes Training auf dem Programm. Die Kursleiterin erklärt uns, dass es beim ersten mal noch schwierig sein wird, sich in einen tiefen Entspannungszustand zu versetzen, dass uns das aber von Mal zu Mal leichter fallen wird. Wir liegen auf unseren Matten, die Sonne scheint durch die großen Dachfenster, die Musik beginnt…und just in dem Moment fängt ein Rasenmäher auf dem Nebengrundstück an zu rattern. Keine zehn Minuten später bin ich nichtsdestotrotz so tiefenentspannt, dass ich weder die Hintergrundgeräusche, noch die genauen Anweisungen der Kursleiterin mitkriege, weil ihre Stimme einfach nur noch ganz leise durch mein Ohr perlt. Nach einer Stunde fühle ich mich herrlich frisch und ausgeruht. Nach dem Mittagessen steht Wärmetherapie mit Norderneyer-Schlick auf dem Programm. Anschließend werde ich von Physiotherapeutin Anke zwanzig Minuten massiert. Während es den ganzen Tag total sonnig war, bricht in diesen vierzig Minuten, in denen ich mich verwöhnen lasse, ein Gewitter los und zeigt mal wieder auf´s Neue, wie schnell das Wetter auf dieser Insel von einem Extrem ins andere kippen kann. Als ich Fynn total relaxt aus der Betreuung abhole, hat der Regen aufgehört, und die Sonne lunkert wieder hinter den Wolken hervor. Ideales Wetter für einen Ausflug ins Städtchen. Wir stöbern ausgiebig in den kleinen Lädchen, kaufen Postkarten für unsere Lieben und ein kleines Flaschenschiff für Fynn. Anschließend schlendern wir durch den traumhaft schönen Kurpark, spielen eine Runde Riesen-Schach im Grünen und entdecken vor dem Kurhaus eine Art Wohnwagen, auf dem groß „Facebox“ draufsteht. Auf einem Schild wird erklärt, dass man in diesem Wagen eine Videogrußbotschaft aufnehmen kann, die dann hinterher auf der Norderney-Facebook-Seite veröffentlicht wird. Das lassen Fynn und ich uns nicht zweimal sagen. Ruckizucki sitzen wir im Wohnwagen und nehmen ein paar Grüße auf. Jetzt müssen wir nur noch in den nächsten Tagen mal bei Facebook reingucken, ob das Video als wirklich sehenswert befunden wurde und überhaupt erscheint. Auf dem Rückweg zur Klinik machen wir noch einen Abstecher zum Supermarkt und decken uns mit Pommbären, Wasser, Müsliriegeln, Schokokeksen und einer Flasche Wein (aber pssssst!!! nicht weitersagen, in der Kurklinik herrscht absolutes Alkoholverbot *pfeif*) ein. Nach dem Abendessen hauen wir uns auf mein Bett, gucken uns einen Film auf meinem Laptop an und beenden das kurze Leben der Pommbären. Anschließend schreibe ich bei einem Gläschen Wein die ersten Postkarten bis es Zeit wird, ins Bett zu gehen! Gute Nacht!

27.8.11 21:11


Reif für die Insel - Tag 3

Donnerstag, 25.08.2011: Heute klappt´s mit dem Aufstehen besser als gestern. So langsam gewöhnen Fynn und ich uns daran, dass hier quasi mitten in der Nacht der Wecker geht. Nach dem Frühstück bringe ich Fynn und seinen neuen Kescher bei den Haien vorbei und mache mich auf den Weg ins Foyer, wo sich der Treffpunkt für´s morgendliche Thai-Chi befindet. Um Punkt halb neun biegt ein kleiner Vietnamese um die Ecke, der mich an Gung aus der Lindenstraße erinnert. Mit ähnlichem Akzent und einem strahlenden Lächeln werden wir in einem hypnotisierenden Sington (klingt ´n bisschen wie die Schlange aussem Dschungelbuch) von ihm begrüsst. „Bei söne Wetha wi gehe füa thaichi zsssu Straaaaannnnnnd. Isse schlächtä Wetha mit Rägähn, wi bleibe hiiiiier, ssssonst, immer szuuu Straaaaannnnnd.“ Na, der ist ja herrlich tiefenentspannt. „Und jezz lossss szzuu Straaaaannnnd!!!“ schallt es nun im Kommandoton durch die Halle. „Aha!“ sagt Heike neben mir, „Erst eins auf zahmes vietnamesisches Kätzchen machen, und jetzt kommt der Drill-Instructor durch, oder wie?“ Ich grinse Heike an: „Tja, das nennt man dann wohl „Ying und Yang“.“ Am Strand angekommen, reißt der Himmel auf, und die Sonne kommt raus. Wir recken unsere Gesichter in die warmen Sonnenstrahlen und beginnen bei einem traumhaften Blick auf´s Meer mit den ersten Übungen. Das tiefe Ein- und Ausatmen begleitet von fließenden Bewegungen ist herrlich entspannend…..Mein Blick schwelgt zufrieden über´s Meer…..Plötzlich steht der kleine Mann dicht vor mir…HUCH!!! „Du bisse guuut, mahe nähste Übung mit mi.“ Das war´s dann erstmal mit der Entspannung. Rücken an Rücken und die Hände ineinander verschränkt gehe ich jetzt mit Karate Tiger in die Knie und muss langsam bis zwanzig zählen. Das wiederholen wir dann noch lustig mehrere male, bis meine Oberschenkel so zittern, dass ich jeden Moment in den Sand zu kippen drohe. Gung hat kein Erbarmen, er hält mich eisern fest. Nach der Übung grinst er mich an: „Konfuzius sage (das hat er nicht wirklich gesagt, ich hab´s mir einfach nur dazu gedacht): von nixs kohme nixs (das hat er aber wirklich gesagt).“ In der nächsten Stunde stehen wir wahlweise wie (mehr oder weniger) stolze Adler, einbeinige Kraniche (ach nee, dat sind ja dann Flamingos) und starke Tiger am Strand, während sich vor der Milchbar immer mehr Schaulustige ansammeln. Bei einer Übung sollen wir die Hüfte mit einer bestimmten Drehung samt Armbewegung kreisen lassen. „Issee wie lateinamerikaanissse Tanzs, wie eine Salssssaaa.“ Prüfend geht er die Reihen der sich verrenkenden Muttis ab, bleibt vor mir stehen und zeigt auf mich: „Hier könne jemand sssseeeehr guuut mit die Hüüfde!“ Während ich im Stillen meinem Trainer Tom für zehn Jahre Unterricht danke, sind wir auch schon am Ende der Stunde angelangt. Nun machen wir einen großen Kreis, fassen uns alle an den Handgelenken, lehnen uns zurück, atmen tief ein und atmen vorbeugenderweise tief aus. „Ahtmet alläs ausss, wasse schlächt iss un euch bedrüüückt.“ Schnaufend puste ich meinen Chef, meinen Job und das anstrengende letzte Jahr einfach in den Sand. Als Gung sich von uns verabschiedet, fühle ich mich um Zentner erleichtert. Und weil es sich soviel leichter schön joggen lässt und meine Muskeln jetzt so richtig warm sind, drehe ich meinen mp3-Player auf und laufe bei knallblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein noch eine Runde am Meer entlang. Als ich nach einer halben Stunde (man soll es ja nach so langer Pause nicht direkt übertreiben) langsam auslaufe und mir der Schweiß den Rücken runter läuft, fühle ich mich so zufrieden, dankbar und frei zugleich, dass es mir vorkommt, als hätte meine Seele all den Staub und das Grau der vergangenen Wochen abgeschüttelt, um nun mit der Sonne um die Wette zu strahlen. Wieder in der Kurklinik angekommen, gibt´s eine erfrischende Dusche und zwei Kapitel „Das Lächeln der Fortuna“ auf dem Balkon, und schon muss ich los zu meiner ärztlichen Erstuntersuchung. Heute habe ich mal wohlweislich daran gedacht, mir züchtige Unterwäsche anzuziehen, wo ich doch vor zwei Jahren im pinkfarbenen Stringtange vor dem 70jährigen Kurarzt stand und am liebsten im Boden versunken wäre.   Heute wäre es nicht nötig gewesen. Die supernette Ärztin tastet mir nur ein bisschen auf dem Rücken rum und verordnet mir ansonsten auf meinen Wunsch für die nächsten drei Wochen viiiiiel Sport, Massagen und autogenes Training. Alles so auf die Vormittag verteilt, dass man (O-Ton Frau Doktor) „immer noch genug Zeit hat, auf der Sonnenterrasse zu lesen oder gemütlich durch´s Städtchen zu bummeln.“ Ich bin komplett einverstanden. Dass ich mich für die fettreduzierte Kost habe eintragen lassen, findet die Ärztin in Ordnung, die Aufnahme ins Diät-Programm schaffe ich nicht. Mit den Worten „Dazu ist zu wenig an ihnen dran.“ entlässt sie mich grinsend aus der Untersuchung. Bis zur nächsten Veranstaltungen bleibt mir noch ein bisschen Zeit, so dass ich mich jetzt im Foyer vor den einzigen Rechner der Klinik setze und meine Mails checke. Ich habe Post von der Katzenmama aus Moers (Anmerkung der Autorin: seit mehreren Wochen auf der Suche nach zwei Kätzchen, habe ich am zweiten Kurtag im Internet eine Anzeige entdeckt, in der genau die Rasse in genau der Farbe zum Verkauf angeboten wurde, die Fynn und ich gerne haben wollen: British Kurzhaar, ein Mädchen in blau/grau und ein Junge in Creme). Die Katzenmama schreibt, dass der Kauf klar geht und wir unsere beiden Wunschkätzchen direkt abholen können, sobald wir aus der Kur zurück sind. Zusätzlich hat sie noch Fotos und ein Video von unseren zukünftigen Mitbewohnern geschickt, so dass ich kurze Zeit später vor mich hin schmelzend vor dem Computer sitze und fast meinen nächsten Termin verpasse. Das anschließende fettreduzierte Mittagessen besteht für mich wie bei allen anderen auch aus Rührei und Kartoffelpüree, dafür bekomme ich Spinat ohne Rahm und lasse den Nachtisch wieder links liegen. Langsam werde ich mir selber unheimlich. Als ich Fynn um halb drei von den Haien abhole, strahlt die Sonne immer noch um ihr Leben. Wer weiß, wie lang dieser Zustand noch andauert. Also: schnell die Strandtasche gepackt, Bikini an, Kind und Kescher mitgenommen und auf zum Strand. Als Fynn und ich gerade unsere Handtücher im Sand ausbreiten, höre ich ein lautes „Huhuuu!“. Silke aus Dachau mit ihren beiden Jungs. Ich freue mich riesig. Ok, Monika mit ADHS-Luis ist auch dabei, aber den kriege ich heute an diesem wunderschönen Tag prima ausgeblendet. Die vier Jungs stoben davon und stürzen sich ernsthaft in die Fluten. Wir Mütter sind fassungslos bis beeindruckt. Während die Kinder buddeln, schwimmen und Krebse suchen, machen wir Mütter es uns plaudernd, lesend, Musik hörend auf unseren Handtüchern bequem und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Das Meer glitzert, die Möwen kreischen, das Lachen der Kinder weht herüber – heute ist das, was man einen „perfekten Tag“ nennt. Ein paar Stunden, einen Apfel und eine Banane später fängt mein Magen wie blöd an zu knurren. „Kann mir einer von euch sagen, wie spät es ist?“ frage ich die Mädels. „Viertel nach fünf.“ – eine halbe Stunde vor Essensbeginn. Hätte ich mir auch so denken können. Auf meinen leeren Magen ist Verlass, da brauche ich mittlerweile keine Uhr mehr. Wir pfeifen die Kinder ran, entsanden die panierten, zweibeinigen Schnitzel und machen uns auf den Rückweg. Im Essens-Saal beweist mir mein Sohn eindrucksvoll, was die frische Meeresluft mit seinem Appetit so anstellt: drei Graubrote, diverse Stücke Gurke und Möhre und zwei Knäckebrote wandern in den laufenden Meter. Ich verbringe die Wartezeit (denn ich bin ja längst fertig mit meinem Vollkornbrötchen und dem Schälchen Salat) damit, mich zu fragen, wo der kleine Kerl das alles hintut, während er gleichzeitig so aussieht, als würde er nie was zu essen kriegen. Halb sieben – wir machen uns auf den Weg zu unserem Zimmer. Mit duschen, spielen und vorlesen vergeht die Zeit bis zum ins Bett gehen wie im Flug. Wir sind müde und zufrieden. Gute Nacht!

26.8.11 21:10


Reif für die Insel - Tag 2

Mittwoch, 24.08.2011: Morgens um  sieben auf Norderney - der Wecker rappelt. Meine Güte, ist das früh! Naja, wir müssen halt zeitig aufstehen, um uns zu erholen. Schließlich sind wir nicht zum Vergnügen hier! Total verknuddelt und hundemüde tapern Fynn und ich zum Frühstück. So unausgeschlafen kommt einem der Geräuschpegel im Essens-Saal (der große Teil der Kur-Kinder ist unter drei Jahre alt) noch höher vor. Gott sei Dank ist unser Tischnachbar ADHS-Luis mit seiner Mama noch nicht da. Und Gott sei Dank ist mein Sohn morgens im unausgeschlafenen Zustand genauso schweigsam wie ich. Nach meiner zweiten Tasse Kaffee beginnen wir die ersten Worte miteinander zu wechseln. Als Fynn hört, dass er heute zum ersten mal in die Kinder-Betreuung muss, zieht er ein Gesicht. In grinse in mich rein und habe ein kleines Déjà-Vue. In unserer Kur vor zwei Jahren zog er ein ähnliches Gesicht und war ab dem zweiten Tag gar nicht mehr aus seiner Gruppe wegzukriegen. Eine Viertelstunde später liefere ich ihn in der Hai-Gruppe ab. Mit verlegenem Gesichtsausdruck setzt er sich mit den 9- bis 12jährigen in einen Stuhlkreis und winkt mir zum Abschied zu. Als ich gerade auf meinem Zimmer angekommen bin, klopft es an der Tür. Ein großer, breitschultriger, braungebrannter, blonder Mann steht lächelnd vor meinem Appartement. Während ich mich noch frage, ob man mir den ersten Teil meines Entspannungsprogramms soeben auf´s Zimmer geschickt hat, stellt sich das Leckerchen als der Hausmeister vor und informiert mich darüber, dass ein Paket in meinem Schrank stehen müsste, das versehentlich falsch zugestellt wurde und er nun mitnehmen will. Wehmütig winke ich dem….Paket hinterher und verbringe die nächsten zwei Stunden mit ausgiebigem chillen. Um halb elf steht die erste Infoveranstaltung für Mütter und Kinder auf dem Programm: Die Klimatherapie. Physiotherapeutin Anke klärt uns über die Tücken des Norderneyer Reizklimas auf und empfiehlt besonders den Müttern mit kleinen Kindern, sich in der ersten Woche am von Juist geschützten Weststrand aufzuhalten, da der Wind am Nordstrand ungebremst auf die Insel knallt. Wir lernen: Weststrand = guter Strand, Nordstrand = böser Strand. Der Vortrag endet mit einem Spaziergang zum guten Strand. Kurz bevor wir losgehen sagt Fynn: „Mama, die Haie wollen auch gleich zum Strand. Kann ich lieber mit denen mitgehen?“ Ok, es hat gerade mal zwei Stunden gedauert, bis er sich in seiner Gruppe pudelwohl fühlt – neuer Rekord. Der junge Mann stobt davon. Also mache ich mich kinderlos mit dem Rest der Truppe auf den Weg zum Strand. Nach zwei Minuten stehen wir schon am Wasser. Anke erklärt uns, dass wir uns ab Montag täglich um 16.30 Uhr zur Klimatherapie am Strand treffen. Soll heißen: jeden Tag wird für zehn Minuten ein Kleidungsstück mehr abgelegt (Hallooo, das hört sich ja an wie beim Strip-Poker!!!), bis wir dann am Ende der Woche nur noch den Bikini anhaben und dann ins Wasser gehen. KREISCH!!! „Hat noch jemand Fragen?“ Anke strahlt uns an. Fassungslose Stille. „Prima, dann sehen wir uns am Montag!“ Neben mir steht eine sympathisch aussehende Dunkelhaarige. „Ich bin Heike, wollen wir noch zusammen ein Stück spazieren gehen?“ Während wir in der nächsten Stunde am Strand entlanglaufen, erfahre ich unter anderem, dass Heike aus Heidelberg kommt (putziger Akzent!) und dass sie eine 14jährige pubertierende Tochter hat, die weder Bock auf die Kur, noch auf sonst irgendwas hat. Wir inspizieren den Hochseilgarten, dem Fynn und ich in den nächsten drei Wochen garantiert einen Besuch abstatten werden und entdecken einen großen Spielplatz mit Trampolinen direkt am Strand. Mein knurrender Magen und die Uhr verraten, dass es Zeit für´s Mittagessen wird. Mit einem mulmigen Gefühl betrete ich den Essens-Saal. Todesmutig habe ich nämlich am Tag vorher auf der Essenswunschliste angekreuzt, dass ich drei Wochen lang mittags fettreduziert essen möchte. Vor meinem inneren Auge sehe ich schon eine einsame Brokkoliknospe und drei Kartöffelchen auf meinem Teller liegen. Heute komme ich nochmal mit einem blauen Auge davon. Am Buffet bekomme ich Brokkoli und Geschnetzeltes wie alle anderen, nur mit Vollkorn- anstatt mit normalen Nudeln. Eine Portion und zwei Schälchen Salat müssen reichen. Tapfer ignoriere ich den Wackelpudding und sehe mich vor meinem inneren Auge schon um 17.30 Uhr an der Tür des Speisesaals kratzen (Abendessenbeginn:  17.45 Uhr).  Während ich mich über mein Essen hermache, höre ich ein bisschen den um mich rum stattfindenden Tischgesprächen zu und stelle mal wieder fest, dass es Menschen gibt, die wirklich ALLES kommentieren müssen (wehe, einer der Facebooker grinst jetzt – schließlich kommt es immer auf den Gehalt der Kommentare an!).  „Ja, ich hab auch drei Brokkoliröschen, du nur zwei? Hm, der Wackelpudding ist orange, was mag das für eine Sorte sein? Heute morgen waren hier aber andere Tischdecken drauf…..“ Bei soviel verbaler Inhaltslosigkeit kann man als passiver Zuhörer herrlich entspannen. Am Tisch hinter mir legen jetzt die Mecker-Muttis los. “Also in meiner letzten Kur war ich ja auf Borkum, da lag das alles irgendwie viel näher zusammen. Hier ist da ja alles so weitläufig.“ Nee, is klar, wenn man langsam läuft, braucht man drei Minuten bis zum Strand und vier ins Zentrum. „Deswegen wäre ich ja viiiel lieber nach Borkum gefahren, anstatt hier hin. Und in meiner vorvorletzen Kur war das Wetter auch viel besser. Und das Essen sowieso.“ Hört, hört! Und ich dachte schon, dass ich mit meiner zweiten Mutter-Kind-Kur schon zu den Routinierten gehöre, aber hier scheint es sich um regelrechte Kur-Touris zu handeln. Ich bin regelrecht traurig, als ich meinen Teller leer habe und mich jetzt langsam ausser Hörweite meiner Tischnachbarinnen bewegen muss. Während ich mein benutztes Geschirr und Besteck auf den Geschirrwagen räume, schüttel ich missbilligend den Kopf. Wieso sind die Leute nicht in der Lage, die Teller auf die TELLER, die Salatschälchen auf die SALATSCHÄLCHEN und das Besteck in den Kasten zu tun, auf dem gross BESTECK steht??? Und die Essensreste und Servietten bleiben auch nicht auf dem Teller, sondern kommen in den Eimer mit den Resten. Da macht sich bei mir mal wieder die jahrelange Erfahrung als Gruppenleiterin im Ferienlager bemerkbar. Um halb zwei wartet der nächste Programmpunkt: die Vorstell- und Informationsrunde. Jetzt gibt´s mal alle 40 Mütter versammelt auf einen Schlag zu sehen und zu hören. Nachdem sich das sehr nette Team der Kurleitung vorgestellt hat, steht nun ein Kennenlernspiel auf dem Programm. Ich halte Ausschau nach einem Wollknäuel, das wir hin- und her werfen müssen, kann aber keins entdecken. Von wegen! Jetzt müssen wir uns auch noch bewegen. „Wir stellen uns jetzt mal die Deutschlandkarte vor…“ beginnt die Klinikleiterin. Mist, hätte ich Erdkunde früher doch mal nicht so oft blau gemacht! „…und jetzt stellt sich jeder mal ungefähr auf die Stelle der imaginären Deutschlandkarte, wo er herkommt.“ Ok, das kriege ich hin. Als alle ihren Platz gefunden haben, stehe ich total einsam an einer Stelle des Raumes. Jede Menge Frauen aus dem südlichen Teil Deutschlands (Freiburg, Heidelberg, Allgäu) und fast der komplette Rest aus der nördlichen Ecke (Münster, Hannover, Bremen). Dasselbe spielen wir jetzt nochmal mit „wer hat wie viele Kinder“ (es ist tatsächlich eine Frau dabei, die mir ihren vier Kindern da ist), „welches Kind ist wie alt“ (hier „gewinnt“ eine Frau, deren ältester Sohn 32 ist – der ist natürlich nicht mit in der Kur – der jüngste ist 11), „wer ist gerne kreativ“ und „wer mag Sport“. Als die Frage nach „wer ist berufstätig“ aufkommt, stehen sage und schreibe 38 Frauen (ganz viele mit Kleinkindern) auf der „arbeitenden“ Seite, während die anderen beiden verlegen zu uns rüber sehen (verkehrte Welt!). Als wir uns abschließend in die Gruppen „verheiratet“ und „nicht verheiratet“ aufteilen und ich vorschlage, die Verheirateten doch noch in „glücklich“ und „unglücklich“ verheiratet aufzuteilen, liegt der Saal vor Lachen auf dem Boden.  Nun dürfen wir uns zu zweit in eine Ecke des Raumes gesellen, um uns gegenseitig  zu interviewen und den Partner anschließend in großer Runde den anderen vorzustellen. Es ist faszinierend, was für ein bunt gemischter Haufen wir sind. Da ist von Mitte 20 bis Ende 40, von einem bis zu vier Kindern, von klapprigen 45 Kilo bis propperen 120, von grau bis schillernd, von Fließbandarbeiterin in einer Fabrik bis Uni-Dozentin alles dabei. Und alle wollen nur das eine: mehr Zeit für sich, mehr Zeit, Ruhe und Muße für die Kinder, mehr Entspannung und innere Ausgeglichenheit. Als abschließend darum gebeten wird, sich auf einer Skala von 1 bis 10 so im Raum zu verteilen, wie gestresst man sich fühlt, stehen wir mit 95% aller Frauen auf der „sehr gestresst“-Seite. Das Kur-Team entlässt uns für heute mit dem Wunsch, dass sich diese Gruppe beim nächsten Treffen in eineinhalb Wochen weiter auf die „entspannt“-Seite verschiebt.
Jetzt wird es Zeit, Fynn bei den Haien abzuholen. Mein Sohn sitzt zufrieden in der Bau-Ecke und möchte nun gerne an den Strand. Vorher bummeln wir noch ein wenig durch die süßen Einkaufsstraßen und kaufen dem jungen Mann einen Kescher. Während der sich am Strand direkt auf Krebsfang begibt, braucht Mama noch dringend einen Kaffee. Und wo sollte man seinen ersten Kaffee auf Norderney trinken, wenn nicht in der aus Funk und Fernsehen bekannten „Milchbar“. Nachdem ich brav eine Viertelstunde in der langen Schlange für einen Kaffee angestanden habe, den ich woanders auch schneller und billiger hätte haben können, setze ich mich an einen der blendend weißen Holztische auf der Sonnenterrasse und beobachte von chilliger Hintergrundmusik begleitet das Geschehen um mich rum. Der Himmel hat sich jetzt wieder zugezogen, und der Wind ist richtig kalt – aber neben mir am Tisch sitzen zwei Pärchen, die Prosecco schlürfen, der in einem mit Eiswürfeln gefüllten Glaskühler auf Betriebstemperatur gehalten wird. Frei nach dem Motto: „Es ist zwar eigentlich nicht das richtige Wetter dafür, und ein heißer Kaffee wäre uns jetzt auch lieber, aber scheißegal, wir können es uns halt leisten, und deswegen müssen wir´s jetzt trinken.“ Verstohlen sehe ich mich jetzt weiter um und stelle fest, dass ich mit meiner popeligen Espritjacke wohl Glück gehabt haben muss, überhaupt in den Laden rein gelassen zu werden, denn ich bin umgeben von Jack Wolfskin-Pärchen und Ed-Hardy-Trägern. Nach einer Tasse Kaffee hab ich genug von den Reichen und Schönen und gehe lieber mit Fynn im Matsch spielen. Als wir um fünf wieder in der Kurklinik ankommen, könnte ich vor lauter Hunger jemanden anfallen. Eine Dreiviertelstunde später erlege ich ein wehrloses Vollkornbrötchen und eine große Portion Salat. Für heute bin ich ganz schön stolz auf mein diszipliniertes Essverhalten. Auf dem Zimmer angekommen besiege ich Fynn noch im Rummi  und kämpfe beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte damit, dass MIR nicht die Augen zufallen. Soviel frische Luft macht mich einfach völlig fertig. In diesem Sinne schließe ich jetzt meine Äuglein und freue mich auf morgen früh: Thai Chi (Gesundheit!) am Strand. Gute Nacht!

25.8.11 21:23


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung