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Reif für die Insel - der letzte Tag

Dienstag, 13.09.2011: Als ich heute die Augen aufschlage, sind meine Gefühle so gemischt, wie der Eisbecher von gestern. Einserseits kribbelt die Vorfreude auf zu Hause in meinem Bauch, andererseits scheint direkt daneben ein Stein zu liegen, der ordentlich drückt. Letztendlich fühle ich mich heute wie gestern nach Dreiviertel meines Bananensplits: es war ein Genuss, aber irgendwann ist man einfach übersättig von dem tollen Geschmack. So sehr ich mich auf zu Hause freue, ahne ich auch, dass der Vormittag heute nicht einfach werden wird. Als Fynn und ich den Frühstücksraum betreten, spüre ich, dass meine Befürchtungen wohl wahr werden. Die Stimmung ist gedämpft. Claudi und Steffi rufen ein wehmütig-lächelndes „Guten Morgen“ zu unserem Tisch rüber. Wir frühstücken und schmieren uns noch ein paar Brötchen als Reiseproviant. Da wir nur zu zweit und mit dreieinhalb Stunden am kürzesten von allen unterwegs sind, ist die Wegzehrung mit vier Brötchen überschaubar. Bei den Frauen ab drei Kindern aufwärts mit bis zu zehn Stunden Rückfahrt Richtung Süddeutschland biegen sich die Tische unter den Brötchen, Trinkflaschen, Äpfeln und Bananen. Als wir fertig gefrühstückt haben, setzen wir uns noch ein paar Minuten zu Heike an den Tisch. In einer Viertelstunde reist die erste Truppe Mädels ab. Da die Fähre von Norderney nach Norddeich stündlich geht, haben wir heute noch mehrere Abschiede vor der Brust. Fynn und ich gehören mit der Fähre um 11.45 Uhr mit zu den Letzten, die heute fahren. Im Foyer herrscht heilloses Chaos. Zwischen Taschen, Koffern, Keschern und Kinderwagen wuseln Mütter und Kinder wild herum. Der Kinderwagen von Steffis kleiner Tochter Ivaine ist so vollgepackt, dass man nur noch zwei wunderschöne, kullerrunde Babyaugen rausgucken sieht, der Rest vom Kind ist unter´m Gepäck verschwunden. Claudi und ich machen noch ein paar Fotos von der allgemeinen Abreisepanik und fangen dann, uns von den Mädels zu verabschieden, bevor der Bus kommt. Ich drücke Birgit und Olga und halte mich noch tapfer. „Tschüss Miriam, es war schön mit dir, bleibt so wie du bist, mach´s gut!“ „Tschüss Conni! Mach´s gut, Annette! Passt auf euch auf, Ilka!“ Als ich Steffi fest drücke, steigen die Tränen hoch, die ich tapfer wegdrücke. Und dann mache ich den Fehler, Claudi anzugucken, bei der ebenfalls Hochwasser herrscht. Wir zeigen beide drohend aufeinander und sagen wie aus einem  Munde: „HÖR AUF!“ Vorbei! Jetzt läuft´s und ist auch nicht mehr aufzuhalten. Die andere Claudia, die ich auch schon gedrückt habe, läuft an mir vorbei und schnell weiter. Sie ruft: „Meeensch, bis jetzt war ich sooo tapfer, jetzt heul ich auch gleich!“ Ich stell mich schnell nach draussen und wische fleißig die Tränen weg, damit ich nicht noch jemanden anstecke. Vergebens. Steffi steht jetzt mit ihrer ganzen Müller-Bande im Bus und lässt die Tränen kullern. Die Bustüren schließen sich, und wir winken uns alle die Seele aus dem Leib. „Tschüss, macht´s gut! Schön war´s!“ Als der Bus um die Ecke biegt, haben wir den ersten Abschied für heute geschafft. Eine Stunde später wird mir nochmal alles abverlangt. Jetzt gehen Claudi und Heike. Beim ersten Abschied der anderen hat sich Heike gut gehalten, als ich sie jetzt in den Arm nehme, weint sie auch. „Macht´s gut, ihr Lieben! Passt auf euch auf! Wir sehen uns ganz bestimmt wieder!“ Die Truppe, die jetzt gehen muss, ist zu klein, um mit dem Bus vor´m Haus abgeholt zu werden und macht sich jetzt mit Sack und Pack auf den Weg zur Bushaltestelle eine Straße weiter. Wir winken wie blöd, bis sie alle um die Ecke gebogen und nicht mehr zu sehen sind. Jetzt wird es echt Zeit, dass wir auch langsam fahren. Mehr Abschiede verkrafte ich heute nicht. Aber einen muss ich noch: Ilka hat ihr Auto fertig gepackt und ist auch startbereit. „Tschüss Miri, es war soooo ´ne tolle Zeit und hat soviel Spaß gemacht mit dir! Mach´s gut!“ „Tschüss Ilka! Wir lesen uns!“ Wir haben jetzt noch zwei Stunden, bis unser Taxi kommt, und ich muss nach all dem ganzen Herz-Schmerz dringend an die frische Luft. Fynn und ich drehen noch eine allerletzte Runde durch´s Städtchen. Mein Sohn hätte soooo gerne noch eine Plüschrobbe, aber sein Taschengeld ist leider alle. Da ich so stolz auf mein Kind bin, weil er sein nächtliches Problem ganz alleine in den Griff gekriegt und mir in den drei Wochen auch so nur Freude gemacht hat, lasse ich die 13 Euro springen und kaufe ihm die zugegebenermaßen total süße, flauschige Robbe. Jetzt geht´s noch in den Souvenirladen an der Ecke. Dort habe ich nämlich am ersten Tag eine Tasse entdeckt, die wie für mich gemacht zu sein scheint. Auf ihr steht: „Ich bin nicht gestört, sondern verhaltensoriginell.“ Jetzt gibt´s noch einen letzten Ballen Zitroneneis im Café Florian (der Sieger in unserem persönlichen Norderneyer Eisdielenwettbewerb) für Fynn, und dann machen wir uns wieder auf den Rückweg zum Kurhaus. Das Erdgeschoss wirkt jetzt wie ausgestorben, so dass ich noch ein paar letzte Bilder vom Foyer, vom Aufenthaltsraum, von der Sonnenterrasse und vom Kinderhaus mache. So langsam wird es Zeit das Taxi zu rufen. Christiane und ich nehmen die gleiche Fähre. Jetzt drücken wir noch Marion und Erika, die nun als Letzte übrig bleiben. Und jetzt heißt es auch Abschied nehmen von meinem kleinen Freund Jonas. „Tschüss Jonas, mach´s gut. Denk beim nächsten Mittagessen mal an mich, ok?“ „Jaa!“ bekomme ich mit dem strahlenden Jonas-Lächeln geantwortet. „Und wenn du zu Hause bist, schreibst du mir mal eine Email, ja?“ Auch hier ertönt ein lautstarkes „Jaaaa!“ Jonas ist zwei und ein Lehrerkind, da wird das mit dem Schreiben doch wohl kein Problem sein. Das Taxi ist da. Obwohl wir nur noch ein kleiner Rest sind, werden auch wir, so wie die anderen zuvor, persönlich vom ganzen Betreuerteam verabschiedet. Ich bedanke mich ein weiteres mal bei Frau Nord, die Fynn so toll mit ihrer liebevollen, warmherzigen und kompetenten Art bei seinem Problem unterstützt und zu der er direkt Vertrauen gefasst hat. Ich sage im wahrsten Sinne des Wortes „Auf Wiedersehen!“, denn ich werde der Einladung zu einem langen und kinderlosen Nachkurwochenende in eineinhalb Jahren garantiert folgen und wiederkommen. Die Taxitüren schließen sich, und los geht´s Richtung Hafen. Unsere Fähre ist schon da, so dass wir nach einigen Minuten Wartezeit direkt einsteigen können. Der Wind ist immer noch stark und ziemlich kalt, aber bis zur Abfahrt der Fähre wollen Fynn und ich den letzten Ausblick auf die Insel noch genießen. Wie auf der Hinfahrt reißt jetzt plötzlich der Himmel auf und schenkt uns zum Abschied einen wunderschönen Ausblick auf die in die Sonne getauchte Insel und das glitzernde Meer. Ein tiefer Atemzug. Aufsaugen. Festhalten. Abspeichern. Als die Motoren zu wummern beginnen und sich die Fähre langsam aus dem Hafen entfernt, sagt Fynn: „Los Mama, wir müssen Norderney noch winken.“ Ich lege meinen Arm ganz fest um ihn, wir winken, was das Zeug hält und rufen laut: „Tschüss Norderney!“ Der Wind ist jetzt noch stärker geworden, aber ich kann mich einfach noch nicht losreißen. Während Fynn schon ein Deck tiefer ist, werfe ich einen letzten Blick auf das unfassbar schöne Meer und die immer kleiner werdende Insel und sage „Danke“! Danke für wunderschöne Tage am Strand, für Zeit zum Lesen und Chillen, für Aerobic und Thai-Chi, für Massagen und autogenes Training, für ausgiebige Einkaufsbummel, für intensive und innige Zeit mit meinem Kind, für lustig-belanglose und auch tiefe und berührende Gespräche, für´s Lachen und Rumalbern, für´s Abfeiern im Inselkeller, für Zeit mit mir ganz allein, für Beratung, Stärkung und Unterstützung, für die Spieleabende und Ausflüge, für´s leckre Essen, für Freundschaften, für´s Entstauben meines Bauchgefühls und für das wiedererlangte Bewusstsein, dass nur ich allein bestimme, wo meine inneren Grenzen sind und was mir gut tut. Mach´s gut, Norderney, wir werden uns wiedersehen.

14.9.11 08:35


Reif für die Insel - Tag 21

Montag, 12.09.2011: Die Insel hat sich fest vorgenommen, mir den Abschied nicht allzu schwer zu machen. Als ich um halb acht die Vorhänge unseres Appartements aufziehe, ist der Himmel grau, und es regnet in Strömen. Unten beim Frühstück angekommen (wir gehören wie immer zu den Letzten, die eintrudeln) scheucht Claudia mich direkt wieder nach oben ins Foyer: Suna und Ece und die andere Monika mit ihren drei Kindern reisen gerade ab. Als wir ins Foyer stürzen, steigen gerade alle ins Taxi. David, einer von Monikas Söhnen, winkt Fynn zu. Die beiden haben in den drei Wochen viel Zeit miteinander verbracht und sind wohl auch wegen ihres gemeinsamen Problems sehr zusammen gewachsen. Suna drückt uns alle ganz herzlich und steigt dann ins Taxi. Mit einem lauten „Tschühüüüüss!!!“ winken wir Monika und Suna wild hinterher. Als wir wieder reingehen, tränen mir die Augen. Immer dieser Wind…. Nach dem Frühstück steht für alle Übriggebliebenen das letzte mal Thai-Chi auf dem Programm. Obwohl es stürmisch ist, sind wir uns alle einig, dass wir heute nochmal an den Strand wollen. Ich freue mich darauf, nochmal eine entspannte Stunde am Wasser genießen zu können. Aber da hab ich meine Rechnung ohne Herrn Lee gemacht. Weil wir heute einen großen Teil der Stunde Partnerübungen machen und wir eine ungerade Zahl Frauen sind, wählt er mich als seinen Partner aus. Natürlich ist es schön, mit jemandem die Übungen zu machen, der sie komplett richtig beherrscht, aber in dieser Stunde ist eben auch kein Fudeln angesagt, weil uns alle beim Vormachen der Übungen zugucken und Herr Lee gnadenlos durchzieht. Während andere in einer Übung mittendrin absetzen, weil ihnen die Puste ausgeht, muss ich heute die Zähne zusammen beißen und durchhalten. Damit ist es aber für heute noch nicht getan. Jetzt werde ich noch von Herrn Lee durch die Reihen geschickt, um zu kontrollieren, ob die anderen die Übungen richtig machen und sie zu korrigieren, wenn dem nicht so ist. Vielleicht sollte ich mich jedes Jahr für die Sommermonate als seine Assistentin bewerben.  Am Ende der Stunde strahlt er mich an und sagt: „Ich muss schon sagen, sie sind superrrr in Form!“ Jetzt neigt sich die Stunde dem Ende zu, und wir sollen unsere „strrrrrammen“ Oberschenkel ausklopfen. Ilka fragt Herrn Lee, ob er das R schon immer so gut rollen kann, oder ob er das irgendwo gelernt hätte. „Meine Frrrrrreundin kommt aus Polen, das habe ich von ihr gelernt.“ klärt er uns auf. Als wir uns im obligatorischen Abschlusskreis aneinander festhalten, uns zurücklehnen und in den Himmel schauen, ist (nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes) wieder so ein „Festhalte“-Moment gekommen. Wieder im Kurhaus angekommen, hat Herr Lee noch für diejenigen eine Thai-Chi-DVD mitgebracht, die zu Hause gerne unter seiner Anleitung (wenn auch nur vom Fernseher aus) weitermachen möchten. Für 17 stolze Euro gibt es dieses unvergessliche Unikat an Mann klein und kompakt zum Mitnehmen. Die 17 Euro sind es mir aber allein schon deswegen wert, weil die Thai-Chi-Stunden mit zu der großen Sammlung meiner schönen Kurerinnerungen gehören. Zum Abschied schüttelt Herr Lee allen die Hand. Als ich an der Reihe bin, fällt er mir um den Hals und sagt: „Tschüss, machen sie es gut. Sie waren die Talentierteste der ganzen Gruppe.“ Ich drücke meine Handflächen vor meiner Brust aneinander und verbeuge mich, wie wir es von ihm gelernt haben. Heike und ich machen uns jetzt auf den Weg in die Stadt, um am Altglascontainer unseren verbotenen Müll zu entsorgen. Anschließend möchte Heike noch zu Netto, um ein bisschen Reiseproviant zu kaufen. „Zu Netto? Wo ist denn hier ein Netto?“ Ich hab bisher immer bei Edeka eingekauft. In einer Nebenstraße, durch die ich schon mehrmals gelaufen bin, liegt der Netto seit drei Wochen ohne mein Wissen und sacht nix. Mit Getränken und Süßkram bepackt machen wir uns wieder auf den Rückweg. Im Foyer wimmelt es gerade von Leuten des Betreuerteams, so dass ich meine Kamera hole, um noch ein paar Schnappschüsse zu machen. Als der leckre Hausmeister kommt, wird er auch abgelichtet: „Wir brauchen unbedingt ein Foto von ihnen, weil wir daraus einen lebensgroßen Starschnitt wie früher in der Bravo machen wollen.“ Der Weiberpulk hinter mir gröhlt, der Hausmeister grinst über´s ganze Gesicht. Alles sich-mit-anderen-Dingen-beschäftigen hilft nix, ich muss jetzt mal langsam hoch und mit dem Koffer packen beginnen. Als ich in meinem Appartement stehe, scheint mir der Berg an Sachen, die wieder mit zurück müssen, unüberwindbar. Nach einer Viertelstunde ist der erste Koffer aber schon voll, und das Chaos lichtet sich langsam. Irgendwann halte ich meine blaue Regenjacke in der Hand und frage mich, wozu ich sie eigentlich eingepackt habe. Drei Wochen lang hat sie im Schrank gehangen, ohne dass ich sie auch nur einmal rausgeholt habe. Als es Zeit für´s Mittagessen ist, sieht es doch schon recht überschaubar aus. Als ich mich gegenüber von Jonas an den Tisch setze, sage ich theatralisch: „Haaach Jonaaas, das ist heute unser letztes gemeinsames Mittagessen!“ Jonas matscht ungerührt in seiner Lasagne rum und strahlt mich an. Is klar! Gerade mal zwei Jahre alt und schon das erste Frauenherz gebrochen! Ich bleibe nach dieser Kur trauernd zurück, und der sucht sich bestimmt direkt am Mittwoch im Kindergarten eine Neue, viiiiiel jüngere. Tz! Wenn man sich jetzt im Essens-Saal umguckt, hat man ein eigenartiges Bild vor Augen. Die Stellen, an denen die sassen, die bereits abgereist sind, sind verwaist, und dazwischen sitzt immer mal wieder jemand einsam und verlassen vor seinem Mittagessen. Steffi sitzt zum Beispiel alleine an einem Achtertisch, Claudia an dem anderen. Das ändern wir schnell, indem wir uns alle zusammenrotten und das letzte Mal gemütlich zusammen essen und anschließend noch eine Runde plaudern. Cécil bekommt gerade Bescheid, dass ihre Krankenkasse eine Woche Verlängerung genehmigt hat. So bleiben zusammen mit Kerstin zwei Mütter von uns noch sieben Tage länger und halten die Stellung. Ich freue mich für beide, weil sie sich die Verlängerung wirklich gewünscht haben, könnte mir persönlich aber nicht vorstellen, noch länger zu bleiben. Es war eine superschöne, unvergessliche Zeit, aber jetzt ist einfach der Punkt gekommen, wo ich satt bin an Erholung, Ruhe und soviel Gemeinsamkeit und einfach nach Hause möchte. „Ob es hier in jeder Kur so harmonisch und lustig zugeht, wie bei uns?“ fragt Steffi sich laut. Ilka weiß anderes zu berichten. Bei ihrem letzten Massagetermin hat die Physiotherapeutin berichtet, dass wir und die Gruppe vor uns positive Ausnahmeerscheinungen waren, und dass es schon Gruppen gab, bei denen einzelnen Müttern nahegelegt wurde, die Kur vorzeitig zu beenden, weil sie soviel Unfrieden gestiftet haben. Ich mache mich auf zur zweiten Pack-Etappe, bei der jetzt so ziemlich alles in den Taschen verschwindet, was wir morgen früh nicht noch benötigen. Um halb drei hole ich Fynn zu seiner letzten Ultraschall-Untersuchung ab. Mit Schwester Maike unterhalte ich mich darüber, wie erschreckend es ist, dass soviele Kinderärzte und Kinderurologen auf dem Gebiet der Enuresis so wenig geschult und nicht in der Lage sind, das Problem der Kinder nicht erstmal mit den banalsten und einfachsten Verhaltensweisen aus der Welt zu schaffen. Wir hätten uns fast zwei Jahre Ärzte-Odyssee inklusive medikamentöser Therapie und einer für Fynn schmerzhaften Blasenspiegelung unter Vollnarkose sparen können, wenn sein Kinderurologe in der Lage gewesen wäre, das geführte Blasentagebuch richtig zu deuten und als Konsequenz eine Umstellung seines Trinkverhaltens und Beckenbodentraining anzuordnen. Als ich mich von Schwester Maike verabschiede, kann ich das Gefühl der Dankbarkeit für das, was hier für uns getan wurde, nicht ansatzweise in Worte fassen. Denn für Fynn bedeutet die Lösung seines Problems eine völlig neue und nie dagewesene Lebensqualität. Schwester Maike drückt uns noch ihre Email-Adresse in die Hand und bitte uns, sie auf dem Laufenden zu halten. Jetzt wird es Zeit, sich für die anstehende Wattwanderung fertig zu machen. Damit die Regenjacke doch noch zum Einsatz kommt, ziehe ich sie jetzt einfach mal für die Wattwürmer an. Um viertel nach drei steht der Bus vor der Tür, um uns zum Hafen zu bringen. Als wir aus dem Bus aussteigen, fängt es an zu nieseln. Nun marschieren wir mit unserem Wattführer barfuss über matschige Wiesen Richtung Watt, während der Regen und der Wind von Minute zu Minute stärker werden. Im tiefsten Matsch angekommen machen wir jetzt alle paar Meter Halt, um etwas über Wattwürmer, Muscheln und die pflegende Wirkung von Algen erklärt zu bekommen. Das Problem ist, dass unsere Kapuzen bei dem mittlerweile orkanartigen Wind so laut an unseren Ohren flattern, dass man kein Wort versteht, falls man nicht Lippenlesen kann. Mittlerweile fangen die ersten jüngeren Kinder an zu nörgeln und zu heulen. Mein Sohn hält sich tapfer, hat aber jetzt ein ganz anderes Problem: er muss mal! Und um uns rum nur flaches Watt soweit das Auge reicht. Als er es nicht mehr aushalten kann, schlage ich ihm vor, sich so weit wie möglich von der Gruppe zu entfernen, um unerkannt pinkeln zu können. Als er losflitzt, rufe ich ihm noch hinterher, dass er am besten mit dem Wind und nicht dagegen pinkeln soll. Wobei: es schüttet eh gerade wie aus Eimern, da würde man den Unterschied eh nicht erkennen. Als Fynn nach kurzer Zeit wieder angerannt kommt, erzählt er mir ganz stolz, dass er sich seitlich zum Wind gestellt und um die Ecke gepinkelt hätte. Das ist doch mal lebensnahe Physik. Die Stimmung ist inzwischen bei den meisten auf dem Tiefpunkt angelangt. Der Wattführer fasst sich netterweise kurz, weil er wohl selber gerne wieder ins Trockene will. Als wir uns auf den Weg hinter den Deich Richtung Bus machen, sind wir alle total durchgefroren und pitschenass. War ´ne super Idee, die letzten Klamotten einen Tag vor Abfahrt nochmal richtig dreckig und nass werden zu lassen. Aaaaaber: Wattwanderung bei schönem Wetter kann ja jeder! Im Kurhaus angekommen, springen Fynn und ich erstmal unter die heiße Dusche. Anschließend beauftrage ich meinen Sohn mit dem Packen seiner Spielsachen, was sich als größere Herausforderung als das Packen der restlichen Sachen entpuppt. Alles, was der Kerl gemalt, gebastelt und geschrieben hat, muss mit zurück. Die Bilder sind pflegeleichtes Gepäck, aber die aus Papier gefaltete viereckige Katze nimmt nicht nur Platz weg, sondern muss auch noch so im Koffer positioniert werden, dass sie von nichts anderem platt gedrückt wird. Zur Krönung haben die Kinder drei Tage vor Abreise auch noch einen luftballongrossen Schweinchenkopf mit Zeitungspapier und Tapetenkleister gebastelt. Die verantwortlichen Erzieher sollen froh sein, dass ich den Kurfragebogen schon abgegeben und nur gutes rein geschrieben habe. Ich weiß, dass Fynn dieses pinkfarbene Ding zu Hause keine Blickes mehr würdigen wird, aber ES MUSS UNBEDINGT MIT!!! „Fynn, wo willst du das denn hin packen???“ „Ich kann das doch in der Hand halten.“ Weil mich nach diesen wunderschönen drei Wochen so schnell nichts aus der Ruhe bringt, einigen wir uns darauf, den Schweinchen-Kopf in eine Tüte zu packen und diese an Fynns Spielzeugkoffer zu binden. Mittlerweile ist es Zeit für´s Abendessen. Weil Monika und Luis schon abgereist sind, sitzen jetzt Cécile und Dario bei uns am Tisch. Im Gegensatz zur lustigen und hyperaktiven Hibbeligkeit, die Monika und Luis immer verbreiteten, herrscht heute die warme und positive Gelassenheit, die Cécile und Dario ausstrahlen. Während des Abendessens öffnet sich die Tür vom Speiseraum, und ein fremdes Gesicht erscheint: eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern. Wir tauschen verwunderte Blicke, weil doch eigentlich morgen erst die neue Gruppe anreist. Hinterher erfahren wir, dass sich hier wohl Krankenkasse oder Arzt der Frau mit dem Termin vertan und ihr somit einen Extra-Tag beschert hat. Mit fragendem Blick geht die Neue durch den Speisesaal, weil sie natürlich noch nicht weiß, wo alles steht. Ich muss lächeln, als ich drei Wochen zurück denke und mir vorstelle, wie hilflos wir am ersten Tag unterwegs waren. Und jetzt sitzen wir alle gemütlich zusammen und müssen uns morgen schon wieder voneinander verabschieden, weil die Zeit einfach rasend schnell vergangen ist. Die Frau wird jetzt von der Küchenfee Frau Gagelmann an unseren Tisch gesetzt und grüßt freundlich in die Runde. Sie macht einen sympathischen Eindruck, aber es hilft alles nix: sie kommt uns bei unserem letzten gemeinsamen Abendessen wie ein Fremdkörper vor, der nicht zu uns gehört. Nach dem Abendessen gehen einige der Mädels zum Abschluss noch ein Eis essen, wir anderen versammeln uns zum letzten mal im Aufenthaltsraum zum quatschen, Fotos und Email-Adressen austauschen und Rummi Cup zocken. Um neun Uhr bekommen Heike und ich plötzlich auch Lust auf ein Eis und schicken unsere Kinder zur nächsten Eisdiele. Die beiden kommen mit zwei riesigen Eisbechern zurück: ein Amarena-Becher für Heike, ein Bananensplit für mich. Heike hatte sich spezielle Eissorten für ihren Amarena-Becher gewünscht, ich wollte extra Amarena-Kirschen auf meinem Bananensplit. Kichernd erzählen Fynn und Alisha uns, dass die eh schon schielende Eisverkäuferin mit der Sonderbestellung so überfordert war, dass sie nur noch kreuz und quer zwischen den Eissorten hin und her geguckt hat. Mein Eisbecher ist der Hammer! Aber viiiiel zu groß. Nach einer dreiviertel Portion gebe ich mich geschlagen. Vollgefuttert spielen wir noch eine Abschlussrunde Rummi und verabschieden uns dann Richtung Bett. Morgen geht der Wecker schon um halb sieben. Mein Kopf hat gerade das Kopfkissen berührt, als ich auch schon eingeschlafen bin. Gute Nacht!

 

13.9.11 21:31


Reif für die Insel - Tag 20

Sonntag, 11.09.2011: Beim heutigen Frühstück verabschieden sich die ersten zwei Frauen, die früher abreisen müssen. Da viele nur mit den Namen im E-Mail-Verteiler gar nichts anzufangen wissen, weil ihnen das passende Gesicht dazu fehlt, werden jetzt noch fleissig Fotos gemacht. Damit die Fotos nach der Kur nicht umständlich hin- und hergemailt werden müssen, kommt die Idee auf, ein für alle zugängliches Online-Fotoalbum zu erstellen, in das jede von uns Bilder hochladen kann. Ich verspreche, mich darum zu kümmern, sobald ich wieder zu Hause bin. Die Sonne scheint nach dem Frühstück zwar schon vielversprechend, aber für den Strand ist es einfach noch zu kühl. So verziehe ich mich mit meinem Buch auf den sonnigen Balkon, während Fynn mit Luis und Timo eine Runde Nintendo spielt. Nach einer Stunde klappe ich das Buch wieder zu, weil ich es ausgelesen habe. „Der Schwarm“ von Frank Schätzing ist ein aussergewöhnliches, fesselndes und sehr bewegendes Buch, das man so schnell nicht mehr vergisst. Es ist zwischendurch bei den Themen der Biochemie, Genetik und Evolution recht trocken und somit auch keine leichte Kost, hat meinen Nerv aber besonders getroffen, weil mich das Thema damals zu Abi-Zeiten schon sehr interessiert hat. Die ersten hundert Seiten lesen sich ein wenig zäh, wenn man die aber durchhält, wird mit man einer Geschichte belohnt, die einen nicht mehr loslässt. Mir ist es selten bei einem Buch so schwer gefallen, es zwischendurch wegzulegen, weil ich schlafen, essen oder zu irgendwelchen Anwendungen musste. Mit diesem Buch beende ich das zweite in drei Wochen und kann somit auf entspannte 1500 gelesene Seiten zurückblicken. Im Zuge der beginnenden Aufbruchstimmung macht sich ein Haufen gemischter Gefühle in mir breit. Ich freue mich wahnsinnig auf zu Hause: auf mein eigenes Bett, auf wohltuende Stille beim Essen, auf meinen Fernseher, auf Internet den ganzen Tag lang, auf meine Freunde, auf unsere zwei Kätzchen, auf´s Ausschlafen am Wochenende, auf meine Fussballkinder und das Training, auf meine drei liebsten Arbeitskollegen und auf die nächste Radiosendung. Andererseits merke ich jetzt schon, dass mir der Abschied wahnsinnig schwer fallen wird. Von all den lieben, lustigen Frauen und ihren Kindern, netten Gesprächen, Albereien, entspannten Nachmittagen und von dem supernetten, engagierten Betreuerteam. Ab Mittwoch wird kein Essen mehr fertig vor mir auf dem Tisch stehen, niemand putzt mehr mein Bad und keiner macht mir einen Tagesplan, in dem ich einfach nur vom Sport zur Massage und weiter zum Mittagessen gehen muss. Ab Mittwoch muss ich mich wieder um alles selber kümmern. Hier wurde sich um alles gekümmert, so dass ich mich ausschließlich auf mich und Fynn konzentrieren konnte. Mir wird das Meeresrauschen und das Kreischen der Möwen beim Aufwachen und Einschlafen fehlen, ich werde die klare, salzige Luft und vor allen Dingen den Blick auf´s Meer vermissen. Mir wird die Leichtigkeit fehlen, mit der man sich hier oft durch den Tag treiben lassen konnte, ohne von irgendwelchen Terminen und Verpflichtungen in einen festen Ablauf gepresst zu werden. Und mir wird die Zeit mit Fynn fehlen, in der ich mich ihm voller Energie und Muße widmen konnte, ohne zwischen Job und alltäglichen Pflichten oft gehetzt und auf dem Sprung zu sein. Eine Zeit, in der wir zwei - nach all den Höhen und Tiefen des letzten Jahres eh schon nah zusammen gerückt - noch mehr zusammen gewachsen sind. Wenn ich etwas mitnehmen will, dann die Fähigkeit, wieder meine eigene innere Grenze an dem Punkt zu ziehen, an dem mir etwas nicht mehr gut tut und mich nicht von den Forderungen und Erwartungen anderer überrollen oder gar auffressen zu lassen. Apropos „auffressen“: zum Mittagessen gibt es heute Kroketten, Erbsen und Möhren, Schnitzel mit Champignonrahmsosse und zum Nachtisch Eis. Deswegen war es klug, am gestrigen Suppentag und nicht heute das Mittagessen ausfallen zu lassen. Nach dem Essen packen wir unsere Strandtasche und machen uns zusammen mit Silke und ihren beiden Jungs auf den Weg zum Weststrand, um dort noch ein bisschen Sonne zu tanken. Dort angekommen schiebt sich eine dicke Wolke in dem Moment vor die Sonne, als wir unsere Handtücher auf dem Sand ausbreiten. Unseren Jungs ist das völlig egal. Die verabschieden sich Richtung Spielplatz und werden die nächsten zwei Stunden nicht mehr gesehen. Silke und ich verbringen die Zeit quatschend, häkelnd (also nicht ICH, sondern Silke!!!) und lesend. Die Sonne will aber irgendwie nicht mehr so richtig raus kommen. Als uns der Wind zu kühl wird, verziehen wir uns in die hinter uns aufgereihten Strandkörbe, für die heute irgendwie niemand Mietgebühr haben will. Als die Jungs sich mal wieder blicken lassen, schmeißt Silke eine Runde Apfelkuchen und Salzbrezeln, wir haben noch Maoam und rote Erdbeerschnüre dabei. Jetzt setzen sich die Jungs windgeschützt in die Mitte von drei Strandkörben, spielen Uno und veranstalten ein Picknick. Als ich mich um halb fünf mal kurz aus dem Strandkorb erhebe und Richtung Norden gucke, zieht eine riesige dunkle Wolke auf uns zu. „Silke, wenn wir jetzt zusammen packen und zügig gehen, schaffen wir es trocken bis zum Kurhaus.“ Gesagt, getan. Kurz bevor wir am Kurhaus ankommen, fallen die ersten Tropfen, zehn Minuten später regnet es in Strömen. Ich hab mich in den drei Wochen auf der Insel echt zum Wetterexperten entwickelt. Jetzt gibt´s für mich und Fynn erstmal eine schön heiße Dusche, und dann ist es auch schon Zeit für´s Abendessen. Nach dem Essen heißt es Abschied nehmen von Silke. Die warmherzige, liebe Frau, mit der ich viele schöne Gespräche hatte und die ähnliches erlebt hat wie ich, ist mir zusammen mit ihren zwei Söhnen Moritz und Felix richtig ans Herz gewachsen. Als wir uns feste drücken, muss ich erstmal ordentlich schlucken. Aber wir werden auf jeden Fall in Kontakt bleiben und uns vielleicht sogar mal wiedersehen. Als nächstes meldet Monika sich ab. Meine anfangs so traurig und erschöpft wirkende Tischnachbarin hat sich in den drei Wochen zur lustigen, total verrückten Nudel gewandelt, die immer für gute Stimmung und jede Menge Lacher gesorgt hat. „Ich werde dich vermissen“, sagt sie, als sie mich zum Abschied drückt, „Mittwochmorgen sitze ich zu Hause am Frühstückstisch, und keine Miriam sitzt mir gegenüber.“ Und schwupp, schon ist sie weitergeflitzt. Mach´s gut, Monika, dich wird ich auch nicht vergessen. Im Aufenthaltsraum wartet Heike, damit wir unsere mittlerweile obligatorische abendliche Mensch-ärger-dich-nicht-Runde einläuten können. Heike und Alisha bleiben Gott sei Dank wie wir bis Dienstag, so dass dieser Abschied noch ein bisschen Aufschub hat. Heute verabschieden Fynn und ich uns um neun Uhr Richtung Bett, schließlich muss der junge Mann so langsam aber sicher wieder in seinen Schul-Schlaf-und-Aufsteh-Rhythmus kommen. Ich weiß zwar nicht wovon, aber ich bin auch total groggy. Noch ein paar Seiten im nächsten Buch lesen, dann fallen mir die Augen zu. Gute Nacht!

 

13.9.11 10:36


Reif für die Insel - Tag 19

Samstag, 10.09.2011: Trotz feiern bis um eins bin ich um acht Uhr wach. Da es heute anlässlich des gestrigen Ausgangs Frühstück bis um zehn gibt und sich mein Sohn auch noch nicht rührt, döse ich noch eine Stunde vor mich hin. HERRLICH! Heute können wir uns mal in Ruhe für´s Frühstück fertig machen, ohne dass ich Fynn antreiben muss. Als wir im Essens-Saal ankommen, sitzen die übrigen Feierbiester müde aber grinsend vor ihren reichlich gefüllten Kaffeetassen. Alle sind der Meinung, dass es ein toller und unvergesslicher Abend war. Nach dem Frühstück lässt sich die Sonne noch nicht so richtig blicken, so dass wir noch ein bisschen in unserem Appartement rumgammeln. Gegen zwölf lünkert sie endlich durch die Wolken. Wir packen unsere Strandtasche, kaufen uns im Städtchen ein Eis und machen uns auf den Weg zum Strand. Dort trudeln in der nächsten Stunde nach und nach die übrigen Damen ein. Unsere Kinder stoben davon und werden die nächsten Stunden schwimmend, buddelnd und Ball spielend nur noch von weitem gesehen. Wir Mütter lesen, quatschen und planen jetzt schon ein baldiges Wiedersehen. Es ist wirklich beeindruckend, dass bei 40 Frauen zwischen mindestens 15 von uns ein total herzliches und inniges Verhältnis entstanden ist. Gegen fünf machen wir uns zusammen mit unseren eingesandeten und völlig glücklichen Kinder auf den Rückweg. Weil man heute zum Mittagessen zwischen Hühnersuppe und Gemüsesuppe auswählen konnte und wir eh spät gefrühstück haben, fiel das Mittagessen im Kurhaus für uns heute aus. Stattdessen machen wir uns frisch geduscht um sechs auf den Weg zum Imbiss mit der besten Currywurst auf der Insel. Hier staunt man nicht nur darüber, wie klasse es schmeckt, sondern auch über die moderaten Preise: große Portion Pommes 1,40 Euro, Hamburger 2,30 Euro, Getränke 1,20 Euro, Riesencurrywurst mit Pommes 4,10 Euro. Nach drei Wochen gesundem Vollwertessen muss jetzt mal was richtig fettiges her! Nach einer halben Stunde rollen Fynn und ich vollgefuttert aus dem Imbiss. Zum Abschied bekommt Fynn noch zwei Bonbons geschenkt, was prompt von zwei älteren, natürlich angetrunkenen Herren kommentiert wird: „Boah, was hat der denn da bekommen? Zwei Bonbons? Wieso das denn?“ „Na, weil wir zwei so nett sind.“ komme ich den beiden zur Hilfe. „Ja, das stimmt,“ sagt der eine mit einem gierigen Blick auf meinen Ausschnitt, „und wieso haben WIR dann keine Bonbons bekommen?“ „Tja, das würde mir an ihrer Stelle jetzt zu denken geben.“ helfe ich den beiden wieder auf die Sprünge. „Hm“, sagt der eine nach einer kurzen Denkpause, „ich überleg jetzt gerade eine ganz spontane Antwort darauf.“ „Ok, dann kommen wir besser nochmal in einer halben Stunde vorbei.“ verabschiede ich mich freundlich von den schlagfertigen Verbalakrobaten. Obwohl mein Sohn schon ´ne riesige Portion Pommes mit Ketchup im Bauch hat, geht natürlich noch eine Kugel Zitroneneis rein. Ist ja auch eine Eisdiele, die wir noch nicht ausprobiert haben, also investiere ich die 80 Cent zu Forschungszwecken. Wieder im Kurhaus angekommen, haben uns alle vermisst. Irgendwie hatten wir vergessen, jemandem Bescheid zu sagen, dass wir nicht zum Abendessen kommen. Ilka, Claudia und Steffi stehen mit ihren Speicherkarten vor mir, damit ich die Fotos des gestrigen Abends auf mein Laptop ziehen und rummailen kann. Als wir uns die Fotos im Aufenthaltsraum auf meinem Laptop angucken, hat sich ruckzuck eine Traube Frauen um uns gebildet. Die, die mit waren, wollen sehen, in welchen verfänglichen Situationen sie abgelichtet wurden, die anderen sind neugierig, was sie verpasst haben. Die Schnappschüsse sind einfach nur super geworden und führen dazu, dass wir bei jedem neuen Bild quietschen, kreischen oder jubeln und somit den schönen Abend nochmal lautstark Revue passieren lassen. Als sich die Menschentraube langsam auflöst, stossen Heike und ihre Tochter mit ihrem Rummi Cup zu einer allabendlichen Spiel-Runde dazu. Kurze Zeit später sitzen wir an einem Tisch und lachen schon wieder Tränen. Sobald wir vier in einem Raum sind, scheint sich irgendwie immer eine gewisse Eigendynamik zu entwickeln, bei der Alicia, die Tochter von Heike, plötzlich radschlagend durch den Raum wirbelt, während Fynn erst einen zehnminütigen Lachkeks bekommt und anschließend seine Socken quer durch den Raum schmeißt um dann barfüssig auf dem Kopf an einer der Wände zu lehnen. Heike kommentiert all das mit ihren trockenen Sprüchen, so dass ich irgendwann hysterisch kichernd nur noch nach Luft schnappe und um Gnade winsel. Nach drei Runden Rummi gibt es für mich um zehn Uhr kein Halten mehr. Ich bin so müde, dass ich fast mit der Stirn auf die Tischplatte knalle. Früher konnte ich die Nächte durchfeiern, bis es hell wurde, heute hänge ich schon in den Seilen, wenn ich am Abend vorher bis ein Uhr raus war. Ich bin einfach zu alt für sowas! In meinem Bett angekommen schlafe ich zufrieden wie ein Stein. Gute Nacht!

11.9.11 22:29


Reif für die Insel - Tag 18

Freitag, 09.09.2011: Als ich heute zum Frühstück lächelnd den Essensraum betrete, weil ich mich gerade einfach freue, dass wir bisher eine so schöne Zeit hatten, schallt mir ein herrisches: „FELIX, SO NICHT!!! Das ist eine UNVERSCHÄMTHEIT!!!“ von Misses Wichtig entgegen. Also wenn sie, die ihre Kinder ja nicht schlecht, sondern schlicht und ergreifend gar nicht erzieht, tatsächlich mal irgendwas unverschämt findet, muss ihr Sohn ja einen ziemlichen Bock geschossen haben. Der Geräuschpegel im Essensraum ist heute – nicht nur wegen Misses Wichtig - mal wieder ohrenbetäubend. „Haaach, wie werde ich das alles vermissen, wenn ich ab Mittwoch wieder zu Hause am Frühstückstisch sitze und einfach nur wohltuende Stille herrscht!“ Gemeinsam mit Suna, Claudia und Monika überlege ich, ob man den allmorgendlichen Frühstücks-Wahnsinn nicht aufnehmen, auf CD brennen und an die Mütter verteilen könnte, um etwaigen Entzugserscheinungen vorzubeugen. Um neun Uhr habe ich mein Kur-Abschlussgespräch, in dem ich nicht viel anderes sagen kann, als dass ich mit allem superzufrieden und einfach nur total gut erholt bin. Meine Erwartungen (wenn ich denn überhaupt welche hatte) wurden übertroffen. Um zehn gibt´s heute zum letzten mal Aerobic. In der ersten Hälfte der Stunde ist Kondition und Arm-Bein-Koordination gefragt, was mir überhaupt keine Probleme bereitet. Als es dann im zweiten Teil der Stunde um Gelenkigkeit und Muskelkraft geht, bin ich raus aus der Nummer. Heute sollen wir uns zum Abschluss der Stunde auf unsere Ellenbogen stützen und den ganzen Körper in einer Geraden auf unseren Ellenbogen und Zehenspitzen halten. Bei dieser Übung bin ich diejenige, die wie ein nasser Sack auf die Matte klatscht und unter dem Gelächter der anderen stolz: „ERSTER!!!“ ruft. Nach der Stunde mache ich mich auf den Weg zur Rezeption, um zu gucken, wer sich alles in die „E-Mail-Liste“ eingetragen hat. In der Vorstellwoche vor fast drei Wochen sollte jeder etwas über sich und seine Hobbies erzählen. Als ich erwähnte, dass ich einmal im Monat eine Radiosendung mache, hatte ich nicht damit gerechnet, dass diese Info so viele Fragen nach sich ziehen würde. Nach und nach wurde ich im Laufe der folgenden Tag immer wieder angesprochen, was genau ich denn da machen würde und ob man denn auch mal eine meiner Sendungen hören könnte. Also kam ich auf die Idee, einen E-Mail-Verteiler anzulegen, um darüber allen interessierten Damen vor der nächsten Sendung den RadioKW-Weblink zuzuschicken. An der Rezeption angekommen stelle ich fest, dass sich wirklich fast alle in die E-Mail-Liste eingetragen haben, so dass wir nun einen 1a-Kur-Email-Verteiler haben, über den ich jetzt nicht nur meine Sendung ankündigen, sondern man im Nachhinein immer noch Kontakt untereinander pflegen und sich weiter austauschen kann. Beim Mittagessen überreiche ich meinem kleinen Kumpel Jonas heute schonmal mein Abschiedsgeschenk: ein Sandmännchen Pixi-Buch von Pitti Platsch mit einer Widmung als Dankeschön für soviele unterhaltsame Mittagessen mit ihm. Jonas ist entzückt und sagt gleich dreimal danke. Als ich nach dem Mittagessen durch´s Foyer laufe, fällt mir auf, dass schon die ersten gepackten Koffer an der Tür stehen. Einige der Mütter reisen schon am Wochenende ab, da ihre Kinder Anfang der Woche ihren ersten Schultag in der weiterführenden Schule haben. So langsam neigen sich die drei Wochen tatsächlich dem Ende zu. Auch unser autogenes Training bei Frau Loyal findet heute zum letzten mal statt. Während wir darauf warten, dass alle eintrudeln, planen wir schonmal den heutigen Abend. Mit Bollerwagen und reichlich Alkohol erst zur Milchbar (zumal sich der Bollerwagen dann ja auch gut für diejenigen eignet, die zu später Stunde nicht mehr selber laufen können) oder direkt zum Abtanzen ins Städtchen? Zudem wird nochmal über die Lage des nächstgelegenen Altglascontainers diskutiert, weil sich im Laufe dieser Kur wohl jede Menge „verbotenes“ Altglas angesammelt zu haben scheint, das nicht so einfach im Kurmülleimer entsorgt werden kann. „Sosoooo, Heike, was hast du denn so zu entsorgen???“ ruft Petra quer durch den Raum. „Naja, Rotkohl- und Gewürzgurkengläser halt. Eben, was man in so einer Kur alles auf dem Zimmer verzehrt.“ Petra erzählt uns grinsend, dass sie sich beim Entsorgen ihrer letzten verdächtigen Glasabfälle erst dreimal paranoid umgeguckt hätte, bevor sie die Beweisstücke im Container hätte verschwinden lassen. Jetzt ist aber nicht saufen, sondern erstmal entspannen angesagt. Als ich Fynn anschließend von der Betreuung abhole, kommt tatsächlich mal wieder die Sonne raus. Das ist doch irgendwie ungerecht: die ganze Woche herrscht Sturm und Regen, und sobald am Wochenende die „Ballermann“-Touris kommen, wird das Wetter wieder schön. Fynn und ich nutzen die Gunst der Stunde und machen uns auf den Weg zum Strand. Heute ist es fast windstill und dadurch angenehm warm. Wir ziehen die Schuhe aus, stapfen durch´s Wasser und entdecken bei Ebbe jede Menge Tiere: eine dicke, fette Qualle, einen riesigen Krebs, der die Flucht ergreift, als Fynn ihn mit einer Muschel anstubst (ich glaub, Fynn hat sich mehr erschreckt, als der Krebs) und eine Schnecke, die ihre Schleimspur durch den platten Sand zieht. Als wir ein paar Minuten unterwegs sind, entdecken wir eine sehr sonderbare, sich vermehrt am Wochenende auf Norderney ausbreitende Spezies: Perückenschafe. Perückenschafe haben alle denselben Friseur und dadurch bedingt die gleiche blondgefärbte Pissel-Dauerwelle mit dunklem Ansatz. Zudem ist ihre Hautfarbe ebenfalls gleich, weil sie fünfmal die Woche in Rudeln dieselbe Sonnenbank aufsuchen. Perückenschafe bewegen sich dümmlich kichernd gruppenweise (hier waren es fünf an der Zahl) fort und tragen vorzugsweise Glitzeroberteile, knatschenge Hosen und völlig unpraktikable hochhackige Schuhe. Der Großteil der Perückenschafe hat ein unsichtbares, aber für alle männlichen Pendants zu erkennendes ich-hab-nicht-viel-im-Kopf-und-möchte-abgeschleppt-werden-Schild auf der Stirn. Bei einigen ist zusätzlich noch das Adjektiv „dankbar“ angefügt. Am Strandspielplatz angekommen flitzt Fynn direkt zu den Trampolinen. Weil es heute nicht so voll ist, darf er länger als sechs Minuten springen und hüpft lustig vor sich hin. Ich setze mich auf eine Bank am Strand und genieße die traumhafte Aussicht. Die Sonne lässt das Meer funkeln, Segelschiffe schippern durch´s Wasser, Möwen lassen sich träge im Wind treiben. Die Sonne ist angenehm warm, es geht ein leichter Wind, die Luft riecht salzig. Ich sauge den Moment förmlich in mich ein, schließe die Augen und versuche ihn ganz tief in mir drin abzuspeichern, um ihn dann, wenn der Alltag mich wieder einzuholen droht, wieder abrufen zu können. Gleichzeitig weiß ich, dass das nicht funktionieren wird. Die ganz intensiven Momente des Glücks sind genauso flüchtig, wie jeder andere Moment auch. Es gibt keinen Glücksakku, den man in solchen Augenblicken aufladen und ihn mit den glücklichen Momenten füllen kann, um ihn bei Bedarf anzuzapfen und davon zu zehren, wenn es gerade mal nicht so gut läuft. Jeder glückliche Moment ist da, und gleich auch schon wieder weg, ohne dass man ihn festhalten kann. Man kann ihn nur ganz intensiv genießen und dankbar dafür sein, dass er gerade da ist. Man kann sich später zwar an diesen Moment zurück erinnern, aber es wird sich niemehr so anfühlen, wie es in diesem Augenblick war. Vielleicht ist die Tatsache, dass man Glücksgefühle nicht „sammeln“ kann,  auch ganz gut so, damit man einfach immer wieder versucht, jeden neuen Moment zu einem ebenso glücklichen zu machen. Unser Glück um 16 Uhr heißt „Kinderarzt Dr. Wehner“, bei dem Fynn sich zur Abschlussuntersuchung einfinden soll. Also machen wir uns schweren Herzens auf den Rückweg. Bei Dr. Wehner angekommen wird Fynn wieder gewogen und gemessen. Der kleine Fress-Sack hat 700 Gramm zugenommen (auch wenn man es dem dünnen Hemd nicht ansieht) und ist 6 Millimeter geschrumpft. Ich sage Dr. Wehner, dass ich zukünftig darauf achten werde, Fynn nicht immer auf den Kopf zu hauen, wenn ich ihn schlage. Ansonsten hat Dr. Wehner nichts zu meckern. Er hat eine Beurteilung über Fynn vorliegen, die darauf basiert, dass jedes Kind innerhalb der Betreuung an einem Tag für mehrere Stunden beobachtet wurde. „Mit versteckten Kameras?“ fragt Fynn. „Ja klar Fynn, Kurt Felix war extra dafür hier.“ erkläre ich meinem Sohn. Kurt Felix hat laut Bericht beobachtet, dass es sich bei Fynn um ein sehr ausgeglichenes, ruhiges, lustiges und angenehmes Kind handelt. Dem kann ich nur zustimmen und für mich selber wieder einmal feststellen, dass Fynns Auggelichenheit seit Mai letzten Jahres immer weiter gewachsen ist und ich somit beziehungstechnisch erst recht alles richtig gemacht habe. Ansonsten ist abschließend festzustellen, dass Fynns nächtliches Problem seit einer Woche komplett behoben ist, weil er es unter der liebevollen und ganzheitlichen Betreuung des Enuresis-Teams mit banalen Dingen wie Beckenbodentraining und Umstellung des Trinkverhaltens geschafft hat, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Damit ist er das einzige von fünfzehn betroffenen Kindern in dieser Kur, bei dem das Problem komplett abgestellt zu sein scheint. Wir werden von Dr. Wehner und Schwester Maike gebeten, sie über den weiteren Verlauf nach der Kur auf dem Laufenden zu halten und dann zum Abendessen entlassen. Fynn pfeift sich eben schnell drei Brote rein und macht sich dann auf den Weg zu einer weiteren Schnitzeljagd. In der Stunde kann Mami jetzt in Ruhe duschen und sich ausgehfein machen. Als Fynn von der Schnitzeljagd zurückkommt, wird er ins Bett verfrachtet, bekommt noch einen Film angemacht und die Anweisung, anschließend die Döppen zuzumachen und zu schlafen. Auf jedem Flur sitzt jetzt bis zwölf Uhr ein Babysitter mit den einzelnen Handy-Nummern der Mütter bewaffnet, um die Teufelsbrut zu hüten und möglichst NICHT anzurufen. Mit zehn Frauen machen wir uns auf den Weg in die Stadt, um irgendeinen Laden zu finden, in dem man abtanzen kann. Vor der Fischerkate steht eine kleine Schlange, in die wir uns einreihen. Sobald fünf Leute rauskommen, dürfen wieder fünf rein, was nichts Gutes verheißt. Drinnen angekommen, drehen wir uns auch direkt auf dem Absatz wieder um (was gar nicht so einfach ist, denn es ist so voll, dass man sich kaum  umdrehen kann). Die Musik ist zwar klasse, aber man kann maximal noch die Augenlider rauf und runter bewegen, und das haben wir uns nicht unter Abtanzen vorgestellt. Also hilft es alles nix: wir müssen in den Inselkeller. Hier ist noch angenehm wenig los, und die Tanzfläche noch komplett leer. JUCHHU! Die erste Runde Wodka-Lemon und Bacardi-Cola wird gebracht, und der Raum füllt sich langsam. Die Stimmung ist gut, wir plaudern nett und lachen viel. Als nach einer Viertelstunde das erste tanzbare Lied aufgelegt wird, passiert etwas, das ich wohl meinen Lebtag nicht vergessen werde: alle Mädels (auch die, die sonst total ruhig, zurückhaltend und ganz verantwortungsvolle, ernsthafte Mutti sind) stürzen auf die Tanzfläche und rocken - quasi noch stocknüchtern - wie entfesselt den Inselkeller. Es scheint so, als würden gerade die, die sonst zur ruhigen Fraktion gehören, förmlich explodieren. In den nächsten Stunden gröhlen wir jedes Lied mit, fabrizieren die beklopptesten Tanz-Moves, die uns irgendwie einfallen und halten uns die Bäuche vor Lachen. Alle Männlein und Weiblein, die sich gegenseitig taxierend und abscannend als Vorbereitung zum späteren Austausch von Körperflüssigkeiten möglichst cool auf der Tanzfläche bewegen, wirken völlig irritiert. Da feiert ein wild abtanzender, sich totlachender Haufen Frauen schwitzend auf der Tanzfläche ab, ohne sich auch nur ansatzweise darum zu kümmern, wie er gerade auf das andere Geschlecht wirkt und setzt somit die ungeschriebenen Gesetze des als Abschleppschuppen bekannten Inselkellers völlig ausser Kraft. Obwohl wir uns gerade mal drei Wochen kennen, haben wir soviel Spaß, als würden wir regelmäßig miteinander rausgehen. Wir sind in der kurzen Zeit richtig zusammen gewachsen. Die Tatsache, dass wir auf unsere Außenwirkung pfeifen, scheint die Männerwelt im Inselkeller scheinbar mehr zu interessieren, als das langweilig-aufgesetzte Verhalten der in mehreren Schichten geschminkten restlichen Damenwelt. Die ersten Interessenten kreisen uns langsam ein. Im Endeffekt läuft es im Inselkeller nicht anders, als im Meer: erst krabbeln sie huschend wie die Krebse heran und saugen sich dann wie die Quallen fest. Wenn man hier nicht der Illusion erliegt, etwas zu finden, das über Belanglosigkeiten und den aktuellen Abend hinausgeht, kann man im Inselkeller sehr amüsante Stunden verbringen. Meine Qualle für den heutigen Abend kommt aus Hamburg und heißt Klaus. Um kurz vor zwölf brechen die ersten Damen auf, der nächste Rutsch folgt um viertel nach zwölf. Martina, Ilka und ich bilden um eins die Nachhut. Die Hamburger Qualle möchte mich am nächsten Abend gerne wiedersehen, woraufhin ich ihm leider eine Absage erteilen muss. „Morgen abend um diese Zeit muss ich im Heim sein, wir hatten nur heute für ein paar Stunden Freigang.“ Meine Handy-Nummer erhellt sein trauriges Gesicht. Als wir den Inselkeller verlassen, stehen draussen mindestens noch zwanzig Leute, die jetzt erst rein wollen. Mir tun jetzt die Füße weh, und ich hab ein lautes Fiepen im Ohr. Links neben mir läuft Ilka, daneben Martina. Als Martina zu mir rüber guckt und von zwei Meter entfernt etwas sagt, schreie ich in die Stille hinein: „WAAAS HAST DU GESAAAGT, ICH KANN DICH NICHT HÖREEEEN!!!“ Als wir im Kurhaus ankommen, ist alles ruhig. Es gab keine Vorkommnisse, unsere Kinder schlafen wie die Engel. Völlig groggy falle ich in mein Bett. Danke Mädels für den superschönen Abend! Gute Nacht!

10.9.11 22:50


Reif für die Insel - Tag 17

Donnerstag, 08.09.2011: Wenn uns die letzten drei Tage bewusst nicht mit Terminen vollgestopft wurden, dann geht der „Stress“ aber heute wieder so richtig los. Mein Vormittag ist komplett verplant. Los geht es um viertel vor neun mit Thai-Chi bei Herrn Le. Während wir auf den guten Mann warten, stöber ich die Listen an der Rezeption durch, um zu gucken, ob es was neues gibt. Die Liste für´s abendliche Jazz-Dance bei Frau Birnbaum liegt aus. Juchhu! Schnell trage ich mich ein, bevor die letzten Plätze vergeben sind. Den Spaß lasse ich mir nicht entgehen. Die „wer-geht-am-Freitag-mit-auf-die-Rolle“-Liste platzt erwartungsgemäß aus allen Nähten. Es scheint keine Mutter zu geben, die sich nicht für einen vergnüglichen Abend eingetragen hat.  Als Herr Le die Halle betritt, sagte er: „Guten morgen, die Damen! Es ist kalt und windig, aber trocken. Strand oder Foyer?“ „Strand!“ lautet die einstimmige Antwort. Die Antwort war leider falsch. Als wir nämlich am Strand ankommen, ist gerade Flut und bei der Windstärke nichts mehr vom Strand zu sehen. Kurz beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. In meinem Buch kam das Wasser auch erst ein Stück näher, bevor es sich ganz zurückzog und dann der Tsunami kam. Aber was soll´s. Wenn das Letzte, was ich in diesem Leben tue, Thai-Chi bei Herrn Le ist, dann kann ich mir durchaus schlimmere Arten des Ablebens vorstellen. Heute weichen wir also auf die Wiese an der Promenade aus und turnen dort lustig vor uns hin. Als wir uns am Ende der Stunde in unseren obligatorischen Abschluss-Kreis stellen, sollen wir die Oberschenkel anspannen und unsere Hände darauf legen. „Fühlt ihr wie krrrrrrrrrrrrrräftig eure Muskulatur geworden ist?“ fragt Herr Le mit rrrrrrrollendem Rrrrrrrrrrr. Und ich dachte die ganze Zeit, er könnte gar kein R aussprechen. Wieder im Kurhaus angekommen, steht meine ärztliche Abschlussuntersuchung auf dem Programm. Vorher muss ich, wie beim ersten Termin auch schon, auf die Waage. Ein Kilo hat sich zu meinem Ausgangsgewicht dazu gemogelt – bestimmt rrrrrrreine Muskelmasse!!! Frau Doktor hat an meiner körperlichen Verfassung nichts auszusetzen. Super Blutdruck, lockere Rückenmuskulatur, entspannter Gesichtsausdruck. Als ich ihr erzähle, dass ich eine Woche lang ordentlich erkältet war, erklärt sie mir, dass mein Immunsystem jetzt für alles gewappnet sei und prognostiziert mir einen erkältungsfreien Herbst. Jetzt geht´s zum allerletzten mal zu Schlick und Massage. Anstatt mich schweigend durchzukneten, ist Anke heute in Plauderlaune und klärt mich darüber auf, von wann bis wann die Norderneyer Saison geht, warum es sich auf der Insel nicht lohnt, sich ein nagelneues Fahrrad zu kaufen (das Salz in der Luft frisst den Lack förmlich auf, und die Räder rosten innerhalb kürzester Zeit durch) und wieviel ein Kellner in der „Oase“ so ungefähr verdient. Nach dem Mittagessen steht „Beckenbodentraining“ auf meinem Plan. Klar ist regelmäßiges Beckenbodentraining für Frauen, die ihrem Mann eine Freude machen wollen, nicht zu verachten, aber heute geht es vordergründig um unsere Kinder. In dieser Stunde machen wir Übungen mit wohlklingenden Namen wie „Kaugummi“, „Muschel“ oder „pinkelnder Hund“, um zu lernen, wie wir zu Hause spielerische Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur mit den Kindern machen können, ohne dass sie sich dabei zu Tode langweilen. Legt euch mal auf den Boden und stellt euch vor, ihr würdest dort festkleben wie ein Kaugummi. Jetzt darf es niemand mehr schaffen, eure Arme oder Beine vom Boden wegzubekommen – bei dieser Übung spannt man wirklich fast alles an Muskeln an, was man so hat. Nach der Stunde muss ich mich erstmal bei einer Tasse Kaffee und einem Pläuschchen mit Heike ausruhen. Den Rest des Nachmittags verbringen Fynn und ich mit Extrem-Chilling. Beim Abendessen muss ich mich dann schonmal mental auf die nächste Jazz-Dance-Stunde bei Frau Birnbaum vorbereiten. Um viertel vor sieben geht es los. Einige der Mütter haben ihre Kinder mitgebracht, die jetzt zum Zugucken und Stillsein auf eine Matte in die Ecke des Raumes verbannt werden. Da sich vor dem Bewegungsraum die Spieleecke befindet, in der sich die Kleinkinder nach dem Abendessen tummeln sollen, deren Muttis noch essen, flitzen noch ein paar übriggebliebene mütterlose kleine Monster wild zwischen uns hin und her. Der Geräuschpegel und das Kindergewusel sind immens. „Wo gehören die denn hin?“ fragt mich Ilka, die neben mir steht. „Haben die keine Muttis?“ „Ich hab keine Ahnung, hauptsache die verschwinden gleich. Ich hab doch ´ne Kinderallergie.“ ist meine Antwort. Als wir mit dem Warmmachen beginnen, reißen die kleinen Kröten ständig die Tür auf, kommen in den Raum gerannt und flitzen wieder raus. Als immer derselbe Junge mittlerweile zum dritten mal reinkommt, bittet Ilka ihn freundlich, vor die Tür zu gehen. Als er zum vierten mal grinsend rein kommt, funkel ich ihn wütend an und zische: „Raus jetzt Bursche, ABER SCHNELL!!!“ So ähnlich hab ich auf der Hochzeit meiner Cousine mal einen verwöhnten Vierjährigen zum Heulen gebracht, der meinte, durch seine nervige Nörgelei einen Vortrag stören zu müssen. Auch hier scheinen die Kombination aus Stimme und bösem Blick ihre Wirkung zu tun. Das Grinsen gefriert der kleinen Nervensäge auf dem Gesicht, er zieht den Kopf erschrocken zwischen die Schultern und wieselt raus. „So, jetzt können wir weitermachen, der kommt garantiert nicht mehr.“ Frau Birnbaum grinst mich an und fragt: „War das ihr Sohn?“ Ich: „Nee, mein eigenes Kind würde ich doch niemals so anschreien.“ Der Rest der Truppe brüllt vor Lachen. Jetzt drehe ich mich zu den anderen Kindern auf der Matte, strahle sie an und sage zuckersüß: „So, und ihr seid jetzt auch schön lieb, sonst müsst ihr draussen vor der Tür mit den bösen Kindern spielen.“ Als wir alle fertig gelacht haben, machen wir mit der Schrittfolge von letzter Woche weiter, bei der nicht sonderlich viel passiert, ausser dass Frau Birnbaum zwischendurch die einzelnen Schritte entfallen, sie mal links und rechts verwechselt oder die Achten gegen den Takt vergewaltigt. Dann will sie die Schrittfolge von letzter Woche erweitern und sagt: „Wir lernen heute einen Kick Ball Dschäjjjjn.“ Erst denke ich, ich hätte mich verhört, aber als sie den Begriff mehrfach wiederholt, muss ich mich echt anstrengen, nicht laut loszulachen.  Ich kenne eigentlich nur einen Kick Ball Change, was im Prinzip ja auch schon den Ablauf des Schrittes erklärt, aber bei Frau Birnbaum sieht es eh eher aus wie Kick Ball Djäjjjjn, wenn sie den Schritt macht. Jetzt kombinieren wir zu einem Lied, das taktmässig nicht ansatzweise zu den Schritten passt, den Kick Ball Dschäjjjn, ein paar Wechselschritte, den Mambo-Schritt und wildes Schwingen unserer Arme. Mittlerweile komplett aus meinem Körper ausgetreten, tanze ich zusammen mit den anderen summend und armschwingend durch den Bewegungsraum. Wenn ich aus der Kur zurück bin, muss ich erstmal wieder in Therapie. Irgendwann erlöst Frau Birnbaum uns von unserem Elend und zeigt uns nun wie versprochen die beiden ersten Teile der Flashmob-Choreo vom Eurovision-Song-Contest. Sie macht uns die erste Acht vor und erklärt uns, dass sie die zwar zählen könnte (sehr sinnvoll, wenn mal alles zuerst trocken ohne Musik macht), dass sie das aber nicht so gerne, sondern lieber auf ihre Art und Weise macht. Also tanzen wir nicht auf 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, sondern auf wusch, wusch, wusch, wusch, Hüfte, schubi-dubi-duh. Bei Teil 2 angekommen sagt sie: „An dieser Stelle boxen wir mit den Fäusten diagonal nach links und rechts und stellen dabei eigentlich die Beine nach aussen. Aber für die Beine haben wir einfach nicht genügend Zeit, die lassen wir einfach weg. Da das die einzige Stelle ist, an der ich mal ansatzweise ins schwitzen komme, bin ich jetzt einfach ungehorsam und mach die Beine mit. Während die anderen noch über der Reihenfolge der Schritte brüten, stelle ich mir vor, wie ich unserer Tanzlehrerin übernächsten Dienstag bei der Black Eyed Peas-Choreo sagen, dass ich für die Beine einfach nicht genügend Zeit habe, und die einfach weglasse. Die letzte Viertelstunde sind wir mal total verrückt und tanzen die beiden Teile der Choreo dreimal hintereinander. Frau Birnbaum ist total stolz auf uns und legt uns ans Herz, die neuen Schritte doch direkt morgen abend mal in der Inseldisco auszuprobieren. Zumindest hätten wir den Laden dann innerhalb weniger Minuten für uns ganz alleine. Nach dem Birnbaum-Danceworkout erwartet mich Heike im Aufenthaltsraum zu einer Rummi Cup-Revanche. Nach drei Runden stösst Fynn dazu, der sich noch eine Runde Mensch-ärger-dich-nicht wünscht. Wir starten eine lustige Runde mit rasenden Verfolgungsmanövern, gnadenlosen Schmeißattacken und einem haarsträubenden Foto-Finish. Um uns rum sitzen grenzdebil dreinblickende Kinder authistisch über ihren Nintendos, während wir bei diesem guten, alten Brettspiel wild jubeln und Tränen lachen. Ein schöner Abend geht zuende. Gute Nacht!

 

 

9.9.11 19:21


Reif für die Insel - Tag 16

Mittwoch, 07.09.2011: Als Fynn und ich heute beim Frühstück eintrudeln, hat sich gerade der ganze Betreuerstab des Kurhauses versammelt. Einige der Damen sind auf die Idee gekommen zum Dank für die tolle Betreuung Geld bei den Müttern zu sammeln, eine liebe Karte zu schreiben und all das heute mit einem dicken Dankeschön zu überreichen. Eine nette Geste, die in mir die Frage aufwirft, warum mir eigentlich im Büro nicht mal jemand Geld zusteckt, schließlich bin ich auch eine sehr engagierte Arbeitnehmerin. Monika hat sich bereit erklärt, anlässlich der Geschenkübergabe ein paar Worte vorzutragen, die wohl auch aus ihrer Feder stammen. Zwischendurch reimt es sich aus Versehen mal, ein Metrum ist aber weit und breit nicht zu hören, ansonsten erinnert es in individueller Artikulation und Phonetik an eine Mischung aus Harald Juhnke und Udo Lindenberg – aber es ist ja lieb gemeint. Beim heutigen Frühstück einigen Fynn und ich uns endlich auf den zukünftigen Namen unseres Katzenmädchens: sie wird „Blue“ heißen. Nach dem Frühstück steht das nächste Highlight auf dem Programm: Strandgymnastik mit Frau Birnbaum. Frau Birnbaum ist die Dame, die letzte Woche Donnerstag neue Maßstäbe im Showtanz gesetzt hat. Ich sag nur: „Propellerarme.“ Jetzt, wo wir eigentlich raus an den Strand wollen, regnet es in Strömen. Als wir im zugigen Eingang stehen, um den „kurzen Schauer“ abzuwarten, beginnt Frau Birnbaum zur Überbrückung der Wartezeit Witze zu erzählen. Als der liebe Gott nach einer Viertelstunde wohl immer noch über Frau Birnbaums Witzerepertoire weint, gehen wir doch in den Bewegungsraum. Hier dürfen wir uns jetzt die Gymnastikbälle schnappen und alles nachmachen, was Frau Birnbaum so aus ihrem filigranen Bewegungs-Hut zaubert. In der nächsten Stunde kugelt, hüpft und rollt Frau Birnbaum samt Gymnastikball kichernd durch den Raum, wahrscheinlich, weil sie sich immer wieder auf´s Neue freut, wenn ihr eine Übung eingefallen ist, die es noch gar nicht gibt. Zwischendurch erweist sich die ein oder andere Phantasieübung auch mal als nicht so praktikabel, was darin ufert, dass Frau Birnbaums Arme und Beine sich lustig verknoten oder sie wahlweise quietschend vom Gymnastikball abstürzt. Als die Stunde rum ist, ist uns allen warm – vom vielen Lachen. Jetzt dauert es noch eine gute Stunde bis zum autogenen Training. Da ich heute mal keine Lust habe, auf meinem Zimmer zu lesen, verziehe ich mich in den gemütlichen Aufenthaltsraum auf eins der großen Sofas. Völlig entspannt und nichts böses ahnend bin ich Minuten später in mein Buch vertieft, als plötzlich die Tür aufgerissen wird und 15 kleine Monster in den Raum gestürzt kommen. Ich bin wohl zur falschen Zeit am falschen Ort, denn hier finden in der nächsten Stunde Meeres-Experimente für Kinder statt. Fluchtartig verlasse ich den viel zu lauten Ort des Geschehens und verziehe mich ins Foyer, wo noch zwei andere Mütter ganz verloren sitzen, weil sie eigentlich auch gerne in Ruhe was lesen wollten. Jetzt verbringen wir die nächste Stunde notgedrungen damit, alles und jeden zu kommentieren was/der sich durch´s Foyer bewegt. Als Ilka vom Einkaufen mit einer Tüte durch die Eingangstür kommt, muss sie die eben erstandene Jacke erstmal vorführen. Als wenige Minuten später der Paketbote mit einem riesen Paket das Foyer betritt, fragen wir ihn, ob er den von uns bestellten Stripper in der Torte bringen würde. Und als dann noch der Hausmeister reinkommt, sagt keine von uns mehr was - da wird nur noch geguckt und Speichel produziert. So vergeht die Zeit wie im Flug. Um viertel vor elf sind die kleinen Monster mit experimentieren fertig und räumen das Aufenthaltsraum-Feld. Schnell noch eine halbe Stunde auf die Couch gekuschelt und ´ne Runde gelesen. Die Handlung flaut einfach an keiner Stelle ab, sondern wird immer spannender. Um viertel nach elf steht Heike mit Fräulein-Rottenmeier-Blick grinsend im Foyer: „Miiiiiiriiiiiammmm, hast du nicht um viertel nach elf autogenes Training? Dann aber mal flott jetzt!!!“ Hoaaach, ich komm ja schon. Jetzt bin ich vom Lesen so tiefenentspannt, dass ich mich regelrecht zum autogenen Training hetzen muss. Als wir uns alle in unsere Wolldecken gekuschelt haben, prasselt der Regen auf die riesigen Dachfenster. Schööööön gemütlich! Mittlerweile braucht´s gerade mal fünf Minuten, bis ich um mich rum nichts mehr mitkriege und völlig abtauche. Nachdem wir uns nach einer dreiviertel Stunde alle wieder wachgereckt und –gestreckt haben, ist es Zeit für´s Mittagessen. Auch wenn´s draußen immer noch regnet, hab ich den kleinen Sonnenschein mit blonden Locken und blauen Augen mir gegenüber sitzen. Als Jonas zur Hälfte mit dem Essen fertig ist, schnappt er sich seinen Teller, steht auf und läuft mit nur einer Socke an Richtung Küche. „Jonas, was machst du denn?“ ruft ihm seine Mama hinterher. Der junge Mann dreht sich um und antwortet: „Will nur eben danke für das Essen sagen.“ Also wenn ich nicht eh schon Hals über Kopf verliebt in ihn wäre, wäre es spätestens jetzt um mich geschehen. Einsockig tapert er erst hinter das große Buffet, an dem das Essen ausgegeben wird. Als er merkt, dass die Damen ihn dahinter nicht sehen können, stiefelt der kleine Mann mutig durch die riesige Großküchentür, um seine herzallerliebste Mission zu erfüllen. Wir Mütter sind kollektiv gerührt. Und weil ihrem Rotzlöffel gerade niemand Beachtung schenkt, tischt meine Freundin Misses Wichtig ein Anekdötchen darüber auf, wie toll ihr jüngerer Sohn Bratwurst essen kann. Gut, dass ich momentan so tiefenentspannt bin, sonst hätte ich wahrscheinlich “Wenn man keine gut erzogenen, sympathischen Kinder hat – einfach mal Fresse halten.“ quer über den Tisch gerufen. Nach dem Mittagessen chille ich eine Runde und treffe Heike unten im Foyer, als ich Fynn um halb drei von der Betreuung abholen will. Heike fragt, ob wir im Speisesaal einen Kaffee trinken kommen (zwischen zwei und drei ist täglich Kaffe und Kuchen-Zeit). Heute hat mir mein Sohn ein total schönes Perlenarmband gebastelt, das er mir stolz überreicht und ich mir direkt umbinde. Im Speisesaal angekommen ergattert Fynn das letzte Stück Schokoladenkuchen, das er brüderlich mit mir teilt. Jetzt ist nur noch Bienenstich da, den ich nicht mag. Heike, die schon eine Viertelstunde länger im Speisesaal ist, verrät mir, dass der Schoko-Kuchen zwischendurch immer wieder nachgefüllt wird, dann aber auch jedes mal wieder ruckzuck leer ist. Ich hab eine gute Idee: „Fynn, stell dich doch mal neben die Küchentür, und wenn die Frau mit dem Tablett Schoko-Kuchen rauskommt, stellst du ihr einfach ein Beinchen und hälst den Kuchenteller unter´s rutschende Tablett.“ Ich hab den Satz gerade ausgesprochen, als die Küchenfee mit einem neuen Tablett Kuchen um die Ecke biegt. „RENN!“ rufe ich Fynn zu, der sich prompt auf Schoko-Kuchen-Jagd begibt und zwei Minuten später mit zwei erlegten Stücken wiederkommt. Eine Minute später liegen auf dem Tablett nur noch ein paar einsame Krümel. Heike und ich verabreden uns noch für nach dem Abendessen zu einem Spieleabend, dann machen Fynn und ich uns auf unsere tägliche Städtchenrunde: Postkarten zum Briefkasten bringen, ein bisschen im Spielzeugladen stöbern, im Conversationshaus im Internet surfen und heute noch ein paar Salzstangen und Chipse für den Spielebend kaufen. Auf dem Rückweg kommen uns Heike und ihre Tochter entgegen. „Ok, ihr habt Chipse und Salzstangen besorgt, dann kaufen wir noch ein paar Flipse. Magst du Krim-Sekt?“ fragt mich Heike. „Na klaaaar, aber wie wollen wir den denn im Aufenthaltsraum süppeln, ohne mit disziplinarischen Maßnahmen der Kurleitung belegt zu werden? Nachher kriegen wir Stubenarrest und Fernsehverbot.“ (Ach nee, Fernsehverbot geht ja gar nicht, wir sind ja schon seit zwei Wochen fernsehabstinent.) „Ach, den kippen wir uns einfach vorher in unsere Tassen, der ist so dunkel, dass er eh wie Cola aussieht.“ Aufgrund des im Kurhaus herrschenden Alkoholverbots entwickeln wir hier noch regelrechte kriminelle Energien. Nach dem Abendessen treffen wir uns mit Chipsen, Flipsen, Salzstangen und Spielen bepackt im Aufenthaltsraum. Heike hat sich selber übertroffen und den dunkelroten Sekt in eine Teekanne gefüllt. Fynn, der meiner Meinung nach viel zuviele Folgen der drei Fragezeichen liest und hört, ruft ganz Spürnase quer durch den Raum: „Mamaaa, euer Tee riecht irgendwie nach Schnaps!“ Kann gar nicht. Nach einer Runde Mensch-ärger-dich-nicht werden wir so langsam lustig. Jetzt schmeißt Heike auch noch die Ballermannhits auf ihrem Ipad an, und wir singen lustig „Eins kann mir keiner, eins kann mir keiner, eins kann mir keiner neeeehmen, und-das-ist-die-pure-Lust-am-Leben.“ Das passt doch gerade heute wie Arsch auf Eimer. Und als wär´s nicht schon lustig genug, kommt eine der Mädels herein gestürzt und ruft: „Leute, am Freitag haben wir alle kindfrei!!!“ An der Rezeption liegt zwischen den „wer-möchte-gerne-Armbänder-basteln-oder-am-Sandburgen-bauen-teilnehmen“-Aushängen ein ganz wichtiger: Am Freitagabend möchte die Kurleitung allen Müttern als Ausklang der Kur einen kinderfreien Abend spendieren. Von 20.00 Uhr bis 0.00 Uhr (so war es bei Aschenputtel auch, dann musste sie wieder zurück, weil sich ihre Kutsche sonst in einen Kürbis verwandelt hätte) stehen auf allen Etagen Babysitter bereit, so dass sich die Muttis ins Norderneyer Partygetümmel stürzen können. Darauf noch einen leckren Tee! Nach einer Runde Rummi Cup, bei der wir Damen mehr quatschen, als unsere Steine auszulegen, ist es plötzlich schon halb elf. Die nötige Bettschwere haben wir dank Tee allemal. Hicks! Gute Nacht!

8.9.11 22:07


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