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Reif für die Insel - Tag 15

Dienstag, 06.09.2011: Nachdem am späten Montagabend noch ein heftiges Gewitter runter gekommen ist, ist es heute zwar noch etwas bewölkt, aber trocken. Das ideale Wetter, um nach dem Frühstück ein bisschen shoppen zu gehen – denn bei mir steht heute, außer um 20.15 Uhr eine Stunde Aerobic, nichts weiter auf dem Tagesplan. Entspannt und ohne Zeitdruck bummel ich durch die Norderneyer Innenstadt. Bei Street One kaufe ich mir ein schönes Oberteil für die kommende Herbstzeit, bei Rossmann neues Shampoo, im Souvenirladen eine kleine Schneekugel mit dem Norderneyer Leuchtturm drin und ein paar Postkarten, im Teeladen Roibuschtee Erdbeer-Vanille und zu guter Letzt ein Mitbringsel für die kleine Louisa. Damit wäre der Vormittag erfolgreich rumgebracht, so dass ich mich direkt auf den Weg zum Mittagessen machen kann. Hier strahlt mir schon Jonas entgegen, der mich in der nächsten halben Stunde bestens unterhält. Heute hab ich zufällig mal meine Kamera beim Essen dabei und mache direkt Fotos von meinem kleinen Schwarm. Und weil Jonas so auf Schokopudding steht und ich jeden Mittag eisern auf meinen Nachtisch verzichte, schenke ich ihm heute meine Portion, was den jungen Mann sehr erfreut. Kurze Zeit später hat er den größten Teil des Schokopuddings verputzt, den Rest hat er quer in seinem Gesicht verteilt. Einfach herzallerliebst – wenn es nicht das eigene Kind ist. Nach dem Essen nimmt „Der Schwarm“ von Frank Schätzing mich wieder in seine Fänge. Ein klasse Buchtipp von Christian, der mir noch grinsend mit auf den Weg gab, dass es keinen besseren Ort als die See gäbe, um dieses Buch zu lesen. Jetzt, wo ich an der Stelle bin, an der ein Tsunami alle Küstenstädte Nordeuropas kollektiv in Schutt und Asche legt, weiß ich, was er meinte. Total verwundert gucke ich um kurz vor halb drei auf die Uhr. Ich hab beim Lesen mal wieder alles um mich rum vergessen – auch fast, Fynn aus der Betreuung abzuholen. Fynn ist in den letzten zwei Wochen richtig kreativ. Während ich in den letzten Tagen schon verschiedene Bilder und eine selbst gebaute Schatzkiste präsentiert bekommen habe, hat er heute eine „Gefühls“-Uhr gebastelt, auf der man einstellen kann, in welcher Stimmung man gerade ist. Fynns Zeiger steht auf „Ich bin glücklich!“. Ich auch! Die nächsten zwei Stunden machen wir es uns bei Regen, der an unsere Fensterscheiben prasselt, im Appartement gemütlich. Wir verbringen die Zeit mit Stadt-Land-Fluss und Galgenmännchen spielen. Da wir uns bei beiden Spielen im Erfinden lustiger Wortkreationen zu toppen versuchen, hört man aus unserem Appartement bald nur noch lautes Gackern. Uns laufen vor lauter Lachen die Tränen runter. Nach soviel Lacherei muss Fynn sich jetzt ausruhen – bei der Kinderentspannung. Währenddessen setze ich mich nochmal vor´s Internet und lasse mich ein wenig zum Thema „Katzennamen“ inspirieren. Der Junge wird wohl „Findus“ heißen, aber beim Mädchen werden Fynn und ich uns einfach nicht einig. Ich kann vorschlagen, was ich will (Tiffy, Momo, Emily&hellip, der Kerl ist einfach mit nix zufrieden. Wenn das Fell der jungen Damen wirklich so blau-grau aussieht, wie auf den Fotos, fände ich „Blue“ sehr schön. Ich glaube, damit könnte mein Sohn auch gut leben. Ansonsten stehen noch Belle, Lou, Olivia und Luna auf meiner Liste. Bis nächsten Dienstag werden Namensvorschläge gerne noch entgegen genommen. Als Fynn fertig entspannt hat, ist es Zeit für´s Abendessen. Jetzt wird erstmal mein neuer Erdbeer-Vanille-Tee gekostet und entpuppt sich als Volltreffer. Er schmeckt so gut, wie er riecht und macht ganz viel Lust auf gemütliche Herbst- und Wintertage auf der kuscheligen Couch. Kuschelig wird´s nach dem Essen für die Hai-Gruppe ganz und gar nicht. Die machen jetzt nämlich bei dem stürmischen Wetter eine einstündige Schnitzeljagd (Kann mir eigentlich mal jemand sagen, wieso es Schnitzel- und nicht Schnipseljagd heisst??? Dass ursprünglich Papierschnipsel ausgestreut wurden, um den Suchenden den Weg zu zeigen, macht ja noch irgendwie Sinn, aber wer hat denn bei einer Schnitzeljagd schon jemals ein Stück Fleisch auf dem richtigen Weg liegen sehen???). Ich vertreibe mir die Stunde mit….na? womit?....rrrrichtig, mit lesen. Mittlerweile bin ich an der Stelle im Buch angelangt, an der bakterienverseuchte Quallen und Krebse die Küsten belagern und mit ihrem giftigen Innenleben einen Menschen nach dem anderen verseuchen und töten. Gut, dass mein Kind letzte Woche noch lustig Quallen und Krebse an den Strand geschleppt hat und ich am Samstag noch im Wasser war. *schauder* Als mein Sohn schwer begeistert von der Schnitzeljagd zurückkommt, geben wir uns nur kurz die Klinke in die Hand, denn ich hab jetzt eine Stunde Aerobic vor mir. Nachdem der Kurs zuende ist und ich fertig geschwitzt habe, bin ich richtig stolz auf mich. Man kann auch schon eine leichte körperliche Veränderung bemerken: meine Speckrollen sind schon viiiiel fester geworden. Oben angekommen rufen wir noch Stephan an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, dann sind wir beide zufrieden und müde und plumpsen in unsere Betten. Gute Nacht!

7.9.11 22:48


Reif für die Insel - Tag 14

Montag, 05.09.2011: Als ich morgens um halb acht die Vorhänge zurückziehe, ist es fast noch dunkel, der Himmel ist grau, und es nieselt leicht – der Herbst steht vor der Tür. Ein wenig herbstlich ist meine Stimmung heute auch. Ich fühle mich müde und irgendwie unmotiviert. Fynns Laune beim Wecken ist ähnlich. Ich mache mir darüber aber keine weiteren Gedanken. Wer wie ich jahrelang als Gruppenkind bzw. Gruppenleiter mit ins Ferienlager gefahren ist, weiß, dass es kurz nach der Hälfte der Zeit etwas gibt, das man „Lagerkoller“ nennt. Dieses Gefühl vereint Langeweile, Heimweh und Gereiztheit miteinander, zeigt sich beim einen stärker, beim anderen schwächer und ist in der Regel nach zwei Tagen wieder verschwunden. An unserem Frühstückstisch herrscht wie immer gute Stimmung. Für meinen Geschmack heute ein wenig zu gut, weil meine Tischnachbarinnen mir gerne viele Dinge erzählen möchten und ich lieber nur in meinen Kaffee schweigen würde. Nach dem Frühstück steht Thai-Chi auf dem Programm. Selbst das kann mich heute irgendwie nicht so richtig aufheitern. Es ist ziemlich windig, aber trocken, so dass wir mit Gung (der in Wirklichkeit Herr Le heißt) zum Strand laufen.  Dort angekommen reißt, wie jedes Mal, der Himmel auf, und die Sonne kommt raus. So absolvieren wir unsere Übungen heute also bei strahlendem Sonnenschein und kräftigem Wind.  Das Stehen auf einem Bein erweist sich bei der Windstärke als etwas schwierig, alles andere klappt wie gewohnt. Es ist immer wieder faszinierend, wie schnell sich durch die fließenden Bewegungen und das ruhige, tiefe Atmen eine totale Ruhe in mir ausbreitet. Gleichzeitig scheinen sich alle noch schlafenden Lebensgeister in mir die Augen zu reiben und so langsam lebendig zu werden. Vielleicht sollte ich mir angewöhnen, ab übernächster Woche Thai-Chi im Büro zu machen, wenn mal wieder alles auf einmal zusammen kommt. Als ich am Ende der Stunde laut überlege, ob ich vielleicht einige Schuhe oder Klamotten hier lasse, um Herrn Le (der mir gerade mal bis zum Kinn geht) in den Koffer zu kriegen, sagt dieser mir grinsend, dass ich das einfacher haben und eine seiner DVD´s mitnehmen kann. Sehr praktisch. Auf dem Rückweg zum Kurhaus erzählt Heike mir, dass sie beim Frühstück mitgekriegt hätte, dass ein großer Teil der Mütter so langsam die Nase voll von der Kur hätte. Verwirrt sehe ich Heike an: „Wieso? Was stimmt denn hier nicht???“ „Die meinten halt, dass zwei Wochen auch reichen würden, und das Wetter wäre ja immer so wechselhaft, und die ganzen anderen Mütter und Kinder, das wäre immer so laut und überhaupt.“ Ich sag nur: „Lagerkoller.“ Gleichzeitig verstehe ich einfach nicht, wie man das, was man hier fast für umsonst geboten kriegt, nicht in vollen Zügen genießen kann. Der Tag, an dem wir alle wieder arbeitend und gleichzeitig unsere Kinder er-/großziehend in unserem Hamsterrädchen strampeln, kommt noch früh genug. Als Herr Le uns im Foyer angekommen verabschiedet, zeigt sich, was das Problem vieler Frauen ist. Für die meisten stand heute nur dieser eine Kurs auf dem Programm. Viele stehen unschlüssig herum, sehen sich ratlos an und fragen: „Ja, und was machen wir jetzt?“ Die Kinder sind in der Betreuung, es gibt keine Hausarbeit zu machen, das Essen wird gekocht und steht gleich wieder fertig auf dem Tisch – ein Alptraum für jemanden, der es nicht gewohnt ist, auf sich selbst zurück geworfen zu sein. Und genau dafür ist die dritte Woche der Kur gedacht – eben weil man die ersten zwei Wochen braucht, um erstmal von seinem gewohnten Rüsel-Level runter zu kommen. In der letzten Woche gibt es dann nur noch einen selbst und das eigene Innerste, das bei der überall herrschenden Ruhe so schön laut werden kann und gerne gehört werden möchte. Hier gibt es kein Weglaufen und sich ablenken von den Dingen, die auf der Seele lasten, denn bei den sehr begrenzten Möglichkeiten, eine alles überdeckende Zerstreuung zu finden, wird man immer wieder mit sich selbst konfrontiert. Wie sagt Tina Lund in „Der Schwarm“ von Frank Schätzing zu Sigur Johanson an seinem einsamen Holzhaus am See?  „Du musst ziemlich gut mit dir selber klar kommen, schätze ich. Wenn du hier niemanden findest, außer dich selber, muss dir deine Gesellschaft angenehm sein.“ Besser kann man´s wohl nicht auf den Punkt bringen. Und das können die allerwenigsten. Auch ich musste das in den letzten drei Jahren lernen und kann mir heute oft nichts Schöneres vorstellen, als einfach mit mir und meinen Gedanken ganz allein zu sein. Denn es gibt keine bessere Methode, um mal in Ruhe in sich rein zu horchen, was das Bauchgefühl gerade so sagt. Ich schnappe mir jetzt mein Buch und verziehe mich auf die Terrasse, um ein bisschen Sonne zu tanken – auf der Wetteranzeige stehen nämlich heute noch sechs Sonnenstunden, morgen und übermorgen klägliche null bis zwei. Kurze Zeit später stoßen Monika und die Kurleiterin dazu, um eine zu rauchen. Während die beiden paffend nebeneinander stehen, sagt die Kurleiterin zu Monika: „Also sie haben ja schon ordentlich Farbe gekriegt.“ „Ja“, antwortet Monika voller Inbrunst, „ich tanke hier ja auch jede Menge. Das tut einfach gut.“ Über mein Buch gebeugt grinse ich innerlich in mir rein und frage mich, ob Monika wirklich über die Norderneyer Sonne redet. Mein Buch ist so spannend, dass ich gar nicht merke, wie die Zeit vergeht. Ruckzuck ist es schon wieder Zeit für´s Mittagessen, während dem mein kleiner Freund Jonas mich mal wieder nach allen Regeln der Kunst bezirzt. Nach dem Mittagessen noch ein paar Kapitel gelesen, und schon ist es Zeit, Fynn aus der Betreuung zu holen und ihn zu seinem allwöchentlichen Beckenbodentraining zu bringen. Der junge Mann hat heute mehr Termine als ich. Als sein Terminplan für den heutigen Tag abgearbeitet ist, laufen wir nochmal ins Städtchen, stöbern ein bisschen im Spielzeugladen, surfen ´ne Runde im Internet und genehmigen uns auf dem Rückweg eine Kugel Eis (Norderney hat schließlich jede Menge Eisdielen, da müssen wir im Laufe von drei Wochen eben rausfinden, welche die beste ist). Trotz Eis verschlingt Fynn (bei dessen drahtiger Statur ich ständig gefragt werde, ob ich ihm überhaupt was zu essen gebe) beim anschließenden Abendessen soviel wie eine siebenköpfige Raupe. Nach dem Abendessen kuscheln wir uns gemütlich in mein Bett und lassen den Tag mit einem lustigen Film ausklingen. Gute Nacht!

6.9.11 21:43


Reif für die Insel - Tag 13

Sonntag, 04.09.2011: Um halb acht werde ich von Donnergrollen und Regenprasseln geweckt. Als hätte ich es gestern geahnt. Die Stimmung beim Frühstück ist trotzdem gut. Im Laufe der Kur stellt sich heraus, dass unser Achtertisch der lustigste und lauteste ist. Monikas heimliche Neigungen und ihre Erziehungsmethoden hin oder her: sie ist in den letzten Tagen echt aufgetaut, wirkt insgesamt gelöster, ist konsequenter mit ihrem Sohn und entpuppt sich als regelrecht humorvoll. Nach dem Frühstück ist bei Fynn und mir erstmal Extrem-Chilling angesagt. Da Fynn sowohl beim Lesen, als auch beim Puzzeln alles um sich rum vergessen kann, herrscht die nächsten zwei Stunden einträgliche Ruhe auf unserem Zimmer. Um halb zwölf geht das Telefon: meine Mutter. Die Damen sind in der Nähe und wollen sich verabschieden, bevor sie sich wieder auf den Heimweg machen müssen. Nachdem wir uns von den Kurzurlaubern verabschiedet haben, statten wir Rossmann noch einen Besuch ab, um Aftersun für meine roten Oberschenkel zu kaufen. Auf dem Rückweg gibt´s noch eine Bild am Sonntag, und dann ist es auch schon Zeit für´s Mittagessen. Als würden sich die Damen aus der Küche für die gestrige Suppe entschuldigen wollen, gibt es heute Braten, Kartoffeln, Rotkohl und zum Nachtisch ein Eis. Als ich die drei Stockwerke bis zu meinem Zimmer bewältigt habe, falle ich zusammen mit der Bild am Sonntag auf mein Bett und bewege mich die nächste Stunde nicht mehr. Fynn hört drei Fragezeichen und begibt sich auf Puzzle-Endspurt. Unser Nachmittagsprogramm machen wir vom weiteren Wetterverlauf abhängig: blauer Himmel = Strand, bewölkter Himmer = Kino. Als sich der Himmel immer mehr zuzieht, steht es fest: wir haben heute Nachmittag ein Date mit den Schlümpfen. Im Kino angekommen denke ich die ersten paar Minuten des Films „Och nöööö, man muss doch wirklich nicht aus allem einen Kinofilm machen!“, aber dann nimmt der Film Fahrt auf und entpuppt sich als echt süss gemachter, unterhaltsamer Streifen. Während der Vorstellung ist es lustig zu beobachten, dass ein Kinderfilm ja mittlerweile technisch brilliant, originell und wortwitzig sein kann, die Klassiker, die den Saal zum Brüllen bringen, sind immer noch die, die in den Neunzigern auch schon gingen. Ob es damals in „Kevin allein zu Haus“ die Einbrecher waren, die auf den Matchbox-Autos ausrutschten oder ob Gargamel auf der Jagd nach den Schlümpfen mit Vollspeed vor einen Ast rennt und zu Boden geht – die Kinder kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen. Und ob man´s dann in dem Moment gerade selber lustig findet oder nicht, man muss einfach mitlachen. Nach dem Kino ist es schon wieder Zeit für´s Abendessen. Nach einem kleinen Schwätzchen mit Heike verabschiede ich mich für den heutigen Tag. Noch ein bisschen puzzeln, lesen, eine schönes Telefonat mit meiner Freundin, und ich habe nach diesem angenehm ruhigen Tag die nötige Bettschwere. Gute Nacht!

5.9.11 20:27


Reif für die Insel - Tag 12

Samstag, 03.09.2011: Wochenende! Wir können wieder bis ACHT Uhr ausschlafen!!! Der Frühstückstisch gegenüber bleibt leer. Monika und Luis haben verschlafen……..Fynn und ich machen nach dem Frühstück ein bisschen Ordnung in unserem Appartement, das aktuell den „Hempels-unter´m-Sofa“-Status erreicht hat. Anschließend geht´s noch zur Post und zu Rossman und danach zum Mini-Golf. Mit superschönem Blick auf´s Meer absolvieren wir die in den Dünen angelegten 18 Bahnen. Heute lässt sich mein Sohn, was die Haltung seines Schlägers und seine Schlagtechnik angeht, tatsächlich mal was von mir erklären und ist ganz erstaunt, dass es plötzlich viel besser geht. Ok, er verliert trotzdem, aber dieses mal nur knapp. Auf dem Rückweg zum Kurhaus kommt uns Heike mit einem Mann an der Hand entgegen. Da sie mir gestern noch erzählt hat, dass sie an diesem Wochenende keinen Besuch von ihrem Mann erwartet, frage ich mich, woher sie den Kerl jetzt so schnell gezaubert hat. Es stellt sich raus, dass es sich doch um ihren Mann handelt, der sich ebenfalls nicht vorher angekündigt hat, sondern sie überraschen wollte. Der arme Kerl hat von beiHeidelberg 400 Kilometer mehr gebraucht, als eigentlich üblich, indem er „Norddeich“ ohne Postleitzahl ins Navi eingegeben hat und nach „Norddeich“ in Schleswig-Holstein gelotst wurde. Es gibt in Deutschland nämlich zwei von der Sorte. Heikes Mann erzählt, dass er irgendwann in einem Kaff mit fünf Häusern, drei Schafen und einem Bauern stand und dieser ihm gesagt hat, dass er sich nichts draus machen solle, er wäre nicht der Erste, dem das passiert wäre. Zum Mittagessen gibt´s heute Tortellini und ein paar Wurststücke, die in einer dünnen Suppe schwimmen. Gut, dass ich heute morgen schon beschlossen habe, dass Fynn und ich abends Pizza essen gehen, denn mit dieser Brühe wären wir garantiert nicht über den Tag gekommen. Nach dem Essen treffen wir Helga, die heute Besuch von ihrem Mann erwartet. Ich frage sie, um wieviel Uhr ihr Göttergatte denn eintrudeln würde. Sie winkt ab und sagt: „Das kann vier Uhr werden, der hat sich verfahren. Wir haben irgendwann telefoniert und  er erzählte mir, dass er gut voran kommen würde und jetzt kurz vor Hamburg sei. Ich hab ihm dann schonend beigebracht, dass Hamburg total verkehrt ist. Er hatte wohl nur „Norddeich“ ins Navi eingegeben und war schon auf dem Weg zu dem in Schleswig-Holstein.“ Ich überlege gerade, dass man dem Bauern in Norddeich in Schleswig-Holstein doch mal vorschlagen sollte, in dem tausend-Seelen-Ort eine Kneipe für arme, gestrandete Ehemänner aufzumachen, das wäre doch garantiert eine Goldgrube. Jetzt packen wir unsere Strandtasche, denn wir sind mit Oma Geli am Strand vor der Milchbar verabredet. Die stößt ein Stündchen später dazu und bringt erstmal ein paar Flaschen kühles V+Lemon mit, das wir bei dem herrlichen Wetter am Strand schnell genießen, bevor es in der Sonne verdunstet. Die restliche Zeit verbringen wir mit sonnen, quatschen, lesen, Burgen bauen, schwimmen und Wasserball spielen. Das Wetter ist so traumhaft schön, dass die Sonne sogar am frühen Abend noch eine totale Kraft hat. Man möchte am liebsten gar nicht gehen, weil man nicht weiß, ob´s überhaupt nochmal so schön wird. Gegen sechs treiben uns aber unsere knurrenden Mägen zum Duschen ins Kurhaus. Dort angekommen merke ich, dass ich mir trotz zweimal Eincremen einen netten Sonnenbrand geholt habe. Ist nicht so tragisch, so hab ich wenigstens während der nächsten Regentage eine kleine Erinnerungen an diesen superschönen Sonnentag. Anschließend laufen wir in die Stadt und essen gemütlich eine Pizza. Während wir noch auf das Essen warten, läuft ein Bekannter meiner Mutter mit seinem Kegelclub vorbei und fällt mir freudig um den Hals, als er mich entdeckt. Norderney ist wirklich ein Dorf. Incocnito auf der Insel? Keine Chance! Nach der Pizza gibt es noch einen Ballen Eis zum Nachtisch, den wir am Brunnen sitzend verputzen. Anschliessend noch ein bisschen Surfen im Internet im Conversationshaus, dann sind wir beide platt und zufrieden und machen uns auf den Weg zum Kurhaus. Noch ein Kapitel drei Fragezeichen, dann kommt das Sand(hier passt es wenigstens wirklich)männchen. Gute Nacht!

4.9.11 21:36


Reif für die Insel - Tag 11

Freitag, 02.09.2011: Als wir heute beim Frühstück sitzen, bleibt der Platz von Monika und Luis auf der gegenüber liegenden Tischseite verdächtig lange leer. Claudia vom Tisch schräg gegenüber fragt: „Ob die wieder mal verschlafen haben? Ich geh lieber mal klopfen.“ Fünf Minuten später ist sie wieder unten. „Luis ist schon wach. Er stand in der Tür und meinte, er hätte die Mama schon fünfmal versucht aufzuwecken, sie würde einfach nicht aus dem Bett kommen.“………………………………………….. Mein heutiges Vormittagsprogramm besteht aus einer schweißtreibenden Stunde Aerobic mit fiesem Bauchmuskeltraining und einem sehr netten Gespräch mit der Kurhaus-Psychologin Frau Nord, die mir meine innere Aufgeräumtheit bestätigt und mich mit der Bitte entlässt, die immens positive Ausstrahlung, die von mir ausgeht, beizubehalten und bestmöglich auf die anderen Damen zu übertragen. Meine nächste Mission heißt aber erstmal: der nervenaufreibende Kampf um eine freie Waschmaschine. Normalerweise könnte es so einfach sein: man geht in die Küche seiner Etage, trägt sich für eine bestimmt Uhrzeit in die „ich-möchte-waschen“-Liste ein und wäscht um diese Zeit. Feddich. Möchte man anschließend waschen, addiert man zu der Startzeit der Waschvorgängerin 1,5 Stunden dazu (denn solang läuft das Waschprogramm) und trägt sich im Anschluss ein. Als ich, wie in der Liste von mir angekündigt, pünktlich um halb zwölf vor der Waschmaschine stehe, hat sich NACH meinem Eintrag jemand für 11 Uhr eingetragen. Die Maschine rödelt jetzt natürlich noch lustig eine Stunde vor sich hin, bevor ich meine Wäsche waschen kann. Nach mir steht aber um 14 Uhr schon wieder jemand in der Liste, der sich zurecht fragen wird, ob ich nicht in der Lage bin, meine Wäsche pünktlich an- und wieder auszustellen. Ich gucke auf der Anzeige der Waschmaschine nach, wie lang der Waschgang noch genau läuft und stelle mir, Fuchs wie ich bin, für fünf Minuten eher meinen Handywecker, um auch ja vor Ort zu sein, wenn diese Maschine zuende läuft, um meine Wäsche direkt im Anschluss in die Trommel zu hauen, damit sich nicht wieder jemand vordrängelt. Ich lese ein Stündchen bei strahlendem Sonnenschein auf dem Balkon und springe wie von der Tarantel gestochen auf, als mein Handywecker klingelt. Ich schnappe mir meinen vollen Korb Wäsche samt Waschpulvertab und stürze den Flur entlang Richtung Küche. Gott sei Dank, die Maschine läuft noch, und es ist niemand anders zu sehen, der sie mir streitig machen will. Als die Maschine drei Minuten später durch ist, räume ich sie eigenhändig aus und packe sie mit meiner Wäsche voll. Auf die Liste schreibe ich: „Sorry, konnte meine Maschine nicht pünktlich starten, weil sich NACH mir jemand mit einer früheren Zeit dazwischen geschoben hat.“ Als ich am Ende des Waschgangs wiederkomme, um die Maschine zu leeren, steht auf der Liste: „Sorry, hatte nicht verstanden, dass man sich vorab eintragen muss, um die Maschine zu reservieren.“ Ja, nicht verzagen, Miri fragen! Als das Wetter um halb drei immer noch so schön ist, hole ich Fynn mit gepackter Strandtasche aus der Betreuung ab und gehe direkt mit ihm zum Strand. Dort angekommen, stürzt er sich sofort in die Fluten. Da es heute recht windig ist, bringt die Flut tolle Wellen mit, in die er sich wieder mit Riesen-Spaß reinschmeißt. Nachdem ich ein paar „Fynn-legt-sich-mit-der-großen-Welle-an“-Szenen mit der Kamera festgehalten habe, kann ich auch nicht wiederstehen und stürze mich mit in die Wogen. Fynn und ich haben Spaß wie Bolle! Platt, salzig und total eingesandet machen wir uns zur Abendbrotzeit auf den Rückweg. Nach dem Abendessen fragt uns Heike, was wir noch vorhätten und ob wir nicht mal irgendwo was trinken gehen sollten, was nicht nach Wasser oder Tee schmeckt. Nichts lieber als das. Also machen wir uns kurze Zeit später auf den Weg in die Stadt, um im Conversationshaus erstmal eine Runde im Internet zu surfen. Als wir über den Kurplatz laufen, sehe ich drei Frauen und denke: „Das ist ja lustig, die sehen aus wie meine Mutter, meine Cousine und deren Freundin.“ Als mich die drei angrinsen und rüberwinken, dämmert es mir so langsam, dass es wohl wirklich meine Mutter, meine Cousine und deren Freundin SIND! Mit großen Augen und ebenso großem Hallo begrüße ich die drei. „Was macht ihr denn hier???“ Dass die Damen einmal im Jahr ein Mädels-Wochenende auf Norderney verbringen, wusste ich. Dass dieses Wochenende genau in die Zeit unserer Kur fallen würde, wusste ich nicht – und meine Mutter hatte auch keinen Ton erwähnt. Die Überraschung ist den dreien gelungen. Zusammen mit Heike und ihrer Tochter suchen wir uns einen Tisch im Extrablatt und bestellen uns was zu trinken. Als das 0,4 l große Alster vor mir steht, fange ich bald an zu sabbern. Fast zwei Wochen ohne Alkohol (die heimlichen Becherchen Wein auf meinem Zimmer zählen wir jetzt mal nicht) – na dann mal Prost!!! Die Stadt hat sich am heutigen Abend merklich gefüllt. Es ist Anfang September, die Fussballmannschaften und Kegelclubs fallen über die Insel her. Während Heike und ich genüsslich unsere Getränke schlürfen, planen meine Mutter, meine Cousine und ihre Freundin den nächsten Tag. Die eine will zu dem Strand, die andere zu dem, der einen ist das zu weit, der nächsten zu kurz, der dritten wieder zu blöd…Heike und ich grinsen uns an: schwierig, wenn man nur zwei Tage auf der Insel ist, und alles an Programm in die kurze Zeit packen muss. Da sind wir mit unseren mittlerweile fast zwei Wochen Inselfeeling echt tiefenentspannt. Während die drei Damen munter weiter diskutieren, machen Heike und ich uns samt unserer Kinder wieder auf den Rückweg zum Kurhaus. Es ist kurz vor zehn, und um die Zeit sollten am Wochenende eigentlich alle Schäfchen wieder eingetrudelt sein. Wir verabschieden uns von den Mädels, und ich (meines Zeichens schmerzfrei) rufe über den ganzen Platz: „Fynn, komm schnell, is gleich zehn Uhr, Mama muss wieder zurück ins Heim!“ Heike bepinkelt sich noch den kompletten Rückweg vor Lachen, weil sie meint, den zahlreichen Kegelclubherren hätte durchgängig der Mund offen gestanden. Mit fast ´nem halben Liter Alster intus und dann auch noch sooo spät (für Mutter-Kind-Kur-Verhältnisse IST halb elf spät!) schlafe ich kurze Zeit später wie ein Stein. Gute Nacht!

3.9.11 21:27


Reif für die Insel - Tag 10

Donnerstag, 01.09.2011: Mein Tag startet nach einem ausgiebigen Frühstück völlig tiefenentspannt: 20 Minuten Schlick-Wärmetherapie mit anschließender Massage bei Frau Völlmer. Während ich ordentlich durchgeknetet werde, bin ich wieder auf´s neue fasziniert, wieviel Kraft in einer solch zierlichen Person wie unserer Physiotherapeutin steckt. Heute steht nach dem Mittagessen ein zweites Gruppengespräch für alle Mütter auf dem Programm. Frau Loyal begrüßt uns mit den Worten: „Ich sag´s ja nur ungern, aber sie haben schon die Mitte ihrer Kur erreicht.“ Ich bin total überrascht und stelle fest, dass die Tage bisher einfach wie im Flug vergangen sind. Das heutige Gruppengespräch soll all das Positive, was wir bisher im Laufe der Kur in uns angesammelt haben, bestärken. Hierfür verteilen Frau Loyal und Frau Harms laminierte Fotos auf dem Boden, von dem sich jede von uns gedanklich das aussuchen soll, was die positivsten Gefühle in uns weckt. Reihum soll jede von uns das Foto benennen, das sie sich ausgesucht hat. Im Laufe der Runde stellt sich raus, dass einzelne Bilder von mehreren gleichzeitig ausgesucht wurden. Mein favorisiertes Bild (ein geflochtener Korb mit gelben Beeren auf einem sonnenbeschienenen Tisch) hab nur ich mir ausgesucht – ich tauge halt nicht zum Rudeldenken. Jetzt sollen wir reihum begründen, warum wir uns für „unser“ Bild entschieden haben bzw. was wir mit ihm positives in Verbindung bringen. Jetzt legt sich der Fokus in unserer Runde auf die Dame, die sich für ein Foto mit einem durchtrainierten Surfer entschieden hat und bei der Darlegung ihrer Beweggründe leicht ins Schleudern kommt. Die Damenrunde ist erheitert. Als jetzt auch noch Monika an die Reihe kommt und uns mitteilt, dass sie sich zwar für das Foto mit dem blühenden Baum entschieden hat, das schwarz-weiß-Bild mit dem tiefausgeschnittenen Damen-Dekolletée aber auch ganz scharf findet, kriegen wir uns alle nicht mehr ein. Monikas eh schon immer gerötetes Gesicht wird noch einen Ton dunkler, und sie gibt das Wort schnell an ihre Sitznachbarin weiter. Zum Abschluss dieser Runden sollen wir nun anhand unseres Fotos und dem, was wir damit in Verbindung bringen, ein Motto für unsere Kur und die Zeit danach formulieren. Wir verfallen minutenlang in angestrengtes Nachdenken. Als wir alle soweit sind, hört man jetzt reihum Sätze wie „Ich möchte mir mehr Zeit für mich nehmen.“, „Ich möchte lernen, mich besser zu entspannen.“, „Ich möchte lernen, besser „nein“ sagen zu können.“. Als die Dame an der Reihe ist, die sich das Surfer-Foto ausgesucht hat, braucht sie nur „Ich möchte…“ zu sagen, und alle liegen schon wieder auf dem Boden vor lachen. Die Runde geht weiter. „Ich will mehr an mich glauben.“, „Ich brauche Entschleunigung.“ „Ich möchte Energie tanken.“……..“Ich hatte Massage.“ Verwirrt starren wir Sabine an, die grinsend ohne Foto vor uns sitzt. Was ist das denn für ein komisches Motto? „Ich bin gerade erst dazu gekommen, weil ich gerade Massage hatte, deswegen konnte ich mir noch kein Motto ausdenken.“ Die Runde brüllt vor Lachen. „Ich hatte Massage“ ist bisher das beste Motto des Tages. Mit der Begründung, dass es für die Wahl meines Fotos keinen rationalen Grund gab und ich im Leben immer sehr gut damit fahre, lautet mein Motto: „Ich höre auf mein Bauchgefühl.“ Am Ende der Runde bekommen wir von Frau Loyal noch eine Geschichte über eine Frau vorgelesen, die zu Beginn eines Tages immer eine Handvoll Bohnen in die rechte Hosentasche steckt, um immer dann eine Bohne von der rechten in die linke Hosentasche wandern zu lassen, wenn sie einen glücklichen Moment erlebt. Am Ende des Tages zählt die Frau immer die Bohnen in ihrer linken Hosentasche und ist auch dann dankbar, wenn nur eine einzige den Weg von der rechten in die linke Tasche gefunden hat. Am Ende der Geschichte bekommt jede von uns ein kleines Säckchen mit Bohnen geschenkt, die ich direkt in meine rechte Hosentasche packe. Als ich fünf Minuten später mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse sitze und mir mit geschlossenen Augen die Sonne (die jetzt endlich mal so richtig rauskommt) ins Gesicht scheinen lasse, wandert die erste Bohne von der rechten in die linke Hosentasche. Um halb drei hole ich Fynn mit gepackter Strandtasche aus der Betreuung ab. Wir machen einen kurzen Abstecher in die Stadt, um meinem Sohn einen Ball zu kaufen und uns ein riesiges Eis (das erste in eineinhalb Wochen!) zu essen und machen uns dann auf den Weg zum Strand. Hier gibt es ein grosses „Hallo“, weil so ziemlich alle nach den letzten bewölkten und regnerischen Tagen die Gelegenheit nutzen wollen, ein paar Sonnenstrahlen zu tanken. Von Fynn sieht man nur noch eine große Sandwolke – der ist in Sekundenschnelle samt Ball mit den anderen Kindern Richtung Wasser verschwunden. Die Sonne strahlt, was das Zeug hält, und mit Helga, Silke und Heike hab ich alle meine Lieben um mich. Achja, Monika ist auch da. Nachdem Heike drei trockene Spüche gerissen hat (eine unter 40, die meinen schräg-schwarzen Humor teilt!), liege ich auf meinem Handtuch und kriege keine Luft mehr vor Lachen. Jetzt entdecken wir hundert Meter Luftlinie entfern einen Mann, der sich heroisch in die kalten Fluten stürzt  und sich dabei von seiner mit einer goldglitzernden Hose bekleideten Freundin photografieren lässt. Als er wieder aus dem Wasser kommt, stellen wir entsetzt fest, dass die gute Figur des Typen durch die Tatsache ruiniert wird, dass seine Schultern ziemlich tief runterhängen und seine Arme dadurch affenähnlich lang wirken. Heike beginnt darüber zu philosophieren, ob die hängende Länge seiner Arme mit seinen restlichen Extremitäten korrespondiert, woraufhin ich konstatiere, dass er sich für diese Beobachtung einfach noch zu weit weg befindet und Helga hektisch anfängt, nach ihrer Brille zu kramen. Neeee, wat hamm wir einen Spaß! „Mädels, was wäre das schön, wenn wir jetzt ´ne Pulle Sekt dabei hätten!“ juchzt Monika in die Runde. Bei jeder anderen hätte ich mir bei dieser Bemerkung nichts gedacht…. Jetzt ist erstmal Schluss mit lustig. Es ist halb fünf, Anke naht zur Klimatherapie. Heute dürfen die Kinder mit einem riesigen Kunststoffball Fussball am Strand spielen und zu guter Letzt wieder zweimal den Strandabschnitt rauf und runter rennen. Als alle warm und aus der Puste sind, soll jeder soweit ins Wasser, wie er sich traut. Ich kann gar nicht so schnell gucken, wie Fynn und sein Kumpel David komplett im Wasser sind. Nach zehn Minuten ist die Klimatherapie beendet, die Kinder wollen aber noch nicht aus dem Wasser. Mit Erlaubnis der Eltern und unter deren Aufsicht darf noch weiter im Wasser getobt werden. Da mittlerweile Flut ist und die Wellen eine ordentliche Höhe erreicht haben, bleibe ich am Wasser stehen, um Fynn im Auge zu behalten. Nach ein paar Minuten stelle ich fest, dass das Wasser gar nicht so kalt ist und traue mich heldenhaft immer weiter rein. Bei „kurz unter´m Bauchnabel“ ist meine Schmerzgrenze dann erreicht. Hier bleibe ich stehen, halte meinen Filius im Auge und springe bei jeder Welle hoch, die mir vor den Bauch zu klatschen droht. Fynn ist Feuer und Flamme. Er springt juchzend bei jeder Welle hoch und schmeißt sich übermütig in die von der Sonne glitzernden Fluten. Hätte ich jetzt Hosentaschen am Bikini und meine Bohnen dabei, würde ich wieder eine in die linke Tasche rüber packen. Wir reizen den Tag bis zum letzten Sonnenstrahl aus und machen uns dann auf den Rückweg zum Kurhaus zum Abendessen. Hier bietet sich mir, die ich nunmal genau in der Sichtschneise von Mrs. Wichtig samt Brut sitze, ein außerordentliches Spektakel. Während sich Mrs. Wichtig ausgiebig und minutenlang am abendlichen Buffet bedient, ohne ihre Kinder auch nur eines Blickes zu würdigen, wetzt ihr Vierjähriger Felix als erstes zum vom Mittag übrig gebliebenen Nachtisch und schnappt sich einen Pudding, in dem er schonmal rumrührt, während er noch auf den Tisch zuläuft. Am Tisch angekommen, zieht er sich kleckernd den Pudding rein, springt wieder auf und räumt erstmal ein paar Scheiben Wurst am Aufschnittbuffet ab, die er sich auf dem Rückweg zum Tisch in dem Mund stopft. Jetzt schnappt er sich eine Porzellan-Tasse (die Kinder benutzen normalerweise Kunststoff-Becher) und wetzt auf die Kanne mit heißem Tee zu. In letzter Sekunde springt eine andere Mutter am Tisch auf, läuft ihm nach und hilft ihm beim Einschütten, bevor sich das Kind mit heißer Flüssigkeit übergießt. Währenddessen hat sich Mrs. Wichtig gemütlich an den Tisch gesetzt und schaufelt genüsslich das Abendessen in sich rein. Felix ist jetzt zurück am Tisch, klettert auf seinen Stuhl und matscht auf dem Stuhl stehend mit seinem Löffel im heißen Tee rum. Jetzt springt er wieder auf, rennt zu den Besteckkästen, holt ein Messer raus und fuchtelt wie ein kleiner, wildgewordener Kampfturtle damit in der Gegend rum. Mrs. Wichtig sieht einfach nicht in seine Richtung, dann muss sie sich auch nicht damit auseinander setzen und kann lieber mit ihrer Tischnachbarin plaudern. Nachdem der Junge die komplette Salat-Deko am Aufschnittbuffet abgeräumt hat, holt er sich jetzt ein Brötchen aus dem Korb und rennt wieder zu seinem Platz. Dort angekommen, lässt er das Brötchen Brötchen sein und rennt erstmal um alle Tische, um die anderen Kinder beim Essen zu ärgern. Als er irgendwann wieder am Tisch sitzt, ist der junge Mann von Schokopudding, zahllosen Wurstscheiben und der Salat-Deko schon so satt, dass er sein Brötchen jetzt nur noch über den Tisch kullern lässt. Die erste Reaktion, die bei diesem Abendessen von Mrs. Wichtig kommt ist, dass sie nach dem trockenen Brötchen greift, es ihm wütend auf den Teller knallt und keift: „Essen!!!“ Felix denkt nicht im Traum draran. „E-S-S-E-N!!!“ schreit sie ihn jetzt noch einen Ton lauter an. In diesem Moment stupst Fynn mich an. „Mama, wir sind doch fertig mit Abendessen, können wir jetzt gehen.“ Ich wäre lieber mit ´ner Tüte Popcorn noch ein bisschen sitzen geblieben, aber das wäre dann vielleicht doch etwas zu auffällig gewesen. Nach dem Abendessen gibt es einen Film für Fynn, weil sich Mama zum abendlichen Jazz-Dance angemeldet hat. Voller Vorfreude darauf, mich nach drei Tagen Erkältungsabstinenz mal wieder ordentlich zu bewegen, mache ich mich auf den Weg in den Keller. Hier erwartet uns freudestrahlend Frau Birnbaum zur Tanzstunde…..Frau Birnbaum???.....Na, die sieht ja nun gar nicht nach Tanzen aus. Aber der Anblick unserer Aerobic-Lehrerin hat mich letzte Woche ja auch getäuscht, also: abwarten. Frau Birnbaum legt mit dem Aufwärmtraining los…..und scheitert kläglich an der Tatsache, uns die Bewegungen spiegelverkehrt in unsere Richtung blickend (die Grundkenntnis eines jeden Tanz- und Aerobic-Lehrers) vorzumachen. Sie dreht uns also den Rücken zu…..und muss jetzt erstmal überlegen, wie der Schritt nochmal richtig ging. Als ihr die Schritte wieder eingefallen sind, beginnen wir nun mit dem warm machen, indem wir lustig mitten innerhalb einer Acht von einer Übung zur nächsten wechseln, was mich völlig aus dem Rhythmus bringt. Nachdem wir uns „warm“ gemacht haben, bittet sie uns um äußerste Konzentration, um uns nun einen schwierigen Schritt zu zeigen. „Wir gehen mit rechts vor: rechts, links, rechts, tepp, und wieder zurück, rechts, links, rechts, tepp. Das üben wir jetzt erstmal emsig, damit der schwere Schritt gleich auch sitzt. Während wir die Schrittfolge gefühlte hundertmal wiederholen, wird die Sehnsucht nach meinem allwöchentlichen heimischen Tanztraining immer größer. Jetzt macht Frau Birnbaum mit ausgestreckten Propellerarmen eine gewagte Drehung zur Seite und endet in einer winkend-schwingenden Pose, die mich ein wenig an die 70iger und Woodstock erinnert. Keiiin Problem, machen wir alles locker-flockig-leicht-beschwingt mit. Nun drehen wir zurück, springen in der Mitte angekommen wie von der Tarantel gestochen hoch, um dann in die entgegengesetzte Richtung zu wirbeln. Fröhlich setzt Frau Birnbaum alle Gesetze von Rhythmus und Schrittfolge ausser Kraft und scheint förmlich durch den Raum zu fliegen. Wie hieß denn damals noch dieses völlig bekloppte Aerobic-Pop-Video, in dem die ganzen Irren in rosafarbenen Leggins und Stirnbändern quer durch´s Bild sprangen??? Keine Ahnung, wieso ich plötzlich daran denken muss. Nach einer Dreiviertelstunde ist das Spektakel beendet. Frau Birnbaum und die anderen Muttis sind schweißgebadet, während ich jetzt gerade warm genug bin, um ´ne Stunde joggen zu gehen. „Soooo, das war´s für heute. Nächste Woche studieren wir dann die Flashmob-Choreografie vom Eurovision-Songcontest ein. Es wird natürlich nicht die Original-Choreografie, sondern eine etwas abgewandelte Variante sein.“ Vor meinem inneren verzweifelten Auge sehe ich Frau Birnbaum in der nächsten Woche schon dieses so geniale Lied mit einer Blume-Bienchen-Hasch-mich-ich-bin-der-Frühling-Schrittfolge entweihen. Ich versuche ein hysterisches Kichern zu unterdrücken und verabschiede mich von den anderen. Im meinem Bett angekommen, hab ich immer noch die tanzende Frau Birnbaum vor Augen und komme erstmal vor Lachen nicht in den Schlaf. Neee, wat is dat schööön hier! Gute Nahaacht!

2.9.11 22:45


Reif für die Insel - Tag 9

Mittwoch, 31.08.2011: Als ich meine Augen beim Weckerklingeln öffne, fühlt sich mein Hals an, als würde er jeden Moment explodieren. Jetzt ist er so richtig fett entzündet. Ich wanke ins Badezimmer, niese dreimal hintereinander und frage mich, wer die zerknittert aussehende Frau im Spiegel ist, der ich gerade die Zähne putze. Zu Fynns Schnupfen ist heute noch ein ordentlicher Husten dazu gekommen, er scheint aber nicht so angeschlagen wie ich, sondern recht fit zu sein. Zum Frühstück gibt´s erstmal ´ne große Portion Obstsalat. Looos, ihr Vitamine, scheucht die ganzen Bazillen mal aus meinem Körper! Nachdem ich Fynn in der Betreuung abgeliefert habe, statte ich nochmal der Ärztin einen Besuch ab, um mich ordnungsgemäß von der Strandgymnastik abzumelden, die ich mit meinem Achterbahn-Kreislauf heute auf keinen Fall schaffen würde. Ich bekomme noch ein paar Tabletten gegen Halsentzündung in die Hand gedrückt und werde ins Bett entlassen. Draussen sitzt die nächste Kranke. „Hast du auch ´nen dicken Hals?“ fragt sie mich grinsend. „Jo!“ Ich schleppe mich in den zweiten Stock und befinde mich Sekunden später in der Waagerechten. Um elf Uhr schaffe ich es, mich aufzuraffen und in den Bewegungsraum zu schleppen, um mich dort für´s autogene Training wie ein nasser Sack auf die Matte fallen zu lassen. Eine Dreiviertelstunde Entspannung beim Kranksein hat ja noch niemandem geschadet. Direkt im Ansc hluss mache ich mich auf den Weg zum Mittagessen, um mich dort wieder blendend von Mrs. Wichtig unterhalten zu fühlen, die mittags mit mir am selben Tisch sitzt, und deren Namen ich gar nicht kenne. Mrs. Wichtig hat uns allen am zweiten Tag in der Vorstellrunde schon erzählt, dass ihr niemand mehr etwas über die Insel erzählen müsste, da sie diese in- und auswendig kennen würde, schließliche mache sie mehrmals im Jahr Urlaub auf Norderney, hätte hier einen Wohnwagen und ein Haflingerpony stehen. Vor der Bimmelbahnfahrt nahm sie erstmal den Bahnfahrer in die Kneifzange, um ihn detailliert darüber auszufragen, ob denn die selbe Strecke wie „sonst auch immer“ gefahren werden würde – das dann in einer Lautstärke, dass auch bitteschön alle Mütter mibekamen, dass sie diese Fahrt schon zum wiederholten mal mitmacht. Während der Fahrt bemerkte sie dann ebenfalls lautstark, dass der Fahrer, der uns über Mikro über die interessanten Stellen der Insel informierte, eine Passage vergessen hätte, die er sonst IMMER sagen würde. Hinzu kommt, dass Mrs. Ich-kann-alles-und-hab-schon-alles-gemacht zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren hat, die tagtäglich durch ihr schlecht erzogenes Verhalten aus dem großen Pulk der fast hundert Kinder hervorstechen. Besonders Felix, der ältere von beiden, gehört zu der Sorte Kinder, die gerne mit den Händen mitten ins Wurstbuffet klatscht, den Salat ohne Besteck aus der großen Schüssel schaufelt oder anderen Kindern wahlweise mitten ins Gesicht oder auf den Kopf haut. Atze Schröder würde sagen: „Ein Arschlochkind.“ Heute sitzt Mrs. Wichtig also beim Mittagessen und tönt ganz laut: „Also wenn ich meinen Kindern Schokolade oder Schlangengurke zur Auswahl gebe, dann nehmen die lieber die Schlangengurke. Wir verbrauchen in der Woche soviel Gemüse, das ist der helle Waaaahnsinn.“ Tja, das scheint ein schlecht erzogenes Kind auch irgendwie nicht netter zu machen. Jetzt konzentriere ich mich lieber auf die netten Dinge an meinem Tisch. Denn jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich den Herren unter euch gestehen muss, dass mein Herz seit eineinhalb Wochen vergeben ist: an Jonas. Jonas hat strahlend blaue Augen, ein schelmisches Lächeln, blond gelockte Haare und sitzt mir beim Mittagessen gegenüber. Ok, er ist erst zwei, hat aber einen Charme, von dem sich so manch Großer eine Scheibe abschneiden könnte. Auch heute ist der junge Mann wieder voll auf Flirtkurs, zeigt mir seine beiden Piraten, erzählt mir, dass er gleich wieder Mittagschlaf machen muss und strahlt mich immer dann an, wenn er seinen Schnuller aus dem Mund zieht. Ich bin jeden Mittag auf´s neue ganz hingerissen. Die Zeit, bis ich Fynn aus der Betreuung abholen muss, verbringe ich mit ausgiebigem Chillen und nehme mir vor, heute den Rat von Frau Doktor zu berücksichtigen und ausgiebig direkt an der Wasserkante spazieren zu gehen, damit die beanspruchten Atemweg vom der salzigen Luft freigepustet werden. Um halb drei machen Fynn und ich uns also auf den Weg zum Weststrand und laufen Richtung Strandspielplatz. Zur Abwechslung lässt sich die Sonne mal wieder blicken, so dass wir einen wunderschönen Blick über das glitzernde Meer haben. Bis zum Spielplatz sammeln wir fleißig Muscheln, mit denen Fynn seine selbst gebastelte Schatzkiste verzieren möchte. Auf dem Spielplatz angekommen, lasse ich mich an einer windstillen Stelle in den Sand fallen, während mein Sohn die Spielgeräte testet. Ich fühle mich zwar immer noch wie ein Schluck Wasser in der Kurve, aber die Sonne und die klare Luft tun trotzdem gut. Irgendwann kommt Fynn angeflitzt, um sich 1,50 Euro für 6 Minuten Trampolinspringen abzuholen. Während mein Sohn lustig vor sich hinhüpft und einen Salto nach dem anderen dreht, rechne ich aus, dass es sich bei acht Trampolins mit 120 Euro in der Stunde als Trampolinbesitzer auf Norderney garantiert nicht schlecht leben lässt. Als Fynn ausgehüpft hat, gönnen wir uns noch eine Tüte Popcorn und machen uns langsam wieder auf den Rückweg. Auf halber Strecke kommen wir an einem Holzwohnwagen vorbei, der von fünf Strandkörben umstellt ist. Auf dem Wohnwagen steht „Standesamt“, und am Strand steht eine kleine Hochzeitsgesellschaft: der Bräutigam mit Smoking, die Anzughose bis zu den Knien hochgekrempelt und barfuss, die Braut mit langem weißen Kleid und Regenjacke. Ein Bild für die Götter. Auf Höhe der Milchbar angekommen, finde ich „meine Damen“ auf einer Decke am Strand. In einer Viertelstunde ist Klimatherapie bei Anke – die Wartezeit wird jetzt noch nett plaudernd überbrückt, während unsere Kinder den Strand umgraben. Klimatherapie heisst heute, dass jedes Kind ein Tuch bekommt, das es sich in den Bund seiner Hose steckt und nun versucht, den anderen Kindern das Tuch abzujagen, bzw. das eigene Tuch nicht zu verlieren. Unsere Kinder haben Spaß ohne Ende. Jetzt, wo alle richtig schön ins Schwitzen gekommen sind, sollen sie ein Teil (Hose oder Tshirt) ausziehen (mein Sohn zieht das T-shirt aus, O-Ton Fynn: „Ich renn doch hier nicht in Unterhose am Strand rum!" und zweimal den Strandabschnitt rauf und runter rennen. Die ersten Mutigen trauen sich anschließend ins Wasser. Das nimmt Fynn sich für morgen vor. Beim anschließenden Abendessen stelle ich fest, dass die Gemeinschaft zwischen den Muttis nach einer Woche Kur sehr angewachsen zu sein scheint: „Schatzi, gibst du mir mal die Butter?“ „Aber gerne doch, meine Allerliebste!“ tönt es quer über den Tisch. Jeder wie er mag, aber mir rollen sich an dieser Stelle die Fußnägel hoch. So extrovertiert ich durch meine Postings bei Facebook oder eben diesen Urlaubsblog erscheinen mag, alles was bei mir eine bestimmte Grenze zu meinem Inneren überschreitet, bleibt für den größten Teil aller tabu. Was wirklich in mir vorgeht, was mich beschäftigt, was ich empfinde, das teile ich nur mit ganz wenigen, mir nahe stehenden Menschen – und bevor ich eine Frau nach einer Woche am Abendbrottisch „Schatzi“ nenne, friert eher die Hölle zu. Es ist wie es ist: ich plaudere gerne unverbindlich mit den Müttern, die mir sympathisch sind, aber dann kommt auch wieder der Punkt, an dem ich mich zurückziehe und lieber für mich bin, weil das, was mein Inneres betrifft hier einfach niemanden was angeht. Nach einer erneuten Puzzlerunde verabschiede mich von meinem Sohn, der noch einen Film gucken darf: „Bis nachher, deine Mutter geht jetzt einen Teddy häkeln.“ Wieder über mich selber den Kopf schüttelnd, mache ich mich auf den Weg in den Gemeinschaftsraum und frage mich ein weiteres mal, was mich da geritten hat, als ich mich in die Tier-Häkel-Liste eintrug. Es muss an den süßen Knopfaugen gelegen haben, mit denen mich der Teddy von dem Foto angeblinkt hat. Im Raum angekommen lege ich der Kursleiterin die 3 Euro Materialkosten auf den Tisch. „Können sie häkeln?“ „Nee, ich glaub nicht.“ (Stand auch nicht auf dem Aushang, das Vorkenntnisse vorhanden sein müssen.) „Dann halten sie die 3 Euro lieber erstmal. Wenn´s nicht klappt, brauchen sie die nicht zu bezahlen.“ Na, das klingt doch schonmal total motivierend. Was die Kursleiterin meinte, zeigt sich dann zehn Minuten später, als wir mit dem Teddy beginnen. „Also sie schlingen erstmal den Wollfaden um den Daumen, zweimal um den Zeigefinger und ziehen ihn hier durch den Ringfinger, dann haken sie hier mit der Nadel in der Schlaufe am Zeigefinger ein und haben schon die erste Schlaufe. Jetzt machen sie zwei Luftmachen und dann in die hintere der beiden Luftmaschen sechs feste Maschen.“…………….Hääääääääääääääääh??? Luftmaschen??? Feste Maschen??? Als ich den Wollfaden so um die Finger gewickelt habe, wie uns vorgemacht wurde, hab ich schon meine erste Masche. Die ist aber irgendwie an meinem Zeigefinger und nicht an der Häkelnadel fest geknotet. Nachdem ich das zweite mal gescheitert und wieder total verheddert bin, hilft mir die Kursleiterin mit dem Anfang. Als ich dann alleine weitermachen soll, stellt sie stirnrunzelnd fest, dass sie mir als Linkshänderin gar nicht wirklich was zeigen kann, weil sie nicht weiß, wie das ganze spiegelverkehrt geht. Ich stochere noch zweimal in einer der Maschen herum, um nach den zwei Luftmaschen jetzt die sechs festen Maschen hinzukriegen, was zur Folge hat, dass mir der ganze Wollwust von der Häkelnadel springt und (wie es mir scheint) hämisch kichernd vor mir auf dem Tisch liegt. Um mich rum sitzen Muttis (ihres Zeichens Kindergärtnerin oder Handarbeitslehrerin) und häkeln, was das Zeug hält. Zwischendrin sitzen auch einige Damen, bei denen das Häkeln schon einige Zeit zurückliegt, und die man zwischendurch auch fluchen hört, weil sie bei dem ganzen Gequatsche nicht mehr wissen, in welcher Reihe sie gerade sind und wieviele Maschen sie in dieser Reihe noch häklen müssen. Ich führe mir jetzt ganz geknickt vor Augen, dass ich halt andere Sachen gut kann, und gebe auf. Die verbleibende halbe Stunde beschränke ich meine Anwesenheit darauf, mit den anderen Tränen zu lachen, weil einige Teddyköpfe doch reichlich deformiert oder vielmehr wie ein Topflappen aussehen. Monika ist auch mit von der Partie, gehört aber zu denen, die gut und sehr schnell häklen können. Zwischendurch hält sie inne und sagt: „Häh, was hab ich denn jetzt hier gehäkelt? Ich bin doch nicht betrunken!“ …………………………………………………………………..Zumindest müssen die Teddyköpfe im Kreis gehäkelt werden, was ihr ja vielleicht entgegen kommt…… „Soooo“, sagt die Kursleiterin irgendwann im Laufe des Abends, „ wenn sie die Reihen jetzt soweit fertig gehäkelt haben, können sie bei dem Teddykopf mit dem reduzieren beginnen.“ „Reduzieren“ ist mein Stichwort: „Mädels, ich reduzier mich jetzt auch mal, sonst wache ich heute nacht schweißgebadet auf und schreie: „Nein, der Teddy, die Wolle, die Häkelnadel, ich will niiiiicht!“ Die Damen liegen auf dem Boden vor Lachen und winken mir mitfühlend. Zum krönenden Abschluss kommt die Kursleiterin zu mir und sagt: „Welche Figur hätten sie denn gerne machen wollen?“ Ich: „Den Teddy, den fand ich so süss.“ Sie: „Also wenn sie mögen, kann ich ihnen gerne einen am Wochenende häkeln, dann können sie den käuflich erwerben.“ Ich: „Eeeecht? Das wäre ja voll lieb von ihnen, sehr gerne.“ Sie: „Ist überhaupt kein Problem, ich brauche für so ´nen Teddy ja nur ´ne Stunde.“ BOIIIINNNG!!! Das hab ich für mein angekratztes Selbstwertgefühl jetzt noch gebraucht! Auf dem Weg nach oben überlege ich, ob ich morgen nicht direkt einen Termin mit der Klinik-Psychologin machen und mit ihr mein Häkel-Teddy-Traum aufarbeiten soll. In der Hoffnung, dass ich nachts nicht schweißgebadet aufwache und laut „Neiiiin, Wolle, Teddy, Häkelnadel!!!“ schreie, gehe ich ins Bett. Gute Nacht! :-)

1.9.11 21:16


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